Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Utopischer Aktivismus

Wie ein Aktivist*innen-Netzwerk utopischen Aktivismus ermöglicht...

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
27. April 2016

Wir leben in einer Zeit der Herausforderungen und des damit einhergehenden notwendigen Wandels. Warum Zeit für Veränderung ist und genau jetzt Zeit die Utopien zu leben, habe ich in einem Artikel vor gut einem Jahr geschrieben und ganz aktuell auch auf unserem Video-Blog in drei Minuten kurz skizziert.

Ein Jahr später möchte ich versuchen anhand der Erfahrungen und Perspektiven unseres utopischen Aktivismus zu motivieren, inspirieren und drei Schritte zu skizzieren, wie auch Du utopische*r Aktivist*in werden kannst. Dazu stelle ich jeweils kurz ein praktisches Projekt von uns vor, das Dich dabei unterstützen kann.

Utopischer Aktivismus – Schritt für Schritt

Mit unserem Netzwerk living utopia organisieren und verwirklichen wir alle Projekte geldfrei, vegan, ökologisch und solidarisch. Nicht zufällig nannten und nennen wir uns: living utopia – also gelebte Utopie oder auch lebendige Utopie. Unser Verständnis von Utopie lässt sich oberflächlich mit dem Gedicht des argentinischen Regisseurs Fernando Birri zusammen fassen. Vielleicht hast Du es bei uns schon an der ein oder anderen Stelle gelesen ;)

„Die Utopie, sie steht am Horizont.
Ich bewege mich zwei Schritte auf sie zu
und sie entfernt sich um zwei Schritte.
Ich mache weitere 10 Schritte
und sie entfernt sich um 10 Schritte.
Wofür ist sie also da, die Utopie?
Dafür ist sie da:
um zu gehen!“

Schritt 1: Träume groß!

Donnerstag, der 24. Dezember: Pia und ich sitzen mit heißer Schokolade zusammen und quatschen. Es entsteht – wie nebenbei – die Idee, 2016 eine Konferenz zu organisieren. Mit 300 Menschen. Vollkommen geldfrei. Erst nur ein absurd klingender Gedanke. Doch dann fragen wir uns: Warum eigentlich nicht?

Neben anderen Projekten organisieren wir dieses Jahr also auch die UTOPIKON, eine Utopie-Ökonomie-Konferenz . Mit 300 Menschen möchten wir uns an drei Tagen in der Berliner FORUM Factory zur Frage nach Herausforderungen und Wegen in eine geldfreiere Gesellschaft austauschen. Es wird vier Keynotes und 20 Workshops sowie ein kreatives Rahmenprogramm geben, um zu inspirieren, Alternativen aufzuzeigen und Austausch zu ermöglichen.

Warum erzähle ich davon an der Stelle? Zum einen, weil ich Dich natürlich gerne einladen möchte dabei zu sein. Zum anderen, um ein Beispiel dafür zu geben, was alles möglich ist. Denn entgegen einiger Stimmen in unserem Umfeld läuft alles im Flow.

Für uns ist das der erste wichtige Schritt Richtung utopischem Aktivismus:

Begreife die Utopie als Freiraum, in dem Bedenken wie ‚Das kann ich mir nicht vorstellen!‘ oder ‚Das hat noch nie funktioniert‘ keinen Platz finden.

Träume groß, denn wie heißt es so schön: Wenn eine*r träumt, ist es nur ein Traum. Doch wenn viele träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.

rötlicher Sonnenuntergang am Meer mit Strand

Nur, weil etwas bisher nicht gedacht wurde, heißt das nicht, dass es unmöglich ist!

Schritt 2: Vernetze Dich

Dein Traum, Deine Idee, kann allein vermutlich schwer umgesetzt werden. Und es macht auch nur halb so viel Freude. Trau Dich, Deine Träume auszusprechen und erzähle anderen davon! Dazu laden wir Dich zum dritten Mitmachkongress utopival ein, um Dich mit 130 anderen motivierten und interessierten Menschen ganze sechs Tage zu der Frage „Wie stellen wir uns eine zukunftsfähige Gesellschaft von Morgen vor?“ auszutauschen. In den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Ernährung, soziales Miteinander und künstlerisches Tun gibt es jeweils fünf spannende Workshops, die zum Austausch und Utopien spinnen anregen. Michael war letztes Jahr auch mit dabei und schreibt in seinem Artikel „Von Utopien und lieben Menschen“ dazu:

„Auf dem Kongress wurde wenig bis garnicht über die Übernutzung der natürlichen Ressourcen oder den Klimawandel diskutiert. Oder darüber, wie man die Wirtschaft grüner machen könnte. Es ging eben nicht darum, Schminke auf die Symptome aufzutragen. Viel mehr geht es beim utopival darum, sich die Ursachen anzusehen und gemeinsam zu überlegen, wie wir hier fundamental etwas verändern können.“

Und er schreibt weiter:

„Ja, das utopival hat es vorgemacht: Nicht mehr verkäufliche Lebensmittel wurden gerettet, die Location „Findhof“ war ohne Gegenleistung zur Verfügung gestellt worden, die Vortragenden waren ohne Honorar oder Spesen angereist. Ein Stück gelebter Utopie! Danke für die Erfahrungen – and now: let’s spread the ideas!“

utopival

Durchs Vernetzen und Ideen verbreiten, finden sich sicherlich Menschen, die ähnliche Visionen haben wie Du. Und dann, wie geht’s weiter?

Schritt 3: Werde aktiv!

Na klar: Jetzts geht’s los! NOT JUST TALKING ABOUT UTOPIA, BUT: living utopia!

Nicht nur schnacken, nicht nur über Träume austauschen, sondern auch los legen. An einem bestimmten Punkt beim Träumen, kann es helfen, sich die Frage zu stellen: Und jetzt? Warum setzen wir unsere Ideen nicht in die Tat um? Was fehlt uns dazu noch?

Manchmal fehlt nichts bestimmtes, sondern das Mut und Kraft gebende Gefühl, dass alles umsetzbar ist. An der Stelle kann es auch helfen, zunächst mit kleinen Aktionen in einem sicheren Rahmen zu beginnen. Diese Möglichkeit möchten wir beim Utopie-Aktionstag geben. Da kannst Du mit Deiner Idee dabei sein:

Am 25. Juni 2016 stellen wir an 100 Orten im deutschsprachigen Raum mit kreativen Aktionen die Frage nach einer zukunftsfähigen Gesellschaft von Morgen und möchten dadurch zum Austausch anregen. Denn: 500 Jahre nach Thomas Morus‘ Roman UTOPIA brauchen wir neue Perspektiven und sollten Schritte in Richtung Utopie gehen.

Es gibt viele Aktionsideen:

  • mach ein interaktives Utopie-Straßentheater
  • verschenke Utopie-Botschaften an Passant*innen
  • sammel Zukunftswünsche auf Kärtchen mitten in der Stadt
  • organisere einen veganen Mitmachbrunch und tausch Dich aus
  • baue im Kleinen utopietaugliche Alternativen, bspw. einen Solarofen
  • werde selbst kreativ und finde Deine Aktionsidee!

Foto der Aktion Zukunftswünsche von living utopia

Warum das Ganze?

Wenn viele kleine Leute
an vielen kleinen Orten
viele kleine Dinge tun,
wird sich das Gesicht der Welt verändern!

Also: Werde aktiv: Organisiere einen Utopie-Aktionstag bei Dir vor Ort! Wir begleiten Dich dabei gerne.

Realpolitik ist Illusionspolitik und Utopismus ist Realismus

Als abschließender feiner und passender Impuls zu utopischem Handeln möchte ich den Sozialpsychologen Harald Welzer zitieren:

„Das heißt, was im Moment Realpolitik ist, ist Illusionspolitik, und was Utopismus ist, ist Realismus – weil utopisches Handeln bzw. eine utopische Handlungsmaxime sind insofern ja realistisch, als sie davon ausgehen, so wie jetzt können wir einfach nicht weitermachen, und es muss einen ganz fundamentalen Wandel geben, und zwar keinen Wandel […] im Kontext bestehender Praktiken, sondern was wir brauchen ist eine Veränderung des Rahmens selber, der Praktiken selber.“

Und nun Du!

Welche Ideen und Projekte hast Du umgesetzt, von denen andere oder Du selbst bis dahin dachten, es sei unmöglich? Oder hast Du momentan genau solche Träume? Erzähl uns davon in den Kommentaren und lasst uns der Utopie ein Stück näher kommen!

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

8 Gedanken über “Utopischer Aktivismus

  1. Henriette

    Ich habe es überflogen, aber ich weiß genau, wovon Du sprichst. Ich freue mich so sehr, dass es an allen Ecken und Enden nach Aufbruch riecht! Wunderbar! Unser Utopia:
    Ich führe seit 4 Jahren einen veganen Haushalt. Lichtnahrungsprozeß ausprobiert, aber am 50. Tag wieder Hunger bekommen. Eines Tages wird es sein!
    Seit Juli 2012 verlangen mein Mann Oliver und ich keine Gegenleistung mehr für unsere Tätigkeiten. Wir haben unser Gewerbe aufgelöst, und ein Glas in der Garderobe darf mit Geld gefüllt werden – wer gerne welches hineintut.
    Kein Geld, kein Tausch, kein Handel, keine Berwertungen und jeder tut, was er /sie liebt und gut kann. Das ist unser Motto. (das UBUNTU-Prinzip nach Michael Tellinger)
    Wir haben ein Urban-Gardening-Projekt in unserer Stadt aufgestellt und den „Ort des Schenkens“ gegründet. Das ist ein Haus, mietfrei zur Verfügung gestellt, in das gut erhaltene Sachen gebracht werden können und jeder, der etwas davon brauchen kann, darf sich beschenken lassen. Wundervoll!
    Olivers neue Passion ist 3D-Druck. Er ist darin schon richtig gut.
    Unser nächstes Projekt ist ein Gesundenhaus. Wir laden in das beste Haus der Stadt (mietfrei) Heiler, Energetiker, Ärzte ein, die an einem Sonntag im Monat den Menschen unentgeltlich ihre Kunst anbieten.
    Wir lieben unser Leben und leben unsere Träume! Und wir wissen eines: Visionen werden Realität.
    Herzlichst, Henriette

  2. Johannes

    Vielen Dank für diesem Artikel!
    Nur zwei kleine Anmerkungen: Bei dem Zitat von Harald Welzer vermisse ich eine Quellenangabe.

    Und ich frage mich, wieso das Utopival bei Facebook ist. Dann kann es ja so utopisch nicht sein… ;)

  3. Jan

    Hallo Tobi,
    ich finde es wunderbar und sehr inspirierend über eure Aktionen und Kongresse zu lesen und sich dadurch immer wieder motivieren und aufmuntern zu lassen.
    Ich durfte dich bereits persönlich an einem kleinen Vortrag in der Schweiz kennenlernen, was sehr bereichernd war und meinen Horizont erneut ein Stück weit vergrößert hat.
    Der Wandel findet heute in den Köpfen der Menschen statt und will dann mit dem Herzen gelebt werden.
    Wenn man sich selbst nicht mehr verleumdet und seine Konditionierungen aufbricht, kann eine ganz neue Welt von Morgen entstehen und ein neues Miteinander zwischen allen Geschöpfen friedlich gelebt werden.

    Meine gelebte Utopie erstreckt sich mittlerweile auf viele Lebensbereiche.
    Von der weitestgehenden Nahrungsmittel-Versorgung aus dem eigenen Garten, über den Saunabau in Blockbauweise, mit Bau- und Brennholz aus dem eigenen Wald, ein kleines Haus in Strohballenlehmbauweise, bis hin zur autarken energetischen Versorgung mit Strom und Wärme. Wissensvermittlung, Vernetzung und vieles mehr…

    Hiermit auch ein Dankeschön an Lisa und Michael, die große Vorbilder sind und aufzeigen was alles möglich ist im Bereich der Selbstversorgung und nicht nur da, wenn man sich nur traut und neue Wege geht.

    Vielen Dank für alles! Lasst uns die Utopien leben, es fühlt sich wunderbar und richtig an. :)

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