Wie kam’s zum Thema 3?

Uhudler trinken und Hula Hoop tanzen mit dem bifie

Michael Hartl
Von Michael Hartl
11. Mai 2016

Nachdem ein Furche-Artikel über uns am Montag Thema 3 der Zentralmatura für das Fach Deutsch war, gab es ja so einige Reaktionen darauf. Etliche Memes wurden erstellt, Fragen gestellt und auch ein bisschen gelästert.

Eine der häufigsten Fragen, auch von Biorama und Vice, war: Habt ihr das vorab gewusst?

Nein, haben wir nicht.

Die zweithäufigste Frage war: Warum haben die genau Euch ausgesucht als Thema?

Und das wollte ich auch wissen! Also hab ich Kontakt zum BIFIE aufgenommen, dem Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens. Die sind nämlich verantwortlich für die Zentralmatura.

Wie die Themen ausgewählt werden

Wer sucht so allgemein denn die Themen aus und erstellt die Aufgaben, die den armen Maturant*innen dann vorgelegt werden?

bifie-logoBIFIE: Die Aufgabenerstellung ist ein sehr aufwendiger Prozess. Am Anfang überlegen sich speziell ausgebildete LehrerInnen aller Schultypen aus ganz Österreich (sogenannte „Item-WriterInnen“) im Auftrag des BIFIE Themenstellungen und Aufgaben. Im Rahmen mehrerer Qualitätsschleifen wird dann die Eignung eines Textes bzw. einer Aufgabenstellung bewertet, sowohl inhaltlich als auch didaktisch. Daran sind von LehrerInnen, FachdidaktikerInnen bis hin zu WissenschaftlerInnen unterschiedliche ExpertInnen beteiligt.

Geht eine Aufgabenstellung aus diesem Prozess als geeignet hervor, wird sie sozusagen „ins Rennen“ geschickt. Das bedeutet, dass neuerlich LehrerInnen und ExpertInnen die Aufgaben bewerten und gegebenenfalls überarbeiten – das passiert so lange, bis die Aufgabe den Qualitätsanforderungen der Reifeprüfung entspricht.

Woher kam der Vorschlag, genau diesen Artikel auszuwählen? Wem dürfen wir und alle Schüler*innen, die uns so kennenlernen durften Danke dafür sagen?

BIFIE: Die Aufgabenstellungen sind immer Ergebnis der Zusammenarbeit von vielen unterschiedlichen AkteurInnen, insofern kann das nicht einer einzelnen Person zugewiesen werden.

 

Schüler*innen sollen sich mit der konsumorientierten Welt auseinandersetzen

Welche Hintergedanken hatte die „Prüfungskommission“ dabei? Gezielt die Maturant*innen mit ihren Vorurteilen gegenüber Veganismus, Öko und Pastinaken konfrontieren?

BIFIE: Bei der Themenauswahl wird stets darauf geachtet, dass es einen Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler gibt. Wir alle – auch die SchülerInnen – leben in einer konsumorientierten Gesellschaft, mit der es sich auseinanderzusetzen gilt. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die sich derzeit über alternative Lebensweisen Gedanken machen, die einen anderen Weg gehen wollen – wie etwa Sie und Lisa. Und so schien uns der Artikel über ihr Projekt, der in der Furche erschienen ist, als geeignete Grundlage, um sich im Rahmen der Matura mit ebendiesen Themen auseinanderzusetzen.

Wäre es nicht gut, die Schüler*innen auch schon vor der Matura mit solch sinnstiftenden Inhalten zu konfrontieren? ;)

BIFIE: Ja, absolut –  das wird von sehr vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrern tagtäglich in den österreichischen Klassen gemacht.

Nach der Matura-Arbeit beschäftigten sich einige Schüler*innen noch intensiver mit dem Thema

Weitere Memes, die sich mit Lisa, Michael und dem Experiment Selbstversorgung beschäftigen, sammeln wir in einem extra Ordner auf unserer Facebook-Seite:

zentralmatura-memes-exsv

Was denkt das BIFIE zu alternativen Bildungswegen?

Es gibt ja auch die Idee, dass Kinder zu Freilerner*innen werden sollen. Also zu Hause oder vielleicht gar nicht mehr nach Lehrplan unterrichtet werden. Der Vorwurf ist ja oft, dass die Kids heute in der Schule fast die gesamte Zeit unter Leistungsdruck funktionieren müssen. André Stern ist ja ein Vertreter dieser Denkrichtung. Wo sehen Sie aus Ihrer Forschungstätigkeit Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft?

BIFIE: Es gibt auch in Österreich Kinder, die nicht in eine sogenannte Regelschule gehen. Sei es, weil sie Alternativ-Schulen besuchen oder häuslichen Unterricht erhalten. Das ist immer eine Entscheidung der Eltern – aber deshalb die Regelschule komplett abzuschaffen, wäre der absolut falsche Schluss. Man kann von unterschiedlichen (auch alternativen) pädagogischen Konzepten durchaus Elemente in die Regelschule hineintragen, wenn sie zu einer Qualitätssteigerung des Unterrichts beitragen.

Das macht ja auch der von Ihnen genannte André Stern: Er selbst ist zwar nie in eine Schule gegangen, arbeitet heute aber intensiv mit jenen zusammen, die Schule gestalten. Er will seine Erfahrungen teilen, um neue Möglichkeiten – eben auch in der Regelschule – aufzuzeigen.

Und um auf die Matura zurückzukommen: diese ist ja nicht per se Ausdruck eines bestimmten Leistungsgedankens, sondern sie ist der Abschluss einer österreichischen Schullaufbahn und berechtigt zum Studium an einer Hochschule. Dass dafür jede und jeder, die/der studieren will, gewisse grundlegende Kompetenzen nachweisen muss, ist klar. Wenn jemand beschließt, sich diese Inhalte und Kompetenzen nicht in einer Regelschule anzueignen, ist das seine/ihre eigene Entscheidung und auch O.K.

Gibt es aus Sicht des bifie andere Bereiche, in denen wir die Bildung überdenken müssen?

BIFIE: Diese Frage lässt sich so nicht beantworten. Bildung ist ein zentraler Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft – dementsprechend muss sie sich, genauso wie die Gesellschaft selbst, immer weiter entwickeln. Insofern geht uns die Arbeit in den kommenden Jahren sicher nicht aus.

Frühkindliche Bildung ist eine der Schrauben, an denen gedreht werden muss

Und ganz wichtig: Werden die Schüler*innen wirklich „immer dümmer“ – wie uns das die Medien nach PISA und sonstigen Tests immer einreden wollen?

BIFIE: Die Aussage, dass die SchülerInnen immer dümmer werden, trifft nicht zu. Es zeigt sich aber, dass sie bei internationalen Testungen im Vergleich mit anderen Ländern teilweise schlechter abgeschnitten haben. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die „Schüler dümmer werden“, wäre aber der völlig falsche Ansatz. Man muss sich ganz genau anschauen, warum etwa so viele junge Menschen nicht sinnerfassend lesen können und wo man da ansetzen muss. Strategien dagegen müssen zum Teil schon im Kindergarten, also im Rahmen der frühkindlichen Bildung, anfangen. Aber das sind sehr viele einzelne Schrauben, an denen gedreht werden muss.

Kräuter, Pastinaken und Kastanien mit dem BIFIE ausprobieren

Wie und wo werden Sie Ihre Matura-Feier machen, wenn Sie die erste Zentralmatura hinter sich gebracht haben?

BIFIE: Wir hätten eigentlich geplant, bei Ihnen auf ein Gläschen Uhudler vorbeizukommen. Wenn Lisa auch da ist, können wir ja vielleicht noch eine Hula Hoop-Session einlegen.

Meme mit dem Text: Scheiss auf die Maturareise, ich fahre zur Lisa und zum Michael. Die haben den besten Uhudler. (im Dialekt geschrieben)

Auch die lieben Menschen, die für die Zentralmatura verantwortlich sind, wissen, was gut ist!

Was werden Sie im Kolleg*innen-Kreis als Erstes ausprobieren: Waschen mit Kastanien, Lecker Pastinaken kosten oder Kräuter, die „Pflück mich!“ zu einem sagen, sammeln und „verwenden“?

BIFIE: Wenn wir die Maturafeier ins Südburgenland verlegen, könnten wir unter Ihrer Anleitung ja alle drei Sachen machen – wir freuen uns schon sehr darauf.

Da freuen wir uns auch drauf! Und stellen schon mal den Uhudler-Saft kalt und holen die Pastinaken aus dem Keller.

Was hättest DU das BIFIE gefragt?

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3 Gedanken über “Wie kam’s zum Thema 3?

  1. Denise

    Hallo zusammen!
    Ich bin eine derjenigen, die am Montag die Deutsch-Matura vorgelegt bekommen haben… und zufällig auch eine, die schon vorher euren Blog verfolgt hat! ;)
    Als ich das Thema 3 gesehen und eure Namen gelesen hab, war klar, welches ich wähle :)) Natürlich gingen auch unter meinen Klassenkameraden die (teilweise spöttischen) Memes um. Aber die Hauptsache ist ja, dass das Thema Selbstversorgung jetzt publik ist! Von daher finde ich, das Bifie hat das so ganz richtig gemacht. Immerhin gibt es immer mehr Leute, die mit dem Gedanken spielen, so ein ähnliches Ziel zu verfolgen, es dann aber verwerfen, weil es ihnen doch zu utopisch und nicht schaffbar scheint. Jetzt hat halb Österreich den Gegenbeweis :D

  2. Hilli

    Frage an den Interviewer:
    wenn ..“ Abschluss einer österreichischen Schullaufbahn“ ist „zum Studium an einer Hochschule“ berechtigt, warum haben dann die Mehrheit der Hochschulen eine Aufnahmeprüfung eingeführt?
    MfG

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