Zusammen organisieren, zusammen wachsen

Tipps, wie Du Deine Veranstaltung anders organisieren kannst

Michael Hartl
Von Michael Hartl
15. Juli 2016

Schon ein Wahnsinn, wie einen der Alltag immer wieder einholt und die Zeit dahin läuft. Das Sommercamp, das vom 4. bis 10. Juli  hier stattgefunden hat, ist bald wieder eine Woche her. Und es fühlt sich für mich fast so an, als wäre es viel länger her. Sehr viel Ruhe ist wieder eingekehrt, hier am Platz. Aber die Veranstaltung wirkt immer noch nach.

Auf welche Weise? Nur bei mir? Und vielleicht die wichtigste Frage: Wie kannst Du ein ähnliches Event gestalten?

Mein kurzer Rückblick

Das diesjährige Sommercamp war für mich besonders intensiv. Auch wegen emotionaler Entwicklungen hier am Ort, die vielleicht nur indirekt mit dem Camp zu tun hatten. Aber das gerade diese Emotionen auch Platz hatten und die Gruppe darauf sehr feinfühlig reagiert hat, freut mich sehr. Wie schaffen es Gruppen von Menschen in so kurzer Zeit, etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln? Sich so stark aufeinander einzustellen? Das habe ich die Teilnehmenden im Nachhinein gefragt und dabei manche meiner Eindrücke bestätigt bekommen und einige neue Sichtweisen gelernt.

Auch fand ich die Themen, denen wir uns gewidmet haben, sehr schön. Auch wenn praktische Workshops dieses Mal nahezu gänzlich gefehlt haben. Aber beim „open space“, der Methode, nach der wir die Camps hier ablaufen lassen, entscheidet die Gruppe eben aus dem Bauch heraus, welche Themen gerade die sind, die wichtig zu bearbeiten sind. Und die sind dann auch gut so. Die Themenvielfalt ging von Gemeinschaft und deren solidarisches Wirtschaften, über Sport und Meditation, bis hin zu Märchen und gemeinsamen Musizieren.

Foto von vielen Händen mit Freundschaftsarmbändern

Ablauf unserer Veranstaltungen

Und beim Reflektieren des Sommercamps dachte ich mir, was denn der organisatorische Rahmen ist, den wir da eigentlich spannen. Und wie sieht der menschliche Rahmen aus? Ich fände nämlich fein, wenn es noch viel mehr dieser Events geben würde – nicht nur von uns. Darum mal hier eine Übersicht, welche Methoden ich als besonders hilfreich für das Gelingen unserer Camps empfunden habe.

Open space

Unsere Camp-Organisation ist stark angelehnt an die Großgruppen-Moderations-Technik „open space“. Wir möchten nämlich, dass die Camps gemeinsam gestaltet werden. Möglichst selbstorganisiert, für verantwortungsvolle und freie Menschen und von ihnen kreativ und inhaltlich gestaltet. Dazu gibt es nach einer Kennenlernphase das gemeinsame Suchen und Festlegen von Themen. Das sieht bei unseren Camps im Kern so aus:

  • Wer mag schlägt ein Thema vor und erzählt kurz, ob sie*er Ahnung vom Thema hat oder Wissen bekommen möchte.
  • Sie*er sagt, ob es ein Redekreis, ein praktischer Workshop oder eine Wanderung sein soll. Oder was jeder und jedem sonst so einfällt als möglicher Ablauf.
  • Sollte sich eine*r anschließen wollen, bei dem Thema aktiv mitzuwirken, also Wissen beisteuern, kann diese Person das kurz anmerken.
  • Das Thema wird aufgeschrieben und das nächste Thema kann vorgestellt werden.
  • Sind alle Themen gesammelt, vergibt jede Person maximal 8 Punkte. Nur 1 Punkt pro Thema. Du musst nicht alle Punkte vergeben.
  • Durch das dadurch entstehende „Interessensranking“ können zwei oder drei Freiwillige die am meisten nachgefragten Themen auswählen und in den Wochenplan einordnen. Wir planen Vormittag und Nachmittag je ein Thema. Und passende wie Jam-Sessions oder bestimmte Redekreise oder Workshops werden abends eingeplant.

Was ich zukünftig mal anders ausprobieren möchte: Bisher haben wir zu Beginn gleich die Themen für die ganze Woche festgelegt. Vielleicht versuchen wir mal, nur zwei Tage zu planen und dann am Ende der zwei Tage die noch nicht behandelten Themen neu zu bewerten. Oder Themenbereiche zu machen, wie „praktischer Workshop“, „körperliches“, „seelisches“, „Redekreise“ und „Unterhaltung“, damit selbst wenn alle Redekreise hoch spannend sind und daher die meisten Punkte bekommen, auch Platz bleibt für praktisches.

Wer mehr zu open space als Methode erfahren will, kann sich hinter den Links eine kurze oder eine lange Beschreibung dazu durchlesen.

Redekreise

Der Tag beginnt nach dem Frühstück und endet nach dem Abendessen mit einem großen Redekreis, zu dem alle kommen sollen, die am Camp teilnehmen. Hier geht es um zwei Punkte: Befindlichkeit und Organisatorisches.

Für einen Redekreis sitzen alle in einem Kreis. Eine Moderatorin begrüßt kurz alle, sagt, welche Runde nun ansteht und gibt dann das Wort an die Person, die den stärksten Impuls spürt, etwas zu sagen. Von dort aus wird das Wort – oder wenn gewünscht auch ein Redestab oder anderer Gegenstand – im Uhrzeigersinn reihum gegeben. Dabei spricht nur die Person, die an der Reihe ist, bzw. den Rede-Gegenstand hat, und alle anderen hören aufmerksam zu.

Foto eines Redekreises unter Apfelbäumen

Befindlichkeitsrunde

In der Befindlichkeitsrunde, die am Morgen die Eröffnung macht und am Abend das Ende des Redekreises, kann jede*r äußern, wie es ihr*ihm geht, was gerade in mir passiert oder wie ich mich in der Gruppe fühle. Einfach, was gerade auf dem Herzen liegt oder um es herum tanzt und fliegt. Am ersten Tag sind die Äußerungen oft nur kurze „Ja, eh gut. Passt alles. Danke.“. Aber zum Ende der Woche hin öffnen sich die meisten Menschen immer mehr – was ein schnelles und gutes Gespür für die anderen entstehen lässt und einen besonderen Beitrag für das Gemeinschaftsgefühl leistet.

Organisationsrunde

Die Organisationsrunde ist für alle Punkte rund um das Camp und den Ablauf. Diese ist besonders wichtig, da sich das Camp ja so gut wie möglich selbst organisieren soll. Hier ist Platz für Fragen oder Anmerkungen zu den Zeitplänen, zum Essen oder dem Nachkaufen von Zutaten, Anliegen zur Sauberkeit oder für Anmerkungen, was noch wichtig wäre für die Kinder, etc. Und auch hier lässt sich meist über die Woche eine interessante Entwicklung beobachten: Sind es am Anfang noch hauptsächlich die Moderator*innen und Gastgeber*innen, die Punkte anmerken, verteilt sich das zum Ende der Woche auf immer mehr Teilnehmende. Die damit zu aktiven Gestalter*innen werden. Eines unserer großen Ziele: Menschen ermächtigen, sich gemeinsam selbst zu organisieren.

Gemeinsames Kochen und Essen

Foto von jubelnden Menschen am Lagerfeuer mit Stockbrot - jede Veranstaltung braucht gutes Essen

Wenig erlebe ich als so wertvoll und zusammenführend, als gemeinsames zubereiten und verzehren von gutem, gesunden Essen. Es liegt Magie in diesem Prozess, wo aus unterschiedlichsten Zutaten etwas erschaffen wird, dass Eigenschaften hat, die keine der Zutaten selbst hatte. Es liegt Liebe in diesem Tun, denn wenn wir für Menschen gutes Essen zubereiten, die uns mehr und mehr bedeuten, machen wir das mit Hingabe. Und es liegt so viel soziales in diesem Prozess, denn wir tauschen uns aus, erschaffen gemeinsam etwas und genießen es danach miteinander.

Daher nimmt bei uns das Zubereiten des Essens einen hohen Stellenwert ein und alle, die möchten, können sich einbringen. Es ist nichts notwendiges, das im Rahmen einer Camp-Organisation eben erledigt gehört, sondern es ist integraler Bestandteil dessen, was hier in der Woche abläuft. Und ebenso wird das gemeinsame Essen als wichtig gesehen.

Lagerfeuer und Musik

Klar, einerseits kochen wir über dem Feuer. Aber das Feuer ist auch zentrale Anlaufstelle hier und zieht sowieso seit jeher Menschen einfach an. Alle sitzen am Feuer, reden, lachen, spielen Musik und starren manchmal gedankenverloren in die Flammen.

Mehr muss ich zum Lagerfeuer und der Musik glaube ich nicht schreiben. Wer nicht tief in sich spürt, warum das so wichtig ist: Hinaus mit Dir heute Abend! Nimm ein paar Menschen mit und entzündet ein Lagerfeuer!

Der Mindset fürs Wohlfühlen

Mich freut ganz besonders, dass in den Feedbacks immer wieder die Rede von der Besonderheit dieses Ortes die Rede ist. Wie wohl und sicher sich hier die meisten Menschen fühlen. Und viele sehen die Ursache in den hier lebenden Personen. Das schmeichelt natürlich, aber ich denke, dass alle Menschen, die das wirklich wollen, einen solchen Rahmen schaffen können. Dazu gibt es aus meiner Sicht ein paar simple Ansätze – die gerne auch den Teilnehmenden kommuniziert werden können – und die nicht nur auf einem solchen Camp zählen:

  • Alle Menschen, die da sind, sind genau die richtigen.
  • Die Themen, die gemeinsam gefunden werden, sind die jetzt wichtigen.
  • Wir haben Zeit. Für alles. Und alles passiert dann, wenn die Zeit reif ist und läuft so lange, wie es sich stimmig und richtig anfühlt.
  • Sei offen für Veränderungen – und passe Dich flexibel an. Wie beim improvisierten Tanzen!
  • Gib Dich hin – sowohl der Veranstaltung, als auch den dort befindlichen Menschen.
  • Sei präsent und höre bewusst zu.

Und hier noch ein paar Eindrücke vom Sommercamp im Juli 2016:

Und Du?

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Ich überlege sehr, ob ich noch ein weiteres Camp organisieren soll, dieses Jahr. Gäbe es an einem weiteren im Sommer Interesse? Und an einem im Herbst? So offen wie beschrieben oder auch stärker auf ein Thema fokussiert? Schreib mir in die Kommentare, was Dich interessieren würde!

Und wenn Du irgendwelche Gedanken oder Ideen zu irgendwas im Artikel hattest: Bitte teile es mit mir! Ab in die Kommentare damit. DANKE!

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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

5 Gedanken über “Zusammen organisieren, zusammen wachsen

  1. Johannes

    Das hört sich super an, ein kleiner entspannter Rahmen. Einige Praktiken werde ich mal mitnehmen in die Ideenkiste für das Ubuntu-Freundeskreis Sommerfestwochenende 2017. – Nachdem wir 2015 eine ganze Woche mehr oder weniger miteinander verbracht haben und von extern immer wieder einige zu uns gestoßen sind, haben wir uns dieses Jahr für ein kürzeres, geballtes Festwochenende entschieden. An den drei Tagen waren zahlreiche Menschen da, die Interesse an unseren Ideen und Dialogen hatten, das Programm war in Teilen vorher gesetzt, in Teilen auch frei gestaltet. – Wenn es passte. Das war schon schön. – Ich bin sehr interessiert an einem weiteren Camp von und mit Euch. Das klappt aber nicht mehr in diesem Jahr leider. – Von Norddeutschland zu Euch ist es ein weiter Weg. – Fühle mich aber inspiriert von der Camp Idee und habe Lust selbst mal ähnliches auszurichten. Ein bisschen mehr Gemeinschaft fördernd.

  2. Jules

    Wow so viele Kinder, so schön zu sehen! Bin vergangenen Hebst relativ jung Mama geworden und tu mir sehr schwer, in Kontakt mit Gleichgesinnten in ähnlichen Situationen zu kommen… grob formuliert. Bis die Decke auf den Kopf fällt. Dabei fallen einem die Sterne beim gemeinsamen Lagerfeuer sicher nicht auf den Kopf :)
    Und das ist alles gut gegangen?
    Liebe Grüße, jetzt gustert mich das nächste Camp schon sehr!

    1. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

      Klar ist das alles gut gegangen! :D

      Jetzt beim zweiten Sommercamp waren noch viel mehr Kinder da. Und natürlich klappt das. Wir Menschen haben bis vor recht kurzer Zeit immer in Gruppen und Stämmen zusammengelebt. Dafür sind wir gemacht. Und unsere Kinder spüren das noch deutlich mehr, als Erwachsene.

  3. Christopher

    Ach du liebe Güte,
    ist das vergangene Woche gewesen?
    Wie lang das schon wieder her ist…

    Selten haben mich Begegnungen und Orte so stark berührt wie in eurem, unserem Sommercamp 2016. Ich bin ohne große Erwartungen zu euch gestoßen und mit einem gewaltigen Sack voll der Ideen, Eindrücke und Pläne, mit neuem Mut und neuen Freunden von euch geschieden.

    Danke für alles und diese wundervolle, bunte Woche im Experiment Selbstversorgung :0)

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