Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

#willkommenskulturReichtNicht

Pia Selina Damm
Von Pia Selina Damm
27. Oktober 2015

Die Situation vieler Geflüchteter sowie die viel umstrittene Asylpolitik sind momentan in den Medien allgegenwärtig. Auf der einen Seite sehen wir schreckliche Bilder geflüchteter Menschen an den Grenzen. Auf der anderen Seite strahlende Gesichter weißer Menschen, die helfen und Geflüchtete großzügig willkommen heißen.

Dass die aktuelle menschenunwürdige Lage der refugees allerdings nur ein Symptom und nicht die Ursache ist, bleibt oft außen vor.

Mehr Integration? Nein, danke…

Damit meine ich nicht, dass wir mehr Integration brauchen wie unter dem Slogan „Willkommenskultur alleine reicht nicht“ momentan viel in Online-Zeitungen kursiert.

Die hier schutzsuchenden Menschen haben wenige Rechte und leben in Ungewissheit, wie lange sie sich hier aufhalten dürfen. Wie abgehoben ist es da, von ihnen zu erwarten, dass sie sich in die „deutsche Kultur“ integrieren sollen.
Vielleicht können wir das Ganze mal von einer anderen Perspektive betrachten…

Viele weiße Hände, die winken und bunt angemalt sind.

Foto: Tobias Sellmaier / pixelio.de

Mehr Nachdenken über eigene Privilegien? Ja, bitte!

Viel zu selten wird hingegen darüber nachgedacht, wie Ursachen für Flucht mit uns selbst zusammenhängen. Erste Beispiele für Fluchtursachen und Ideen für Handlungsmöglichkeiten haben Lisa und Michael in ihren Artikeln beleuchtet (siehe hier, hier und hier).
Dazu kommt dann noch die strukturelle Ebene. Wir können uns allgemein fragen, wie wir mit Menschen anderer Nationalitäten und Religionen interagieren und sie darstellen.

Denn eines der Privilegien, das weiße deutsche Menschen haben, ist die vermeintliche Allgemeingültigkeit des eigenen Standpunktes. Das, was weiße Menschen sagen ist gut, richtig und nachahmenswert. Das nennt sich Diskursmacht – die Macht zu haben, über den öffentlichen Diskurs zu bestimmen.

Das hast Du so direkt noch nicht wahrgenommen? Es schwingt auch meistens nur sehr unterschwellig und gut verpackt in Werbung, öffentlichen Diskursen, Büchern und Spielfilmen mit. Wenn diese Standpunkte deutlicher werden, erkennen wir sie meistens als Rassismus.

Was ist Weiß-Sein?

Oft habe ich nun schon das Wort weiß benutzt, warum? Was bedeutet das eigentlich?
Als weiße Menschen werden all diejeniegen bezeichnet, die der (deutschen) Mehrheitsgesellschaft angehören, all diejenigen also, für die Weißsein die Norm ist.

Anhand eines Beispieles wird es deutlich: Wenn ich eine weiße Person frage, wie sie sich beschreiben würde, würde sie vermutlich ihr Alter, Name, Beruf nennen – zum Beispiel eine 17jährige Schülerin namens Elsa. Allerdings würde sie mit ziemlicher Sicherheit nicht erwähnen, dass sie weiß ist.

„Nun könnte man hier einwenden, warum sollte Weiß-Sein überhaupt erwähnt werden? Es spielt doch überhaupt keine Rolle! Weiß-Sein sagt doch überhaupt nichts über mein Leben aus!“, Ursula Wachendorfer, Psychologin.

Wenn hingegen ich eine Schwarze Person fragen würde, wie sie sich beschreiben würde, tauchte Schwarz als Selbstbezeichnung sehr wahrscheinlich mit auf.

„Denn für Schwarze Personen ist Weiß-Sein bedeutungsvoll und sagt etwas über die Position, den sozialen Status und die Beziehungsstrukturen in einer Gesellschaft aus. Für sie ist sowohl Weiß-Sein als auch Schwarz-Sein ein Thema, weil Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen ihr Leben prägen“.

Weiße Menschen hingegen haben die Wahl, sich mit dem eigenen Weiß-Sein auseinanderzusetzen oder es zu ignorieren, da es sowieso gesellschaftliche Normalität ist.

Weißsein beschreibt also einen Zustand,

  • der strukturell Vorteile und Privilegien innehat
  • der unsichtbar ist, da er der Norm entspricht und gleichzeitig Normen setzt
  • durch den weiße Menschen über sich, andere und die Gesellschaft allgemeingültig sprechen können (Diskursmacht)

Diese Definition zeigt, dass es bei Weiß-Sein und Schwarz-Sein nicht um Hautfarben oder optische Beschreibungen, sondern um gesellschaftspolitische Standpunkte geht. Um dies deutlich zu machen, wird der Begriff „weiß“ kursiv und der Begriff „Schwarz“ als empowernde Selbstbezeichnung großgeschrieben.

Wir können also noch mehr tun als direkte Hilfe leisten. Sie ist zwar unbedingt notwendig. Allerdings ist die Frage dabei immer, wie wir uns selbst darstellen. Präsentieren wir das alte Bild des weißen Helden, der armen Schwarzen Menschen hilft?
Reproduzieren wir Stereotype oder setzen wir uns mit der eigenen gesellschaftlichen Situation auseinander?

Wir fragen durch den Ansatz des kritischen Weißseins danach, wer wodurch privilegiert wird und können bei uns selbst anfangen.

Wie können wir anfangen? Perspektivwechsel…

Ein Stapel Zeitungen mit einer Brille darauf liegend

Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Wir können anfangen, Selbstverständlichkeiten und vermeintliche Normalitäten zu hinterfragen: Situationen und Ressourcen, die für Dich selbst selbstverständlich sind, sind es vielleicht nicht für jede*n.

So zum Beispiel eine angemessene Arbeitsstelle in einem Talent- und Lernfeld zu bekommen. Oder generell überhaupt eine Arbeitsstelle zu bekommen. Zugang zu einer Wohnung. Durch den Tag gehen, am Abend ankommen und nicht (rassistisch) diskriminiert worden zu sein. Das alles sind Privilegien, denen sich die Wenigsten wohl bewusst sind.

Wir können damit anfangen,

  • uns selbst zu fragen, was für uns eigentlich ’normal‘ ist und warum,
  • ob die gleichen Situationen für andere Menschen vielleicht anders sind
  • mit welcher Brille viele Artikel und Informationen, die wir lesen, geschrieben sind – sind sie eurozentristisch?
  • und vor allem auch, wer sie schreibt – sind auch Personen dabei, die nicht der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören? Wie sieht ihre Perspektive auf die Dinge aus?

Wenn Du anfängst, den eigenen Standpunkt zu reflektieren, wird Dir im Alltag beispielsweise durch Werbeplakate bestimmt einiges auffallen, das vor allem mit einer „Europa-Brille“ designed oder geschrieben wurde. Kein Wunder also, dass Du diese Brille auch irgendwann aufziehst und Alltagssituationen und -begegnungen durch die „Europa-Brille“ siehst.

Du kannst Dich aber immer wieder darin üben, sie abzusetzen und durch andere Brillen zu sehen. Das stärkt auch unsere Empathie-Fähigkeit.

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

15 Gedanken über “#willkommenskulturReichtNicht

  1. Bernd

    Danke für den tollen Beitrag!! :)

    Ich kenne die Seite Experimentselbstversorgung zwar schon seit geraumer Zeit, allerdings ist mir soeben erst die enorme Vielfalt eurer Seite bewusst geworden!
    Auch dafür herzlichen dank! :)

    Auf das die Welt in jedem Moment wieder ein bisschen schöner und gerechter werden mag!

  2. Tim

    Oh – bin grade mal wieder her und sehe, dass mein letzter Kommentar von vor ein paar Wochen kommentarlos unter den Tisch gefallen lassen wurde.

    Herzlichen Glückwunsch, liebe Pia, dass Du so open-minded bist, auch andere Meinungen zuzulassen.
    Nicht.

    Es war kein Hass-Posting oder sowas in der Art, sondern einfach nur eine einung, die von Deiner abweicht, aber das ist Grund genug, sie einfach nicht zu posten – lieber die Claquere, die das bestätigen, was Du sowieso denkst. Soviel zur Meinungsvielfalt. Super Utopie.

  3. Tim

    Naja, liebe Pia … so ganz kann ich Deinen Standpunkt nicht teilen – bei allem Respekt für Deine engagierte Sichtweise.
    Haben wir – intern und auch gegenüber Flüchtlingen – eine eurozentrische Brille auf? Vermutlich schon.
    Ist das was Negatives? Ich finde nicht. Wenn Menschen hierher kommen und hier Schutz&materielle Unterstützung suchen, dann kann man auch erwarten, dass sie europäische Werte akzeptieren und leben. Wenn ich jemanden in mein Haus einlade (oder in diesem Fall passender: wenn er aus meiner Türschwelle steht und um Einlass bittet) dann sollte er auch meine Hausregeln respektieren.
    Stelle Dir vor, wäre wäre, wenn die Situation umgekehrt wäre: arme weiße Menschen würden in wohlhabende islamische Staaten flüchten. Wäre es dann auch OK, wenn sie dort die guten alten ‚weißen‘ Bräuche leben würden
    (FKK am Strand machen, sich Silvester besaufen etc.), oder würde man nicht eher sagen: Du bist hier zu Gast in einem islamischen Land, dass Dich freundlicherweise aufnimmt, also benimm Dich gefälligst auch entsprechend. ?

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Lieber Tim,
      zunächst einmal finde ich es schwierig, Erwartungen an Menschen zu stellen, die aus tödlicher Bedrohung aus Kriegszuständen fliehen, ihre Familien hinter sich lassen und auf der Flucht der Gefahr ausgesetzt sind zu verhundern, ermordert oder zurück geschickt zu werden.
      Was genau sind denn für Dich „europäische Werte“? Und wer sagt, dass geflüchtete Menschen nicht ähnliche Werte und Wünsche mitbringen? Das Problem ist oftmals, dass Diskriminierungen oder Gewaltbereitschaft auf sie verlagert werden, um dadurch auszublenden, dass dies unabhängig von Geflüchteten existiert.
      Sexualisierte Gewalt beispielsweie wurde nicht von geflüchteten importiert, sondern war schon immer da.
      Wenn es passiert, dass durch die eurozentristische Brille, die „Nicht-Einhaltung“ „europäischer Werte“ (hier: vermeintlicher Anti-Sexismus) ausgelagert wird, finde ich das durchaus negativ, denn es dient als Nährboden für rassistische Ressentiments.

  4. SangSum

    Hallo, schöner Artikel! Ja, es ist grausig, ich frage mich auch schon die ganze Zeit, womit ich es eigentlich verdient habe, hier auf diesem Fleck Erde, den ich mir – glaube ich zumindest – weder ausgesucht noch erarbeitet habe, so viele „Privilegien“ zu haben … Mittlerweile empfinde ich diese Privilegien als Last, denn sie können einen faul und lethargisch machen. Ich fühle mich unwohl dabei, „Deutsche“ zu sein, und ich glaube, so wie wir leben – auch wenn ich mich wirklich sehr bemühe, „anders“ zu sein und irgendwie was zu ändern (manchmal ist es halt auch nicht so leicht …) – ist ungesund und widerspricht dem Menschsein an sich. Ich könnte hier viele viele Seiten voll schreiben, lass es mal lieber :). Am Schlimmsten finde ich, auch wenn ich vielleicht dem einen oder anderen Geflüchteten ein wenig helfen kann, auch wenn ich so nachhaltig es geht lebe – das System geht trotzdem weiter … Sorry für meine Düsterkeit, manchmal ist eben nicht leicht, noch Optimismus zu bewahren.

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Lieben Dank für Deinen Kommentar! Klar, „das System“ wie es ist, geht weiter.
      Und genau deswegen ist es wichtig gleichzeitig „im alten Gehäuse“ zukunftsfähige Alternativen zu denken, schaffen und leben, die den Statut Quo überflüssig werden lassen. Gesellschaftliches Miteinander kann auch anders aussehen. Und es gibt schon Halbinseln, in denen diese Alternativen gelebt werden. Wir brauchen weitere davon, um ein anderes Leben möglich zu machen. Wandel zu gestalten darf auch Freude bringen ;)

  5. Yadgar

    Weiß-Sein… hmmm, da stellt sich allerdings die Frage: wer ist überhaupt „weiß“?

    Ethnisch Deutsche natürlich, ja. Schweizer. Österreicher. Skandinavier. Balten. Engländer. Iren. Sind Polen auch weiß? Oder Slowaken? Russen? Franzosen – auch Südfranzosen? Italiener? Oder nur die aus „Padanien“? Was ist mit Rumänen? Georgiern? Griechen? Türken? Iranern? Israelis?

    Oder hat „weiß“ eher etwas mit dem Bruttoinlandsprodukt des jeweiligen Landes zu tun – so dass helle Haut allein nicht genügt, sondern man auch mindestens den Lebensstil der deutschen Mittelschicht führen können muss, um „weiß“ sein zu können? Dann wären Hartzer auch keine Weißen…

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Hallo Yadgar, danke für Dein Interesse und Deine Fragen!
      Bevor ich versuche wieter darauf einzugehen, kurz vorweg: Bei den Begriffen „weiß“ und „Schwarz“ geht es nicht um Hautfarben, was im Artikel nur kurz angerissen wird in dem Satz: „Diese Definition zeigt, dass es bei Weiß-Sein und Schwarz-Sein nicht um Hautfarben oder optische Beschreibungen, sondern um gesellschaftspolitische Standpunkte geht.“

      Die Frage „Wer ist überhaupt weiß?“ kann allerdings noch ausfürhlicher beantwortet werden, da gebe ich Dir recht. Wichtig ist, dass wir hier ja nicht neue rassistische Kategorien aufbauen wollen, sondern diese Begriffe hilfreich sind zur Analyse des Status Quo, um zu beobachten und sich zu fragen: Wer wird überhaupt diskriminiert, durch wen und warum?
      In dem Buch „Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus“ steht zur Frage „Wer ist weiß und wer Schwarz? unter anderem Folgendes: „Während People of Color heute, gerade auch im deutschsprachigen Raum, alle Menschen bezeichnet, die rassistisch diskiminiert werden, fungiert [der Begriff] Black/ Schwarz je nach Kontext sowohl als politische Bezeichnung für Menschen, die rassistisch diskriminiert werden, als auch allein für Menschen afrikanischer Herkunftsgeschichten“.

      Ich finde, dieses Zitat macht deutlich, dass es darum geht, wer rassistisch diskriminiert wird. Hier könnten wir uns jetzt natürlich noch länger darüber austauschen, was überhaupt Rassimus ist ;)

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Lieber Jonas,
      danke Dir für Deinen Kommentar. Freut mich, dass Du die Wichtigkeit des Themas erkennst und Dir der Artikel gefäüllt.

      Wie ich es bisher mitbekommen habe, steht diese Frage für mehr Menschen im Raum.
      Für mich hat das behandelte Thema insofern etwas mit „Selbstversorgung“ zu tun, als dass die Bestrebung sich mit Selbstversorgung auseinander zusetzen bzw. sich ihr anzunähern, ein politischer Akt ist/ sein kann. Mit dem Thema geht die Frage nach Suffizient einher – Was brauche ich eigentlich wirklich?“ und damit auch das Reflektieren über Selbstverständlichkeiten und ‚Normalitäten‘ und, dass unser (Konsum-)Verhalten Auswirkungen hat.
      Es ist also vielleicht nicht das typischste Thema, dass auf einem Selbstversorgungs-Blog erwartet werden würde, allerdings weiter gedacht dennoch durchaus passend (wie ich finde).
      Wie Du auch entdecken kannst, steht unter „unsere Themen“ nicht nur das Thema „Selbstversorgung“, sondern noch einige andere, die dieses breite Feld tangieren ;)

      Klingt das für Dich schlüssig oder eher nicht nachvollziehbar?
      Alles Liebe Dir,
      pia

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