Unerwarteter Besuch

Michael Hartl
Von Michael Hartl
30. November 2011

Da Lisa, Elsa und Simon Anfang der Woche nicht hier waren, war geplant, dass ausschließlich ich am Hof sein werde. Auch Montag Abend war einer der bevorstehenden Nächte, die ich lediglich mit den drei Katzen, die hier durch Garten und Umland streifen, alleine sein sollte. Eine Situation, die ich durchaus mag, von Zeit zu Zeit. Alleine mit meinen Gedanken, nur ein wenig Ablenkung durch die Natur um mich herum, werden die Gedanken nach einer Weile ruhiger und klarer. Ideal um ein wenig über das Leben und über getroffene, oder nicht getroffene, Entscheidungen der letzten Monate nachzusinnen und vor sich selbst zu verantworten.

Aber nicht so am Montag Abend.

Als es begann dunkel zu werden, machte ich, was ich jeden Tag versuche zu tun. Ausreichend Holz für den Abend und den nächsten Morgen in die Stube tragen, einige Liter frisches Wasser vom Brunnen hereinholen und Abwasser- und Komposteimer nach draußen bringen. So lässt sich dann der Abend in einer wohlig, warmen Stube verbringen und der nächste Morgen geht ruhiger los, denn vor dem Frühstück müssen weder Holz noch Eimer geschleppt werden.

Wer steht da vor der Tür?

Als es draussen schon seit zwei oder drei Stunden komplett finster war, klopft es plötzlich. Ein ganz deutliches Klopfen. Kurz denke ich an Gespräche mit vielen Menschen, die mein Interesse am Leben und manchmal allein sein – hier draussen ohne Nachbar*innen weit und breit – nicht nachvollziehen können. Viele sagen mir, sie hätten Angst, in dieser Dunkelheit. Und Angst davor, dass plötzlich ein aggressiver oder böser Mensch käme und ihnen sonst was antun würde. Ich muss schmunzeln, denn ich glaube nicht an „die böse Welt“, die Horrorfilme, Thriller, Krimis und Nachrichten in den Köpfen der Menschen als quasi „eigene Erfahrung“ entstehen lassen.

Ich gehe also zur Haustür und öffne sie. Davor steht ein Mann, vielleicht fünf Jahre älter als ich. Sein vollgepackter Rucksack, mit daran festgeschnürter Isomatte und Schlafsack, genau wie seine Wanderstiefel lassen schon mal anklingen, dass er nicht mit dem Auto hier ist und bei der Dunkelheit und den Minusgraden sicher bleiben möchte. Obwohl ich ihn nicht kenne, mach ich das einzige, dass ich für menschlich und angebracht empfinde: Ich rufe die Polizei. Nein, natürlich nicht. Ich bitte ihn in die Stube, versorge ihn mit warmen Essen und Tee und zeige ihm, in welchem Bett er hier bei uns schlafen kann.

Wanderstiefel

Von Birnen und Burgen

Im Laufe des Abends lerne ich in seiner angenehmen Gegenwart viel über alte Obstbaumsorten, die Wälder und Berge Tschechiens und darüber, warum jemand, der zuvor schon die drei wundervollsten und teils urspünglichen Wälder Tschechiens besucht hat, in unsere Industrie- und Monokultur-Region kommt. Weil wir die interessanteste Steppenvegetarion an den Hügeln und die schönsten Burgen und Schlösser Tschechiens haben.

Am nächsten Morgen steuerte er verschiedenste Birnen alter Sorten zu einem gemeinsamen Frühstück bei. Und erzählte mir während der Verkostung der Birnen, welche Sorte für was bekannt ist und welche wir hier anbauen könnten. Als er kurz darauf weiterzieht, freue ich mich für ihn und sein Leben, in dem er sich immer wieder eine Auszeit nimmt und umherwandert.

Gastfreundschaft tut gut – beiden Seiten

Der unerwartete Besuch war wunderbar. Wir haben uns über Themen ausgetauscht, die beide interessieren. Ich habe ein wenig über alte Obstsorten gelernt, die hier in der Region mal üblich waren. Und ich habe eine Schale voll Birnen geschenkt bekommen, die noch bis Ende der Woche jedes Frühstück bereichern wird. Er kam raus aus der Kälte, hat zwei gute Mahlzeiten bekommen und konnte in einem warmen Bett schlafen. Ich finde das normal.

Die Gastfreundschaft tut gut. Nicht nur den Gäst*innen. Diese bringen nämlich oft neue Sichtweisen, Ideen und Erfahrungen ein. Und es ist einfach nett gemeinsam zu sitzen und zu reden.

Schade finde ich bei dem Thema, dass Gastfreundschaft in unserer westlichen Gesellschaft immer weniger gelebt wird. Die Leute jetten um die halbe Welt und schwärmen dann von der Gastfreundschaft anderer Menschen in anderen Kulturen. Für exakt diese Menschen würden die meisten aber Zuhause in Österreich, Deutschland oder der Schweiz, die Tür nicht öffnen.

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22 Gedanken über “Unerwarteter Besuch

  1. Günter Schwarz

    Hallo Michael!
    Du bist toll, und ja es ist eine Bereicherung für Beide, ich war im August in der Schweiz Pilgern und als es schon spät am Abend war bekam ich keine Pilgerherberge mehr. da fragte ich bei einer Privaten Person ob er eine wüsste, und er hat mir gleich in seinen Garten sein Zelt aufgestellt, ich konnte duschen, musste mit den lieben Ehepaar zu Abend essen. wir plauderten sehr viel und ich bekam am morgen auch noch ein leckers Frühstück. „Er meinte sogar wenn ich was brache er liese die Terrassentür offen. er hat mir seine Taschenlampe geliehen und seine Isomatte…….ich kann gar nicht sagen wir dankbar ich war und hab ihnen gesagt das sie wunderbare Menschen sind man spürt sowas einfach denke ich mal. ach ja sie sagten wenn ich zuhause bin soll ich eine Karte schreiben …..hab ich natürlich gemacht :-) und am nächsten Tag denkt man sich dann schon hätte man das selber auch gemacht wenn da wer kommt und vor der Tür steht…….ich habe sehr gelernt daraus…….deshalb respektiere das sehr was auch du da gemacht hast ich danke dir dafür im Namen aller Wanderer…….schön das es dich gibt ……auf eine liebe friedvolle Welt…..mit sollchen menschen kann es nur positiv weiter gehen ……der Weg zum Licht ….. ich wünsche dir eine wunderbare Weihnachtszeit und ein gutes Jahr 2014 bis in die Ewigkeit <3 <3 <3

  2. Natalija

    In meiner Jugend war ich Pfadfinderinnen. Wir wanderten durch Deutschland und Schweden und klopften jede Nacht an einer anderen Tür, selten wurden wir abgewiesen und niemals bösartig sondern mit einem besseren Tipp beschwichtigt. Diese unglaublichen Erfahrungen machen zu dürfen, wünsche ich wirklich jedem! Schickt eure Kinder und bekannte Kinder zu den Pfadfindern – diese Erfahrungen kann einem zu unserer Zeit keiner bieten, und nehmen :))

  3. Michaela

    Ich bewunder solche Menschen. Ich hatte schon Bauchweh wie wir vor 2 Jahren eine Motorradtour in die Südstiermark gemacht haben und kein Zimmer gebucht haben. Ich gebe zu ich bin ein fürchterliche Plahnerin. Mein Mann ist da ganz anders. Ich mußte leider feststellen das das wohl das bessere ist. Aber zum Tehma zurück. Einfach einen fremden Menschen so ein bett anbieten finde ich supper. Ich bin leider so erzogen worden das man vor allen und Jeden auf der Hut sein muß und das man nimanden vertrauhen soll.

    Sch… Erziehnung. Veruche viel umzudenken aber das braucht zeit. Bitte macht so weiter solche offenen Menschen Braucht die Weldt und die Menschheit.

  4. Andreaangela

    Ron Rodec hat deinen Beitrag gepostet und ich hab mal reingeschaut. Ja, die Entscheidung zwischen Angst und Vertrauen muss man immer wieder neu treffen. Besonders bemerkenswert fand ich allerdings, dass die üblichen „Eckdaten“, die ich fast erwartet hatte, nicht kamen: Sein Beruf; ob er einen festen Wohnsitz hat oder nicht; ob er Geld verdient und wo. Es gibt Erzählweisen und Situationen, wo das einfach nicht so wichtig ist. Gut, dass es die gibt.

    Mit meiner eigenen Gastfreundschaft gegenüber Unbekannten habe ich sehr, sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ob ich jemanden aufnehme entscheidet sich seitdem weniger an der Frage „Angst oder nicht“, sondern daran, ob ich gerade offen bin für genau den/die Unbekannte(n).

  5. Larissa

    Ich habe allerdings schlechte Erfahrungen gemacht. Wurde sogar bestohlen als ich mal jemanden Mitgekommen habe. Auch stehen in unserer Region oft Romas Zigeuner vor der Haustür. Und die sind in der Schweiz sehr gefährlich. Es gibt immer wieder Einbrüche. Ich lasse niemanden rein oder nehme niemanden mehr mit den ich nicht kenne.

  6. Patz Tholl

    Vor 2 Jahren stand bei uns auch ein Mann mit Rucksack an unserer Tür. Er erklärte mir er käme aus Deutschland (wir wohnen ja in Luxemburg) und mache eine Art Pilgermarsch für den Frieden. Er bat um Unterkunft. Ich liess ihn ohne zu zögern herein. Mein Mann war allerdings gar nicht begeistert (wenn er uns denn nun beklauen wird…). Aber unsere 6 Kinder waren mehr als begeistert, tu hören, was der Mann zu erzählen hatte. Er blieb eine Nacht und verabschiedete sich am anderen Morgen nach dem Frühstück. Die Kinder begleiteten ihn noch ein Stück zu Fuss….eine einmalige Erfahrung.

    Vor 2 Tagen dann stand ein Mann am Wegrand und machte Autostop, ich erkannte sofort, dass es ein Tourist ist und blieb stehen. Er erzählte mir er käme aus Amiens (Frankreich) und wolle über Luxemburg nach Düsseldorf zu seinem Bruder reisen und dies nur per Anhalter. Ich fand das sehr spannend und interessant. Ich nahm ihn ein gutes Stück mit und (diesmal nur) meine beiden kleinsten Racker waren ganz Ohr und stellten nachher tausend Fragen…..und wieder so eine einmalige Erfahrung :-)

    Ich kann sehr gut nachvollziehen welche Gedanken und Erfahrungen diese Begegnung für dich Michael gebracht hat. Ich würde mir wünschen viele Menschen würden ihre Türen und damit ihre Herzen öffnen.

  7. Gabi

    also, habt ihr euch auf tschechisch unterhalten??
    früher war das übrigens noch so richtig üblich, bei fremden einkehren zu können und mit speis und trank versorgt zu werden! immer wenn ich zB von mark twain lese, wird mir das bewusst.

  8. Pingback: Michael allein zu Haus

  9. Bri

    Das erinnert mich sehr an meine Kindheit in den 70ern im Innviertel, da wurde halt schon noch mehr gegenseitig angeklopft, auch überraschend und unerwartet. Jetzt passiert dies meistens nur mehr am Handy…Schon öfter denke ich über Überraschungsbesuche nach, denke darüber nach, wem in meinem Leben ein ungeplanter Besuch Freude bereitet und wer gar nichts damit anfangen kann und oft "gerade jetzt keine Zeit dafür hat" …

  10. Anja

    Was für eine schöne Geschichte. Ich glaube, das viele Menschen in diesem Lande eher Angst vor dem Unvorhergesehenen haben. Es muss immer alles vorher genau geplant und vor allem die Wohnung präsentabel sein. Die äußere Präsentation hat einen größeren Stellenwert, als das einfache Zusammensitzen und ein paar Birnen essen.

  11. Imme

    Hallo Michael,
    zuerst hast Du bestimmt einen Schreck bekommen :-)) Aber "böse Menschen" klopfen nicht vorher an, die kommen einfach rein. Aber davor braucht Ihr sicher keine Angst zu haben, die kommen nur dorthin, wo es etwas zu holen gibt :-)) Ihr müsst sicher eher mit Besuch von Hase und Fuchs rechnen, die mal gute Nacht sagen wollen!
    Ich habe die Erfahrung gemacht, je wilder die Gesellen aussehen, desto harmloser sind sie. Meine Söhne haben Zivildienst geleistet, daher weiß ich das :-))

  12. juttaj

    Ich habe übrigens bei ähnlichen Wanderungen und Radtouren einfach so ins Blaue hinein die Erfahrung gemacht, dass auch in Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern die Gastfreundschaft viel besser ist, als man meinen würde. Und zwar nicht nur bei Lebenskünstlern und Aussteigern, sondern bei ganz "normalen" Leuten. Ich habe mal mit einem Freund im Teutoburger Wald gezeltet, jede Nach in einem anderen Garten, wir haben einfach irgendwo geklingelt und gefragt, ob die Leute in der Nähe einen Platz wüssten, wo man zelten kann. Abgewiesen worden sind wir nirgends. Und in Schottland, Kanada, Holland und England habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht (ist ja auch alles Teil der "westlichen Gesellschaft"). Auch da waren es oft ganz normale Familien, die mir für eine Nacht einen Platz auf dem Sofa oder im Gästezimmer angeboten haben. Der Eindruck, dass das bei uns anders ist, entsteht eher, weil die meisten Menschen zu scheu sind, um Gastfreundschaft zu bitten oder weil die Gastgeber meinen, sie müssten irgendetwas besonderes bieten.

    Ich kann diese Art zu reisen sehr empfehlen. Wem es zu unsicher ist, ganz ins Blaue hinein zu starten, dem sei Couchsurfing, WWOOF oder HelpXChange ans Herz gelegt. Man erlebt ein Land, eine Region, eine Stadt ganz anders, wenn man bei Menschen zu Gast ist, die wirklich dort wohnen, als wenn man in einem Hotel oder Gasthaus absteigt.

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