Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Von Selbstversorgung, Oliven und Gemeinschaft in Äthiopien

Bella
Von Isabella Ostovary
9. Juni 2015

In der Hoffnung mehr über Ökosysteme und ihre Wiederherstellung zu erfahren, studiere ich auf der BOKU das individuelle Studium „Revitalisierung und Restaurationsökologie“.

Im Zuge dieses Studiums habe ich mir letztes Jahr Gedanken um meine Masterarbeit gemacht und für mich stand fest: Egal was, solange es mit Restaurationsökologie zu tun hat. Das habe ich auch einem meiner Professoren erzählt, der hat daraufhin nachdenklich schauend seinen Hinterkopf gekratzt: „Hmm, ich glaube wir haben da was in Äthiopien, willst du das machen?“

Erste Eindrücke

Als ich in Addis Abbaba für den Zwischenstop aus dem Flieger steige und die Stadt ein wenig erkunde sehe ich dem Land nicht an, dass über 80% seiner Bevölkerung Subsistenzlandwirtschaft betreibt. Jeanshosen, Handys, bedruckte T-Shirts und es wimmelt vor Leuten. Ein richtiges Klischeegedränge, wie man es sich von der Hauptstadt eines afrikanischen Landes vorstellt. Sogar die obligatorisch überfüllten Taxis und die typische Abgasbelastung, ähnlich einem Vulkanausbruch, sind vorhanden. Auch als wir in Gonder, unser Ziel, aussteigen sehe ich immer noch nicht viel von diesen 80% freiwilligen und unfreiwilligen Selbstversorgern. Die Kleinstadt wirkt eher wie eine, sich von europäischen Städten gering unterscheidende Kleinstadt, in der es einfach besonders warm ist.

Die Marktstraße in Gonder

Erst als ich etwa eineinhalb Wochen später ein Quartier im Verkaufszimmer der örtlichen Tierärztin in einem Bergdorf beziehe, das nach dortigen Verhältnissen einer Metropole gleicht, sehe ich mehr vom eigentlichen Äthiopien.
Jeden Tag gehe ich nun vom Haus der Tierärztin zu meinem Untersuchungsgebiet und beobachte die Leute. Beobachte wie sie ihr Vieh auf den abgeernteten, trockenen Feldern weiden lassen, wie sie ihre Ernten auf den Rücken von Eseln wer weiß wohin bringen, wie sie ihre Felder mit Ochsen pflügen, wie sie ihre Kinder mit sich tragen und wie sie mich ebenfalls beobachten, die eine, die anders aussieht und den ganzen Tag Blätter pflückt und im Boden gräbt. Beobachten. Viel anderes bleibt uns nicht übrig, denn ich spreche 50 Wörter Amharisch und die meisten Dorfbewohner 50 Wörter Englisch. So beschränkt sich der Großteil unserer Kommunikation auf gemeinsames Essen und viel Lächeln.

Meine Arbeit

Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, ob und welche „Ammensträucher“ das Wachstum der afrikanischen Olive verbessern. Jene Baumart, die hier nach Meinung der Bevölkerung eigentlich überall herumstehen sollte, aber durch den hohen Brennholzbedarf kaum noch zu finden ist.

Nachdem wir – mein Betreuer, unsere Kontaktperson und ich – einen ganzen Tag in der sogenannten „Exclosure“, einem von der Beweidung ausgenommenen Gebiet, herumgerannt sind, haben wir uns für eine Erhebungsmethode entschieden.

Ich bewege mich mit der Eleganz einer hinkenden Kuh durch das Gebiet und markiere jede Olive die mir unterkommt, davon nehme ich von jeder dritten Olive Blätter und Wurzeln und packe sie in Papiersäckchen. Dann zeichne ich die Anordnung der umliegenden Gehölze und nehme auch von denen Blätter, die ich ebenfalls in Papiersäckchen packe. Eine Arbeit für die nächsten drei Wochen, bei 30° im Schatten und zahllosen Kindern, die offensichtlich nichts interessanter finden, als jemandem bei einer derart monotonen Arbeit zuzusehen. Doch um der Wissenschaft Willen ist mir keine Eintönigkeit zu viel, ich ziehe es durch.

Ob ich dabei herausfinde wie man Waldökosysteme restauriert: Sicherlich nicht. Dafür muss ich noch einen riesigen Berg sogenannter „Papers“ (wissenschaftliche Publikationen) lesen um zu verstehen, was das alles bedeuten kann. Was ich sage wenn mich jemand fragt was das bringt: „To find out how improve growth of Weira, because Weira is good for people.“ Dass die afrikanische Olive gut ist für die ansässige Bevölkerung, davon ist nämlich auch diese überzeugt.

Gesellschaft gestalten

Gemeinsames Baumwollspinnen in Awra Amba

Wenig überraschend: es gibt es auch in Äthiopien Menschen, denen die Gesellschaft, so wie sie ist, nicht passt und die versuchen ihre eigenen Vorstellung von Zusammenleben zu verwirklichen. Besonders viele davon finde ich in einer Gemeinschaft namens „Awra Amba“. Hier haben sich etwa 500 jener vereint, die meinen, dass das Leben mehr bereit hält, als die zugeschriebenen Geschlechterrollen zu erfüllen und physische Gewalt an Familienmitgliedern zu üben. Hier sollen Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, ebenso soll es sich mit der Arbeit verhalten, die mittels dreizehn direkt gewählten Kommitees verteilt wird.

Kinder hüten das Vieh nur außerhalb der Schulzeit, haben in Familienproblemen was mitzureden und schlagen darf man sie auch nicht. Heiraten kann man erst ab 19, alte Menschen ohne Familie müssen nicht auf der Straße sterben…

Da sitze ich nun im Besucherzentrum von Awra Amba, mehr als 4000 Kilometer von zu Hause entfernt, und bemerke – wie verwunderlich, dass es mich überrascht – dass hier ähnliche Kämpfe ausgefochten werden, wie dort von wo ich komme. Die Dämme an den Enden meiner Trändendrüsen drohen zu brechen, so berührt fühle ich mich.

Weitermachen, auch wenns schwer wird

Doch sind die Kämpfe auch ähnlich, die Geschichte der Gemeinschaft ist außergewöhnlich. Die Gemeinschaft hat sich 1972, nach den Ideen von Zumra Nuru, gegründet und hatte bald darauf mit Anfeindungen durch die umliegenden Gemeinschaften zu kämpfen. Religion ohne Kirche, Männer und Frauen, die die gleichen Tätigkeiten verrichten… so etwas darf es nicht geben.

Letztlich mussten 1988 sämtliche Mitglieder der Gemeinschaft vor dem Derg Regime fliehen, wobei nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte aller Mitglieder an Hunger, Durst und Krankheiten gestorben sind. Erst fünf Jahre später, nach dem Sturz des Derg Regimes, konnten sie zurückkehren. Die meisten Flächen gehören jetzt zu den umliegenden Dörfern und die Aussicht, diese zurück zu bekommen ist so klein, wie ein Strauch Rosmarin neben einem Mammutbaum.

Ende Gelände mit der landwirtschaftlichen Selbstversorgung, zumindest vorerst, denn die jetzigen 17 Hektar reichen nicht einmal fürs Brot.
Das hat mir schon zu denken gegeben. Könnte ich so viel Widerstand trotzen und dem Tod ins Gesicht blicken, um meine Vorstellung von einem gemeinsamen Zusammenleben zu verwirklichen?

Kritik

Abschließend gibt es hier noch was zum Weiterdenken: Ich denke ein kritischer Blick auf Arbeiten in sogenannten „Entwicklungsländern“ ist wichtig. Daher habe ich hier einen Link zur Aufzeichnung eines Vortrags herausgesucht der das Thema von zwei gegensätzlichen Perspektiven beleuchtet.

Und du?

Jetzt bin ich natürlich total neugierig, hast du schon mal alternative Gemeinschaften auf anderen Kontinenten besucht? Wie hast du sie gefunden und vor allem, wie bist du hingekommen? (Ich hab mich bei öffentlichen Bussen durchgefragt und habe zum Glück den Richtigen erwischt. Die letzten drei Kilometer bin ich gelaufen.)

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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

5 Gedanken über “Von Selbstversorgung, Oliven und Gemeinschaft in Äthiopien

  1. Sieglinde

    Liebe Isabella,
    danke für deinen Bericht. Damit hat das Bild der armen, hilfsbedürftigen, unselbstständigen Entwicklungsländer zu bröckeln begonnen. Vielleicht verbergen sich darunter die armen, hilfsbedürftigen, unselbstständigen Industrienationen.
    Hut ab jedenfalls vor den Awra Amba und viel Erfolg mit deiner Masterarbeit!

    LG Sieglinde

    PS: Weißt du vielleicht, wann der unter Kritik verlinkte Vortrag aufgezeichnet wurde?

    1. BellaBella Beitrags Autor

      Hallo Sieglinde,
      Danke für deinen Intput!
      Ich denke, dass sogenannte Entwicklungsländer nicht hilflos sind, dass jedoch die Bevölkerung Hilfe benötigt, da sie sukzessive ausgebeutet wurden und werden. Von innen wie von außen. Ein Mensch der gerade am verhungern ist braucht Hilfe. Das heißt nicht der Machtapparat Äthiopien als solcher braucht Hilfe, sondern die einzelnen Individuen, die gerade in ländlichen Gegenden wenig Ressourcen haben. Erhalten sie „Hilfe“ erhalten, drängt sie diese aber oft in eine passive Rolle, da sie nicht gefragt werden, was sie brauchen, sondern es wird einfach gemacht.
      Ich denke nicht, dass sich hinter dem Bild der armen, hilfsbedürftigen Entwicklungsländer arme, hilfsbedürftige Industrienationen verbergen. Industrienationen sind im Bezug auf Rohstoffe von Entwicklungsländern abhängig, arm und hilfsbedürftig ist aber etwas anderes. Ich denke eher, dass in manchen Strukturen, die es in bestimmten Regionen von Entwicklungsländern, im Gegensatz zu Industrieländern, noch gibt großes Selbstermächtigungspotential steckt, welches bewusst unterwandert wird um die eigene Machtposition zu erhalten. Konkretes Beispiel: Familienplanung und freie Gesundheitservices in Äthiopien scheitern teilweise an innenpolitischen Machtkämpfen.

  2. Philipp

    Hallo Isabella,

    ich finde es toll, dass du das so durchziehst!

    Den Eindruck, dass manche Orte auf der Welt gar nicht so verschieden sind, wie man zunächst denken mag, hatte ich auch schon öfter. Das mag meines Erachtens damit zusammenhängen, dass westliche Standards sich immer stärker etablieren und sich entsprechend auch Kulturen, denen die westliche Kultur an sich etwas Fremdes ist, daran orientieren.

    Außerdem gibt es tatsächlich Probleme, die alle Menschen haben – egal welches Geschlechts, welcher Religion und welcher Herkunft.

    Alles Liebe,
    Philipp

    1. BellaBella Beitrags Autor

      Hallo Philip,
      Danke für deinen Kommentar.
      Ich stimme dir zu. Auch in Äthiopien bemerkt man die beginnende Kommerzialisierung, die von der Bevölkerung und der Regierung als Ausweg aus der Armut gesehen wird.
      Von westlichen Standards würde ich jedoch noch nicht sprechen. Ich denke in Awra Amba wird das sehr gut sichtbar. Die Gemeinschaft lebt zwar nach Werten, die viel auf den ersten Blick als „westlich“ bezeichnen würden, tatsächlich wurden diese Werte aber nicht durch den Kontakt mit „westlichem“ Gedankengut aufgegriffen sondern sind in der Gemeinschaft entstanden. Es gibt außerdem nach wie vor große Unterschiede in den Umgangsformen und der Art und Weise wie Alltag auszusehen hat.
      Die westlichen Standards beschränken sich nach meiner Beobachtung hauptsächlich auf die Verfügbarkeit Produkten und den medizinischen Bereich.

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