Was sind Transition Town Initiativen?

Michael Hartl
Von Michael Hartl
13. Mai 2015

Die Transition Town Movement. Eine Bewegung für Orte im Wandel. Aber welcher Wandel? Und was zeichnet die Bewegung aus? Was unterscheidet sie von anderen Initiativen? Das wollte ich wissen, denn bis jetzt hab ich die Transition Town Bewegung aus diversen Gründen oft skeptisch aus einer gewissen Entfernung betrachtet. Aber vorhandene Zweifel sind ja dazu da, hinterfragt zu werden. Zeit also, sich näher damit zu beschäftigen. Als Gesprächspartner wurde mir von einem guten Freund Gerald Wurch empfohlen, der am kommenden Wochenende einer der Redner auf dem Transition Forum in Graz ist.

Gerald Wurch ist bereits seit einigen Jahren in der Transition Bewegung Westerwald im Wandel aktiv und hat die Ortsgruppe Altenkirchen mitgegründet. Der Unternehmer und Inhaber eines Handwerksbetriebes ist Vater von drei Kindern und engagiert sich seit 2013 beim übergreifenden Transition Netzwerk. Er ist seit 2014 Mitglied des Vorstands von Transition Netzwerk e.V. und Mitglied des KoKreises des deutschen Transition Netzwerkes. Daher freut es mich umso mehr, dass sich Gerald für ein Interview Zeit genommen hat.

Lieber Gerald, was genau ist die Transition Town Movement?

Transition Town Movement ist ein Lösungsansatz, um Menschen, die spüren, das etwas nicht in Ordnung ist, einen praktischen Weg zu zeigen. Transition ist für mich eine Praxis, also nicht ein theoretischer Diskurs, sondern ein sehr praktischer Ansatz. Es wird also etwas postuliert, das kann man glauben oder nicht, zum Beispiel das Erdöl knapp wird und wie es dann mit uns als Gesellschaft weiter geht. Und dann geht es darum, was man praktisch nun umsetzen kann, damit wir uns als Gesellschaft darauf vorbereiten.

Transition hat dabei einen Ansatz, der sie von vielen anderen Bewegungen unterscheidet. Das ist das Herz. Immer wenn ich mit Menschen von Transition zusammensitze, ist da eine Herzenswärme da. Oder es wird sich darum bemüht. Es wird nicht geguckt, andere zu überzeugen und Mehrheiten zu finden, sondern es geht darum, alle ins Boot zu holen. Das finde ich so überzeugend. Klar wird dann mal länger geredet, aber es wird eben geschaut, dass sich alle wohlfühlen.

Transition ist für mich ein praktischer Ansatz, der mit Herz gefüllt ist.

Und um welche Themen geht es der Transition Town Bewegung?

In einer Transition Town Initiative gibt es das Postulat, dass die Menschen, die da sind und die Themen, die aufkommen, immer richtig sind. Und es bilden sich Interessengruppen unterschiedlichen Inhalts. Zum Beispiel hat eine Person einen Garten und möchte nicht mehr alleine darin arbeiten – und dann lässt sie andere Personen mitmachen. Es finden sich also Menschen zusammen, die gemeinsame Interessen verfolgen und bilden eine autonome Gruppe und sprechen miteinander ihre Aktivitäten ab. Sind aber zum Teil auch bei anderen Gruppen aktiv, wie eine Energie-Gruppe oder Biomeiler-Gruppe.

Foto von jungen Pflanzen in Tetrapacks, an ein Regal gebundene Töpfchen, usw.

Transition ist, was Du draus machst!
Foto von mripp

Es geht vereinfacht gesagt darum, dass wir schauen, was ist gerade wichtig für uns, wo wollen wir Schritte setzen, und welche Möglichkeiten haben wir hier im regionalen Umfeld. Und man merkt letztendlich, dass all die Sachen, die man delegiert hat, wie Gemüseanbau und Fertigung von Dingen, dass man die sich damit ein wenig wieder zurückholt. Wie zum Beispiel Mähen mit der Sense. Da wird in einem Kurs auch dieses Wissen weitergegeben. Einfach wieder händisch machen ist auch Transition. Selbermachen. Und Transition ist auch gemeinsam die erreichten Schritte zu feiern und sich bei Niederlagen nicht auseinander zu dividieren.

Wie bist Du zur Transition Town Movement gekommen?

Ich bin seit 2,5 Jahren bei der Transition Town Movement aktiv, kenne diese aber schon deutlich länger. Schon vor 4 Jahren, als ich von der Stadt aufs Land gezogen bin, um eine Gemeinschaft zu gründen. Davor hab ich mich natürlich bereits über bestehende Gemeinschaften informiert und was diese Gemeinschaften für einen roten Faden haben, welche Prinzipien diese folgen. Und über die gemeinsamen Prinzipien von Permakultur, der Endlichkeit von Öl und wie Gesellschaften sein müssten, um damit umzugehen, bin ich schon damals auf die Transition Town Movement aufmerksam geworden.

Foto von Gerald Wurch von der Transition Town Initiative Westerwald im Wandel

Unser Interviewpartner Gerald Wurch von der Transition Town Initiative Westerwald im Wandel.

Meine Frage war ja: Wie möchte ich in Zukunft leben? Und das umfasste viele Punkte, die ja Transition auch beinhaltet. Also zum Beispiel einfaches, schlichtes Leben, Selbstversorgung, miteinander materielle und ideelle Güter teilen, Talente und Ressourcen miteinander teilen. Eben einfach so miteinander teilen, dass es allen gut geht. Das war, was ich mir dazu überlegt hatte, und Transition passte da sehr gut.

Nach einem Vortrag über Gemeingüter, der kurz nach meinem Umzug aufs Land in einem Kulturzentrum stattfand, gab es eine Diskussion zum Thema. In dieser erwähnte eine Frau, dass sie letztens bei einem Vortrag über Transition Towns war, und fand das total interessant, weil Transition gute Lösungsmöglichkeiten anbietet. Mit dieser und ihrem Mann gemeinsam haben wir dann beschlossen, eine Transition Town Gruppe zu gründen. Kurz darauf war es dann so weit: An einem ersten Informations-Abend kamen dann etwa 30 Interesierte zusammen.

Das klingt ja super! Wie habt ihr diesen Abend organisiert und wie war der aufgebaut?

Nachdem die Idee geboren war, eine Transition Gruppe zu gründen, haben wir zunächst einfach eine Email an Menschen geschickt, von denen wir geglaubt haben, dass diese Interesse an dieser Idee haben könnten. Und schon waren wir zu acht und haben begonnen zu organisieren.

Wir haben also einen ersten Informationsabend organisiert, in dessen Rahmen wir die Dokumentation über die Transition Town Movement „In Transition 1.0“ gezeigt haben. Außerdem war ein Mitglied einer bereits bestehenden Transition Gruppe als Redner auf der Veranstaltung und hat die Idee sehr gut vorgestellt. Diese Gruppe ist etwa 50 Kilometer östlich von uns, hat eine Fläche wieder urbar gemacht und einen Garten angelegt, organisiert Samentauschbörsen, hat eine Trommelgruppe, eine Wandergruppe und so weiter.

Auf dieser ersten Veranstaltung, zu der eben 30 Menschen kamen, haben wir dann eine Liste ausgelegt, in der sich die Menschen eintragen konnten, die zu weiteren Veranstaltungen wieder kommen wollten. Bei weiteren Treffen haben wir dann gemeinsam überlegt, was wir machen können. Haben eine Gartengruppe gegründet, haben letztes Jahr gemeinsam mit einem Bauern aus dem Ort hier Kartoffeln und Gemüse angebaut – und haben so einfach mal angefangen.

Schön. Im Gehen zeigt sich der Weg. Zusammengefasst Deine Erfahrungen also für einen Start:

  1. Gleichgesinnte auf Veranstaltungen und im Bekanntenkreis (Email) finden
  2. Gemeinsam einen ersten Infoabend organisieren
  3. Interessantes Video vorführen
    erfahrene Transititon-Members vortragen lassen
  4. Listen auslegen, um nach der Veranstaltung Kontakt mit Interessierten halten zu können
  5. Zeitnah Folgeveranstaltungen organisieren, auf denen sofort ins Tun gekommen wird, also konkrete Themen-Gruppen gegründet werden.

Und sind diese Transition-Gruppen alle alleine oder gibt es da Zusammenarbeit?

Es gibt eine wachsende Zusammenarbeit. Ein halbes Jahr, nachdem wir unsere Transition-Gruppe gegründet haben, gab es ein Transition-Netzwerktreffen im Schloß Tempelhof. Daran hab ich Teil genommen und war dort 2,5 Tage in einem richtigen Strudel. Das war dort unglaublich intensiv. Dort hatten einzelne Teilnehmende etwas vorbereitet, um eben gerade den Transition-Initiativen in Deutschland eine Struktur zu geben, um sie besser miteinander zu vernetzen. Das wurde dem Plenum vorgestellt, aber man war sich hier nicht durchgehend einige. Und so hat man beschlossen, man diskutiert das nochmal auf den nächsten Netzwerktreffen und wird sehen, ob man etwas beschlussfähiges findet. Im Endeffekt wurde dort also kein bundesweiter Verband der Transition Initiativen gegründet, aber was sich gebildet hat, waren verschiedene Arbeitsgruppen rund um diese Idee.

Gibt es Ressourcen, die Du Menschen empfehlen würdest, die mehr über die Transition Town Initiativen wissen und vielleicht sogar eine Transition-Gruppe gründen wollen?

Einmal kannst Du natürlich danach einfach im Internet suchen. Wenn Du Transition in der Suchmaschine eingibst, kommen natürlich relevante Ergebnisse, die im jeweiligen Land schon existieren. Es gibt mit der Seite Transition Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eine umfassende Seite im Netz, in der man ganz viele Informationen findet: Wie gründet man eine Gruppe? Wo findet man Leute? Du kannst Dir dort ein Profil erstellen und dich mit anderen vernetzen. Alle bestehenden Gruppen werden dort aufgelistet. Dort gibt es auch Links oder Buchempfehlungen wie Einfach. Jetzt. Machen! von Rob Hopkins, dem Vordenker der Transition Bewegung.

Dann haben wir gerade einen Verein gegründet, der einen Flyer erstellen soll, der eben die Grundlagen erklären wird, was Transition ist und wie man eine Gruppe gründet. Der soll dann natürlich allen frei zur Verfügung stehen. Dieses Material zu erstellen ist nicht nur in Planung, sondern da stecken wir derzeit schon konkret drinnen. Das wird bald zur Verfügung stehen.

Danke Dir Gerald für das Interview.

Für alle, die sich jetzt weiter mit dem Thema beschäftigen wollen, gibt es die oben genannte Seite transition-initiativen.de als erste Anlaufstelle und als Veranstaltungstipp das Transition Forum vom 15. bis 17. Mai 2015 in Graz.

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