Theorie und Praxis

Michael Hartl
Von Michael Hartl
23. Juni 2011

Immer wieder fällt mir in den verschiedensten Situationen auf, wie theorielastig die (Aus-)Bildung von uns Menschen ist. Ob bei Studierenden und Studierten, bei belesenen und gläubigen Menschen oder eben auch im Umfeld der Personen, die von einem hohen Grad an Selbstversorgung oder dem Aussteigen träumen. Erklären, wie man das nicht alles machen könnte im Leben und wie es natürlich alles noch viel besser ginge, können dabei viele. Es einfach Umsetzen und Vorleben machen aber die wenigsten. Es gibt so viele Menschen, die uns die Lehrsätze und Ideen verschiedenster Religionen oder Ideologien darlegen können – aber selbst fast nichts davon in ihrer alltäglichen Lebenspraxis umsetzen. Oder Menschen, die uns genau erklären können, wie eine Pflanze Nährstoffe aufnimmt und wie sie Photosynthese betreibt – aber uns nicht vorführen können, wie wir in der Praxis unsere Pflanzen pflegen müssen.

Die goldene Mitte finden

Ich möchte mich nun nicht gegen Wissen und Bildung aussprechen. Es ist gut, dass wir so einiges wissen und es auch lehren. Aber ich wünsche mir ein stärker ausgewogenes Verhältnis zwischen Theorie und Praxis. Ein ausgewogenes Verhältnis, bei dem zu jedem theoretischen Konzept zumindest der Versuch einer praktischen Umsetzung zählt.

Denn was ist schon Wissen ohne praktische Erfahrung? Und was Erfahrung ohne Wissen?

Ich finde, Wolfgang Graef hat dies in seinem Blog-Artikel „Gedanken zum Thema Farmwissen“ sehr gut zusammengefasst:

[…] das Wissen aus Internetforen und Büchern [kann] bei Weitem nicht die Praxis ersetzen […].

Ob das nun theoretische Klugscheisserei ohne jeden praktischen Ansatz in Foren ist, oder ob man in Büchern anfängt die „Auswirkung von freien Elektronen im Vakuum in Hinblick auf den Fettgehalt von Schafsmilch“ zu betrachten. Mann muss ja was poshes schreiben um einen neuen USP zu haben – damit man sein Buch verkaufen kann.

Wo ich hin will:

Ich denke, es ist überaus wichtig, alte Erfahrungen praktisches Wissen im Umgang mit Boden, Tier und Pflanzen zu konservieren.

Und so sehe ich das auch. Wir brauchen nicht immer neue Methoden, Ideen, Technologien und Wissen, um unser Leben besser zu gestalten, sondern wir sollten uns zurück besinnen auf Dinge, die wir selbst wirklich umsetzen können. Raus aus der Abhängigkeit eines Systems, dass mehr und mehr zerbröckelt. Hin zur Natur, mit Methoden und praktisch anwendbarem Wissen, das sich schon seit langem bewiesen hat.

Theorie als Grundlage für die Praxis

Als Lisa und ich genau diesen Wunsch immer stärker entwickelt haben, begann es natürlich damit, sich theoretisches Wissen anzueignen. Aber eben immer nur in so großen Häppchen, dass wir es auch sofort ausprobieren können. Und aus rein angelesenem Wissen durch praktisches Versuchen und Lernen echte Erfahrung werden lassen. Denn das Wissen ist eine tolle Grundlage – sollte aber nicht zum Selbstzweck verkommen.

Da ein Leben nah an der Selbstversorgung eben in erster Linie nicht eine Unmenge an Wissen erfordert, sondern eine Unmenge an praktischer Erfahrung, haben wir uns entschieden, unser Experiment Selbstversorgung zu starten. Denn obwohl wir ganz am Anfang dieser Idee stehen und weit entfernt sind von einer überwiegenden Selbstversorgung, machen wir schon erste ganz konkrete Schritte. Dabei lesen wir natürlich auch einiges an Büchern und Internettexten, aber der Fokus liegt darauf, sich theoretisches Wissen über ein bestimmtes Thema zu holen und dann auch direkt praktisch umzusetzen. Wenn dabei noch erfahrenere Hände mithelfen und anleiten, dann ist es umso schöner und besser.

Lassen wir nicht das Wissen unserer Großeltern aussterben, die noch selbst per Hand und ohne die ganzen energie- und ölhungrigen Geräten gearbeitet haben. Gründen wir einen Wissenspool, in dem das Wissen nicht nur theoretisch erhalten bleibt, sondern auch praktisch gelebt wird!

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10 Gedanken über “Theorie und Praxis

  1. Matthias

    Hallo

    zur Theorie habe ich noch etwas mitzuteilen. Die Theorie ist nämich zu unrecht in Verruf geraten. Theorien sind sehr praktisch. Man braucht sie, um gute von schlechten Ideen zu unterscheiden. Theorie ist die Praxis im Kopf. Weil wir Theorie benutzen, schauen wir nicht mit einem Streichholz nach, ob noch Benzin im Tank ist.

  2. Lisa

    Sehr schön geschrieben und ich bewundere euch dafür, dass ihr den Mut besitzt euer Ding durchzuziehen. Aber genau das ist auch der springende Punkt: viele bleiben vielleicht auch bei der Theorie, weil Ihnen (noch) der Mut fehlt, das ganze in die Praxis umzusetzen. Nicht zu letzt, weil man in einer "konventionellen" Gesellschaft damit untergehen würde; Offenheit, Unterstützung, Zuversicht, Hilfe… kann man nicht von allen erwarten. Das erschwert einem die eigene Reise bzw. muss man da auch lernen loszulassen.

  3. Pingback: Deine Hilfe ist willkommen

  4. NowIsTheTime

    Wir finden ihr beide seid einfach grossartig! ^_^

    Endlich einmal aktive Leute die es nicht mit Klugsch***se, sondern eben RICHTIG klug angehen! Viele gute, fein durchdachte, fachrichtige und perfekt recherchierte Blogeinträge wie dieser, da kann man*frau nur sagen:

    Weiter so!!! :-D

    P.S.: Wo kann frau*man Spendengelder/Sachspenden einzahlen/abliefern, um euch zusätzlich zu unterstützen?

    1. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

      Hallo ihr,

      uns unterstuetzen ist sehr einfach: macht aehnliches wie wir. Startet eigene Projekte. Denn was wir wollen ist ein wundervolles Leben fuer alle, das nicht auf Kosten des Planeten geht, sondern in Einklang mit ihm. Und das beginnt mit einzelnen Projekten. Egal wie gross oder klein.

      Spenden an sich wollen und brauchen wir nicht – aber vielen Dank!

      Wenn ihr tatsaechlich speziell uns und unser Projekt unterstuetzen wollt, dann tragt Euch in unseren Hof-Newsletter ein – ueber den versenden wir einen Aufruf, wenn wir Arbeitswochen oder aehnliches machen. Denn manchmal ist es toll, wenn fuer bestimmte Projekte viele Menschen zusammenhelfen.
      -> https://experimentselbstversorgung.net/newsletter/

  5. pro-edaphon

    Da schreibst du ja fast genau meine Gedanken, die ich die letzten Tage habe, bei der Überlegung irgend wann mal mein selbstversorgerisches Tun in Bild und Wort irgendwo im Netz festzuhalten: Wie kann ich mich dabei so kurz wie möglich, aber lang wie nötig fassen, dass die Lust zum Tun geweckt und die Umsetzung vorstellbar wird, und dass auch klar wird, dass es ohne Wissen und Tun nicht geht.

    Und komme ich dann selbst noch zum Tun?

  6. Chaosgarten

    Alles richtig, aber sich zunächst schlau zu lesen, bevor man etwas ausprobiert ist sicher nicht verkehrt. So kann man manche Fehler schon vorher vermeiden und Risiken besser abwägen. Manche Dinge, die unsere Großeltern vielleicht ganz selbstverständlich gemacht haben, waren ökologisch z.B. sicher bedenklich und wir können mit dem Wissen und tieferen theoretischen Verständnis, das uns das Internet ermöglicht, einschätzen, ob wir bestimmte Sachen ausprobieren sollten oder nicht.

    Die Marschroute wird wesentlich klarer, wenn man sich schnell in ein spezielles Problem einlesen kann. Die Praxis ist natürlich dennoch immer anders als die Theorie, aber Praxis ohne Theorie ist wie stochern im Nebel. Man muss das Rad nicht dauernd neu erfinden.

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