Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

„Vegan lebt man nicht gesünder, es fühlt sich nur länger an!“

Martin Rohla
Von Martin Rohla
29. Dezember 2015

Abgesehen von seiner leichten grammatikalischen Unschärfe hat dieser Spruch doch einen netten Wortwitz. Und verleitet vielleicht dazu, weiterzulesen. Also Hallo. Und nach jetzt schon bald sechs Wochen jeganem Leben wage ich – bevor jetzt wieder die sicher schon ihre Messer wetzenden veganen Radikalisten über mich herfallen – lauthals zu sagen:

Dieser Spruch ist falsch!

Für mich natürlich ganz besonders erfreulich! Und für diejenigen, die sich mit dem Gedanken spielen, eventuell eine ähnliche Ernährungsform zu wählen, sicher auch hoffnunggebend.

Ich gehe gleich näher darauf ein und berichte konkret von meinen Erfahrungen und Menus der letzten Wochen, möchte aber bitte vorher etwas mir ganz Wichtiges festhalten dürfen:

Allerherzlichsten Dank für die vielen positiven, motivierenden und oft auch wirklich interessierten Reaktionen auf die bisherigen beiden Beiträge. Die zugegebenermaßen eventuell doch leicht provokativ zu verstehende Adaption des Begriffes „vegan“ zu „jegan“ hat natürlich aufmerksam gemacht, ist vielen makellosen Veganerinnen unangenehm aufgestoßen, hat aber seinen Zweck, auf die negativen Folgen globaler industrieller Tierhaltung aufmerksam zu machen, ganz und gar erfüllt. Und jetzt plagiiere ich mich selber und zitiere – zur weiteren Rechtfertigung – zum Teil wörtlich aus einer Korrespondenz mit einem sehr fundiert argumentierenden Veganer:

„Ich habe mich im Vorfeld der Öffentlichmachung meiner Aktion schon alleine aus Respekt vor der „reinen“ veganen Lehre mit der Begriffsdefinition recht intensiv beschäftigt, um halt auch niemandem aus semantischen Gründen nahezutreten. Dazu erlaube ich mir etwas nicht Unwichtiges vorwegzunehmen: Intention der Publikation ist es ja weder, Veganer provozieren zu wollen, noch sie zu mehr Akzeptanz der Jagd zu bringen. Ersteres wäre nur blöd und zweiteres bedürfte einer anderen Plattform. Intention der Veröffentlichung ist es vielmehr, Leserinnen und Leser, die sich damit noch nicht konzentriert auseinandergesetzt haben, auf die fatalen globalen Konsequenzen der Tierhaltungsindustrie aufmerksam zu machen. Und wenn ich schon beim Vorwegnehmen bin und es grad dazu passt: Mir gefällt Deine Bemerkung sehr gut, dass “ … es nicht um eine perfekte Welt geht, sondern um eine, die einfach ein bisschen besser ist.“ Und auch da wäre es schon vermessen und ganz und gar illusorisch von mir, anzunehmen, dass wegen meines „Verzichtes“ sich irgendetwas Konkretes zum Besseren wenden würde oder könnte. Wenn aber nun einige der geschätzten Leserinnen und Leser auf die Idee gebracht werden, auch nur gelegentlich auf Produkte aus industrieller Tierhaltung zu verzichten und selbst darüber dann mit Dritten zu reden, dann könnte diese Aktion eventuell doch eine Kleinigkeit bewirken. Ihr reinen Veganer seid ja ohnehin die „Säulenheiligen“ (positiv gemeint!), Euer negativer impact auf unsere Welt ist ja ohnehin schon sehr reduziert. Viel effizienter (und leichter zu bewerkstelligen) ist es nun, Konsumentinnen und Konsumenten auf die Idee eines Teilverzichts zu bringen. Denn 10 solche Halbveganer (ich komme gleich dazu, warum ich jetzt wieder zu dem Begriff greife), die zB um 50% weniger Produkte aus industrieller Tierhaltung zu sich nehmen, haben einen vielfach höheren Effekt als ein reiner Veganer mehr.

So, jetzt endlich zur Begriffsdefinition: Wie schon erwähnt habe ich im Vorfeld doch recht ausführlich über den Begriff „vegan“ und dessen Verwendung recherchiert. Der entsprechende Wikipediaartikel verweist auf verschiedene Definitionsansätze und es steht dort unter anderem: „Im Oxford Illustrated Dictionary erschien der Begriff vegan zum ersten Mal 1962 und wurde dort als „vegetarian who eats no butter, cheese, or milk“ (Vegetarier, der keine Butter, keinen Käse und keine Milch verzehrt) … Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary bezeichnet aktuell (Stand: August 2010) mit vegan sowohl jenen Vegetarier, der weder tierische Nahrung noch Milchprodukte konsumiert, als auch jemanden, der die Nutzung tierischer Produkte insgesamt vermeidet.[7]“

So schien es mir also zulässig, in der Kreation und weiteren Definition des Wortes „jegan“ auf „vegan“ Bezug zu nehmen, weil eben der komplette Verzicht auf jegliches tierische Produkt KEINE conditio sine qua non ist, man darf sich auch dann schon „vegan“ nennen, wenn man sich „nur“ rein pflanzlich ernährt. Und solche wie meine Tochter und ich ernähren sich halt  rein pflanzlich mit der einzigen Ausnahme von tierischen Produkten, die sie sich selbst erjagt haben.“

Soweit dazu – alle, die jetzt noch angefressen auf uns sind, bitte ich höflichst um Entschuldigung, aber wir werden wohl nie zusammenkommen können.

Foto zum Artikel über die Tierhaltungsindustrie von vernebelten Bergen im Morgenlicht

 

Sechs Wochen ohne Lebensmittel aus der Tierindustrie. Fast.

Was ist also seit dem 15. November, als ich zum letzten Male Allesfresser gewesen bin, passiert. Und wie fühlt es sich an?

Dieser last sunday war ja auch der Tag des in unserer Stadtflucht Bergmühle stattfindenden Bioganslessens mit mehr als 120 Gästen. Die Gelegenheit nützend habe ich mir also nicht nur zu Mittag schon eine riesige Portion Gansl reingehaut, natürlich mit allen Beilagen, die ihre Geschmacksschwere durch die intensive Verwendung von Speckwürferln, Schweineschmalz, Butter und Schlagobers erlangen, sondern dann am Abend eine zweite Portion gleich nocheinmal. Ich wußte ja, es ist der letzte Tag! Die letzten 10 Minuten vor Mitternacht habe ich dann dazu verwendet, mir eine Lindor-Schokoladekugel nach der anderen hineinzuzwängen. War mir schlecht. Die Nacht voller Alpträume. Verfolgt von ausgezehrten bleichen leicht faulig riechenden Gestalten mit intensiver Achselbehaarung und gelbunterlaufenen Augen, die mir über ihre Jesusschlapfen stolpernd nachliefen und mit schon verdorbenen Karotten, Erdäpfeln und Kürbissen nach mir schmeißend laut „Willkommen!“ riefen. Es war schrecklich.

Am 16.11.2015 dann in der Früh auf die Waage und zum ersten Mal in meinem Leben dreistellig – klar, ich hatte seit Anfang Oktober aus Prinzip von allem so viel gegessen, bis ich nicht mehr konnte. Und das so oft wie möglich. Danach mein allmorgendliches Sojajoghurt mit frischem Obst. Da bin ich schon vor einigen Jahren aus reinem Zufall auf den Geschmack gekommen, natürlich jetzt sehr hilfreich. Zu Mittag machte mir dann meine liebe Tochter einen guten warmen (auch das war für mich neu) Salat und am Abend adaptierte ich mein Rezept eines Kalbsgulasches dahingehend, dass ich statt Kalbfleisch Champignons und statt Schlagobers einfach Sojaobers nahm. Das gibt es von Joya und ist hervorragend.

Die vier starken Argumente gegen die industrielle Tierhaltungsindustrie, die jede/r versteht, der/die kein/e Vollkoffer/in ist.

Und so und so ähnlich ging es dann weiter seit Mitte November. Immer wieder neue Sachen ausprobierend, immer öfter die schon zweite „Swing Kitchen“ (real vegan Burger, genial!) besuchend, sich mit im Internet oder einschlägigen Kochbüchern bunt publizierten Rezepten beschäftigend und vor allem höchst erstaunt darüber, wie sehr sich hier in Österreich schon der gewöhnliche Supermarkt auf die anscheinend ständig wachsende Zielgruppe der Veganer einstellt. Oder auf die Zielgruppe derer, die halt nur regelmäßig vegan essen wollen. Denn diese ist es ja – so bin ich auch nach Diskussionen mit vielen aufgeklärten Veganern immer sicherer –  die das allergrößte Hoffungspotential auf ein Sinken der Nachfrage nach Produkten aus industrieller Tierhaltung birgt.

Und so nütze ich mein neues jeganes Dasein auch ganz hemmungslos und schmerzfrei dazu, mein Umfeld so oft es geht mit meiner neuen Ernährungshaltung zu penetrieren. Die vier Totschlagargumente kann ich mittlerweile in jeder Diskussion innerhalb von 10 Sekunden aufzählen und sogar jedes Gespräch, zu dem ich dazustoße, auch wenn es sich eigentlich um etwas ganz anderes dreht, rasch in eine Richtung lenken, dass ich sie dann endlich anbringen kann:

  1. 70% der weltweiten Ackerfläche für Tierfutter!
  2. Mehr als 50% des weltweiten Wasserverbrauchs für Tierhaltung!
  3. Energieeffizienz von Rindfleisch 1:9!
  4. Die Scheiße, Furze und Pisse der Viecher schlimmer als Autoabgase!

Rumms! So schnell geht das!

Und das Schöne an dieser Kurzsimplifizierung – keiner kann dem was entgegenhalten. Auf den Einwand, ob die Zahlen denn wohl richtig seien, kann man simpelst replizieren, dass auch die Hälfte schon so schlimm genug ist, dass Leute wie wir Mitteleuropäer, die im Regelfall alles haben, was sie sich nur wünschen, leicht auf etwas verzichten können müssten, vom dem man weiß, dass es ganz falsch ist. Und unserem Planeten schadet. Und wem/wer der schon vierte Wiener Winter ohne Schnee und 21 Grad am Weihnachtstag in New York nicht Anlass genug sind, sich zumindest auf eine ernsthafte Unterhaltung einzulassen, mit dem/der sollte man sich auch zukünftig eh nur auf belangloses Blabla einstellen. Kann ja auch lustig sein.

Ich gestehe!

Ja, ich habe in diesen 40 Tagen schon gesündigt! Dreimal. Aber wenigstens jedesmal ganz bewusst. Und obwohl ich mich im Regelfall wirklich sehr strikt daran halte, jegliches Produkt aus Tierhaltung (nicht nur industrieller!) zu vermeiden, denn sonst wäre diese meine Aktion ein bissl witzlos. Einmal, ganz am Anfang, bei einem schönen Abendessen, konnte und wollte ich auch der besonders netten Gastgeberin zuliebe, die sonst auf mein vorher avisiertes (das kann man übrigens ganz leicht und ohne Genierer machen und hat dann auch gleich schönen zu den vier Keulenargumenten führenden Erklärungsbedarf während des Abendessens) neues Dasein zuvorkommend reagiert hat, nicht auf eine auch aus Fisch und Eiern bestehende Vorspeise verzichten. Überhaupt auch eine meiner (ehemaligen) Lieblingsspeisen. Dann habe ich vorgestern bei meiner Mutter ein paar Vanillekipferln gegessen, die sicher mit Butter gemacht waren. Und dann war mir einmal bei einer Jagd Anfang Dezember so kalt, dass ich zu Mittag doch einen Teller heiße Gulaschsuppe gegessen habe. Das war`s aber dann schon.

Jagd und für Tiere eintreten – passt das zusammen?

Und überhaupt, höchst erfreulicherweise treffe ich auf die meiste Akzeptanz in meinem jagenden Freundeskreis. Den bei den – anschließend an die herbstlichen Gesellschaftsjagden stattfindenden – sogenannten „Schüsseltrieben“ servierten, natürlich nicht veganen Speisen ausweichend nehme ich mein eigenes veganes Schmalz (köstlich!) oder meine vegane Blutwurst (aus roten Rüben, selbst Fleischtiger schmecken keinen Unterschied) mit, repliziere bei Tisch oder schon während der Jagd meine vier Keulenargumente, lasse kosten und nehme dankend das von mir erlegte Wild von der Strecke mit. Jagende Zeitgenossen verstehen meist sofort, worum es geht, oft meinen sie, sie lebten schon lange sehr ähnlich und reden hauptsächlich davon, ob nicht das Ei vom eigenen Huhn oder das Fleisch vom biologisch arbeitenden Nachbarbauern moralisch ok sei. Klar ist es das.

Natürlich ist aber ihnen meist und mir immer klar, in was für einer außergewöhnlich privilegierten Situation wir Jägerinnen und Jäger sind. Den Bezug zur Natur nicht schon verloren habend und oft in einer Umgebung lebend, wo es halt nicht nur leicht oder sogar selbstverständlich ist, den Produzenten des Lebensmittels, das man zu sich nimmt, persönlich zu kennen, sondern man sehr oft sogar eine Auswahl treffen kann.

Habe sich meine Grundhaltung zu Jagd verändert, jage ich anders, werde ich von langjährigen Veganern gefragt. Ja, seit ich jegan lebe, halte ich eine weidgerechte (was das heißt sagt Oskar von Riesenthals berümtes Gedicht am allerbesten: „Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild, weidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.“)  Jagd für noch wichtiger als vorher und jedes von einem Auto zu Tode gefahrene Wild (alleine in meinem Revier jedes Jahr mehr als 20 Rehe) rührt mich noch mehr an als schon zuvor. Mein Respekt und meine Achtung vor der Kreatur und meine Dankbarkeit, dass ich sie ab und zu essen darf, ist weiter gestiegen.

Was mir fehlt und was mir schwer und leicht fällt.

Fehlt mit etwas, werde ich von jede/m gefragt, die/der ob meiner neuen Passion weiß, stimmt der eingangs zitierte Satz? Natürlich fehlt mir vieles in fünf Jahrzehnten Liebgewordenes, Mahlzeiten und auch Gewohnheiten, und natürlich kämpfe ich damit, in Restaurants oft nur Erdäpfeln (Kartoffel) mit Spinat oder eine fahlen Salat essen zu können. Andererseits bin ich aber auch regelmäßig begeistert, was für unzählig viele wunderbare reine Gemüsegerichte es gibt, wobei die syrische Familie, die seit einigen Monaten in unserem Haus mit uns lebt und mit der wir fast jeden Abend gemeinsam kochen, große Inspiration ist.

Der Verzicht fällt aber (noch?) leicht, denn ich weiß ja, dass es moralisch richtig ist, was ich hier tue. Das Leben fühlt sich nicht länger, sondern interessanter an.

Ob ich`s durchhalte? Weiß ich nicht. Que ca dure! Ihr werdet es erfahren.

Happy new year!

PS: Ah ja, und ich bin wieder deutlich zweistellig!

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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

10 Gedanken über “„Vegan lebt man nicht gesünder, es fühlt sich nur länger an!“

  1. grüner Alltag

    Hi Martin,
    In den USA gibt es Leute die aus dem Fell überfahrener Tiere Pelze und Co für Klamotten und Taschen machen. Manche gehen dabei sehr sensibel mit den toten Tieren um und legen die „Reste“ dann wieder in den Wald als Nährstoff für andere Tiere & Mikroorganismen.
    Was passiert hier in Deutschland mit den überfahrenen Tieren? Ich weiß, diese Frage klingt erstmal schlimm aber das würde mich wirklich mal interessieren.
    Außerdem müsste der Mensch die Population von Wild und Co gar nicht regulieren, wenn wir nicht ständig dessen Lebensraum verkleinern würden und die natürlichen Feinde ausschalten, oder?

    Was das Vegansein angeht. Nachdem du weißt dass dieses Tier nicht hätte sterben müssen, wie fühlst du dich dann dabei es zu essen und somit weitere Nachfrage zu generieren? Ich finde „sündigen“ eine schwierige Sache, Mir wird eher übel wenn ich daran denke sowas essen zu müssen, wenn es doch so viele leckeren anderen Sachen zu essen gibt. Zudem stellt sich dein Körper nicht dahingehend um, andere Sachen als leckere Gaumenfreuden zu identifizieren. Wie krass sich die Geschmacksknospen umstellen zeigt sich vielleicht erst nach einer Weile. Ich hab letztens bei meinen Eltern versehentlich Butter aufs Brot geschmiert und dachte dass das Brot schimmelt. Es hat sowas von ranzig und widerlich geschmeckt, obwohl ich früher natürlich gerne Butter gegessen hab. Mein Mann dachte ich spinne und bei ihm war’s das gleiche Empfinden. Dabei sind wir „erst“ seit 3 Jahren vegan.

    Bei der veganen Blutwurst würde mich ja mal die Zusammensetzung interessieren. Ist vielleicht vegan aber nicht unbedingt gesund da sie vermutlich ein stark verarbeitetes Produkt ist??

    Liebe Grüße,
    ~Anne

    1. Martin RohlaMartin Rohla Beitrags Autor

      Liebe Anne,

      Deine Frage klingt gar nicht schlimm, wieso sollte sie? Das ist leider eine ganz normale Sache, um die sich jeden Tag hunderte Jäger hunderte Male kümmern (müssen).

      In Österreich (und in Deutschland ist es sehr ähnlich) fällt die Versorgung von „Fallwild“ (wie durch Unfälle zu Tode gekommenes Wild bezeichnet wird) in den Aufgaben- und Verantwortungsbereich des Jagdpächters. Dh wenn eine Tier angefahren wird, ist der Verursacher dazu verpflichtet, es sofort der Polizei zu melden (was erfahrunsgemäß aber nur ganz wenige, ich würde sagen 5%, machen) oder es wird von dem/derjenigen gemeldet, die/der zufälligerweise das schon tote oder kranke (so nennt man auch ein angefahrenes Wild) sieht oder findet. Die Polizei ruft dann den Jagdpächter (oder den vom Jagdpächter nominierten Jäger) an, der sich dann aufmacht, das Wild zu finden. Was oft nicht leicht ist, weil angefahrene Stücke meist noch soviel Kraft haben, sich ins Dikicht zu verziehen und die meisten Wildunfälle in der Nacht passieren. In ca. 50% der Fälle ist es leider notwendig, dem noch lebenden kranken Stück den Gnadenschuß zu geben, bei leichteren Verletzungen packen wir es auch ins Auto und bringen es zum Tierarzt, was aber leider fast nie gut ausgeht, da ein Wildtier durch so engen Kontakt zum Menschen oft schon am Stress zugrunde geht. Das tote Stück bringen wir dann aber immer in den Wald um es dort für Füchse, Dachse oder ähnliches Raubwild im natürlichen Kreislauf zu belassen. Bei uns ist die Verwertung von Fallwild verboten, was den Verzehr betrifft, mit gutem Grund, weil Du weißt ja nicht, ob eine eventuelle innere Verletzung die Genießbarkeit des Fleisches beeinträchtigt. Was Felle und Pelze und ähnliches betrifft ist mir nicht bekannt, dass hier irgendetwas Vernünftiges spassiert, aber leider gibt es auch gar keine Nachfrage mehr, was die Decken (so nennt man das Fell von Wildtieren) auch von bei der Jagd erlegten Tieren betrifft, meist wird das leider weggeworfen.

      Du hast natürlich völlig Recht, was den Druck auf die Wildtiere wegen des sich ständig verkleinernden Lebensraums betrifft, aber hier gibt es (außer durch eine riesige Naturkatastrophe oder einen Atomkrieg oder whatever, was wir uns ja alle nicht erhoffen) keinen Weg zurück mehr. Unsere (der Jäger) große Aufgabe ist es, den Lebensraum, der den Wildtieren verbleibt, so wildgerecht wie irgendwie möglich zu erhalten, hier wird in den Revieren auch sehr viel gearbeitet, was der Öffentlichkeit ganz verborgen ist. Und natürlich ist hier auch die Bestandsregulierung durch die Jagd das wichtigste Mittel, denn in Ermangelung von natürlichen Feinden (jeder Versuch der Wiederansiedelung von Raubtieren muß leider scheitern) müßen wir vor allem eine zu viel Stress und noch mehr Unfällen führende Überpopulation verhindern. Im Regelfall wird ein Drittel des Bestandes pro Jahr erlegt, das entspricht dem natürlichen Zuwachs.

      Ich gehe auf diese Punkte darum so detailliert ein, weil all das ja meist völlig vergessen wird, im Zusammenhang mit der Jagd zu erwähnen.

      Aus all den erwähnten Gründen habe ich gar kein Problem damit, ein von mir oder meiner Familie in unserem Revier erlegtes Wildtier zu essen, ganz im Gegenteil, es ist das beste 100% natürliche Fleisch, das es geben kann und schmeckt köstlich. Nachfrage generiere ich damit keine … ;-)

      Naja, meine Geschmacksknospen müssen sich wohl noch umstellen, obwohl ich das ja eigentlich gar nicht will, weil ich mag ja den Geschmack sehr gerne und verzichte nur darum darauf, weil ich durch mein Konsumverhalten nicht die Folgen industrieller Tierhaltung fördern möchte.

      Vegane Blutwurst besteht hauptsächlich aus roter Beete und so wie viele vegane Ersatzprodukte natürlich leider wahrscheinlich auch aus nicht sehr gesunden oder nachhaltigen Zusatzstoffe. Was ja generell ein bissl ein Problem beim veganen Dasein ist, wenn man sich nicht wirklich nur auf Gemüse reduziert, dass viel Angebotenes weder gesund, noch nachhaltig ist, eher im Gegenteil.

      Hoffe ich habe Dir alle Punkte zufriedenstellend beantwortet, beste Grüße,

      Martin

      1. grüner Alltag

        Hi Martin,
        Vielen Dank für deine ausführliche Antwort die ich wirklich sehr interessant fand. Dass es bei uns leider kein Zurück mehr gibt was natürlichen Lebensraum angeht ist traurig. Allerdings würde ich hoffen, dass wir daraus gelernt hätten, was nicht der Fall ist, denn es wird immer noch mehr Lebensraum zerstört.

        Selbst wenn du noch so nachhaltiges Fleisch hast macht es das immernoch nicht gesund für unseren Körper. Aber gut, wer zum Beispiel nur ab und zu Fleisch/Zucker/Alkohol etc. zu sich nimmt trägt wohl eher keine Schäden davon.

        Das mit dem Fell finde ich schon schade. Wenn schon Fell dann wäre das vielleicht noch eine gute Möglichkeit gewesen. Die überfahrenen / geschossenen Tiere sind aber wohl zum Großteil nicht die Art Tiere mit der die Pelzindustrie „arbeitet“. Bei uns gibt es einen Pelzladen ums Eck und ich finde es jedesmal schlimm im Vorbeigehen die Schaufenster zu sehen.

        Ganz so einseitg wie „nur“ Gemüse (wie viele Sorten es da wohl gibt und wie viele Arten diese zuzubereiten?…) essen ist die Speiseplatte des Veganers ja nun nicht. Es gibt ja noch Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Obst, Kräuter und unzählige Getreidesorten. Da ist man nun wirklich nicht gezwungen auf „Ersatzprodukte“ auszuweichen. ;)

        Viele Grüße
        ~Anne

        1. Martin RohlaMartin Rohla Beitrags Autor

          Liebe Anne,

          wenn man auf alles verzichtete, was auch schon nur ansatzweise ungesund und/oder unvernünftig ist, brächten wir uns ja schon um einige viele Freuden des Lebens … ;-) Leider sind ja oft gerade die verbotenen und ganz schlimmen Dinge diejenigen, die uns am meisten anziehen, da hat die Natur ein ganz schön lustiges Spielchen sich mit uns ausgedacht. ;-)

          Jedenfalls könnten alle Veganerinnen und Veganer miteinander deutlich mehr bewirken, wenn sie sich ein bisschen entkrampften, denn so wie jetzt oft die vegane Idee kommuniziert wird trifft sie schon alleine darum auf Ablehnung, weil sie eben so kompromisslos kommuniziert wird … darum lassen wir doch den Leuten (und auch uns selber) die gelegentlichen Ersatzprodukte und auch die gelegentlichen Sünden, hier zählt das Grosse und nicht das Kleine. Finde ich halt …

          LG,

          Martin

          Beste Grüße aus Österreich,

          Martin

          1. grüner Alltag

            Ich verstehe nur nicht, warum ich es als Verzicht sehen soll keine Tierprodukte zu essen? Verzichten tu ich meiner Meinung nach dabei nämlich auf nichts. Ich esse jetzt vielseitiger als voher, fühle mich besser und habe mehr Seelenfrieden. Dabei ist es auch noch gut für die Umwelt, die Tiere und alle Menschen.

            Ich denke schon auch, dass man es nicht „zu verkrampft“ sehen darf in dem Sinne anderen nun alles Vorschreiben zu wollen. Daher berichte ich auch immer „nur“ von meinen eigenen Erfahrungen. Aber ich finde es ist auch oft die Unglaubwürdigkeit die viele Leute abschreckt, weil sie sehen wie sich Leute als Veganer bezeichnen die überhaupt keine sind. Dann muss man sich doch auch nicht dieses „Label“ geben, wenn man sowieso nicht wirklich davon überzeugt ist. Gut, du nennst dich ja „jegan.“ ;) Die Anspielung ist aber schon klar.

            Ja auch mit weniger Tierproduktkonsum wird die Welt ein ganzes Stück besser. Nur meinen persönlichen Seelenfrieden hätte ich dabei eben nicht, vielleicht ist das nun ja auch zu egoistisch. ;)

            Liebe Grüße,
            ~Anne

  2. Michael

    Bin gespannt wie es dir weiter ergeht – ich war 40 Jahre lang Fleischtiger und habe es auf fast Null reduziert. Interessanterweise fiel es mir mit der Zeit immer leichter weil es sich einfach richtig und gut anfühlt. Wie ich damit begonnen habe, habe ich den entgegen gesetzten Effekt erwartet. Es fehlen mir zwar aus Gourmetsicht heute immer noch manche Dinge im Speiseplan, aber die Gewissenshürde ist mittlerweile so hoch, dass ich da nicht mehr drüber komme.

    Und abschließend ganz wichtig, Name und Bezugsquelle der veganen Blutwurst – die will ich kosten. :)

    1. Martin RohlaMartin Rohla Beitrags Autor

      Lieber Michael,

      ja, es fällt immer leichter,d as ist richtig. Und mich freut das „fast“ in Deiner Antwort, weil es öffnet ja die Möglichkeitm ab un dazu bewußt zu „sündigen“. ;-) Da muss man dann halt höllisch aufpassen, dass es nicht zu sehr laissez faire wird. Die vegane Blutwurt ist von dem wunderbaren Fleischhhauer Dormayer, hier alle Infos dazu.

      Liebe Grüße,

      Martin

  3. Helga Geiler

    .. sehr interessant … ich versuche immer mehr, nur das zu essen was in der Familie gejagt oder gefischt worden ist – nur was ich selbst töten und zubereiten könnte und darf wird gegessen. Mit Bewusstheit und Dankbarkeit zu essen – zu konservieren, zu trocknen und zu räuchern. Der Bezug zum Tier ist dabei sehr groß – meine Familie wird daher pro Jahr mit einem Wildschwein und einem Reh verköstigt. Mit 2 pubertierenden Jugendlichen mit eigenen Kopf gelingt das nicht zu 100% – ich denke aber so ca 90% habe ich schon erreicht. Milchprodukte reduzieren sich automatisch irgendwie … Ich denke jeder muss seinen eigenen Weg gehen – und Fleisch aus Tierhaltung kann ich gar nimmer …. aber ich bin sicher weiterhin ein Allesesser … mit regionalen Bezug vom Bauern anstelle vom Supermarkt … ich mach kleine Schritte, die Richtung stimmt für mich.

    Jagd schließt Tierrespekt nicht aus – gibt überall solche und solche …

    LG Helga

    1. Martin RohlaMartin Rohla Beitrags Autor

      Liebe Helga,

      many thx für Deine Antwort. In Wirklichkeit machen wir eh genau das gleiche, nur wir haben halt das Glück der eigenen Jagd vor der Türe! ;-) Und auch mir dreht sich bei manchen Jägerwitzfiguren der Magen um, aber die Mehrzahl derer die ich kenne zeichnet sich eigentlich durch deutlich mehr Respekt vor der Natur/Kreatur aus als so mancher übereifriger Natur/Tierschützer.

      Liebe Grüße,

      Martin

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