Sinnvoll tätig sein statt sinnlos schuften – eine Streitschrift

Michael Hartl
Von Michael Hartl
9. Januar 2019

Geldfrei-Aktivist, Utopival-Organisator und Autor Tobi Rosswog hat mit dem Buch „After Work“ im oekom-Verlag ein Buch zur Arbeit geschrieben. Der Untertitel verspricht „radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit“.

Im Buch analysiert Tobi Rosswog zunächst, warum wir arbeiten und was das mit uns und der Welt macht. Zeigt danach aber auch konkrete Ideen, wie eine zumindest arbeitsfreiere Gesellschaft aussehen kann. Mit Ideen, die auch einzelne Menschen umsetzen können. Das hierbei Konzepte wie die Genügsamkeit und das Teilen ganz vorne dabei sind – quasi als Grundlage – freut mich besonders.

Tobi, der auch schon einige Artikel auf dem Experiment Selbstversorgung geschrieben hat, hat mir ein paar Fragen zu seinem Buch beantwortet.

Michael Hartl: Du hast ein Buch zur Arbeit geschrieben – und hast selber lange geldfrei gelebt. Weißt Du überhaupt, was es bedeutet zu arbeiten und sein Einkommen verdienen zu müssen?

Tobi Rosswog: Natürlich habe ich nicht die gleichen Erfahrungen gemacht und unterliege nicht den gleichen Sachzwängen, wie eine fünfzigjährige alleinerziehende Arbeiterin, die seit 30 Jahren im Logistikzentrum eines Großkonzerns körperlich hart arbeitet und ausgebeutet wird. Gleiches gilt für den Pfleger, der 50 Stunden die Woche in Seniorenresidenzen arbeitet, um das eigene Überleben zu sichern oder auch die Investementbankerin, die sich meint verwerten zu müssen, um das ganze aufgebaute Prestige weiter aufrecht erhalten zu können. Diese Liste ist endlos weiter zu führen und nein: Diese Erfahrungen habe ich alle so nicht gemacht, nicht machen müssen. Aber als empathischer Mensch kommen mir immer wieder im Gespräch mit diesen Menschen die Tränen, wenn sie davon berichten, dass sie eigentlich unglücklich sind und bei genauerer Betrachtung verständlicherweise so nicht leben möchten. Um es krass auf den Punkt zu bringen, muss ich nicht erst geschlagen werden, um gegen Gewalt zu sein.

Und als Teil dieser kapitalistischen Gesellschaft muss auch ich schauen, wo – wenn auch viel weniger – Geld her kommt, um meine Krankenversicherung und andere Solibeiträge rein geben zu können. Aber alleine dieser Einblick genügt mir, um klar diesem in den meisten Fällen sinnentleerten, ausbeuterischen, zerstörerischen Arbeitsfetisch eine Absage zu erteilen und dieses heilige Konstrukt unserer Gesellschaft radikal in Frage zu stellen. Aus diesem Privileg entsteht für mich Verantwortung nicht einfach so weiter zu machen, sondern andere Wege zu erproben und all meine Zeit und Energie dafür einzusetzen eine andere Welt mit zu gestalten.

Der Titel des Buches ist „After Work“. Es geht also, wenn ich das richtig verstehe, um eine Gesellschaft, die die heutige Arbeitswelt hinter sich lässt. Geht es Dir um Lohnarbeit – oder um die Arbeit an sich?

Tatsächlich geht es um Arbeit an sich. Das bedeutet aber nicht, dass wir faul werden und nur noch auf der Couch rumchillen. Dem gegenüber stelle ich die Idee des Tätigseins aus intrinsischer Motivation. Das ist ein Akt der Selbstbestimmung, der sich zwischen Freude und Verantwortung – oder wie es Brigitte Kratzwald sagen würde – „Lust und Notwendigkeit“ bewegt.

Ich merke immer wieder, dass wir an diesem Arbeitsbegriff festhalten wollen. Aber warum? Warum können wir nicht das direkt benennen, was wir tun? Wenn ich sage, dass ich „arbeite“, ist das sehr unpräzise. Dahinter kann sich verstecken, dass ich Gemüse anbaue, ein Kleid nähe, Brot backe oder eben Waffen produziere, Schweine schlachte oder Kohle verstrome.

Du unterstellst, dass Menschen am Montag bereits dem Wochenende entgegenfiebern. Ich kenne genug Menschen, die in Ihrem Job zufrieden sind und auch Erfüllung finden. Was denkst Du läuft bei solchen Menschen anders?

Damit gehören diese Menschen zu einer zufälligerweise glücklich-priviligierten Minderheit. Laut der „Engagement“-Gallup Umfrage haben 15 Prozent der befragten Mitarbeiter*innen innerlich bereits gekündigt und 85 Prozent aller Deutschen machen nur Dienst nach Vorschrift. Das klingt nicht gerade besonders zufrieden.

Zusätzlich sehen ungefähr ein Drittel aller Deutschen keinen Sinn in ihrem Job – David Graeber nennt diese Berufe Bullshit-Jobs. Die Palliativpflegerin Bronnie Ware beschreibt in ihrem Buch »Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen«, dass sie sich wünschten, weniger gearbeitet zu haben, ihr eigenes Leben gelebt zu haben und sich erlaubt glücklicher zu sein.

Was nun bei den Menschen, die glücklich sind, anders lief, ist unter anderem, dass sie nur durch Zufall und Glück die Chance hatten sich überhaupt gegen andere auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen zu können, um nun diesen für sie sinnhaften Job zu bekommen, um zufrieden zu sein. Aber im Kampf um die letzten Arbeitsplätze auf dem freien Markt gleicht die Situation immer mehr einer Reise nach Jerusalem: Es gibt in jeder Runde weniger Stühle, auf die sich bequem zu setzen möglich wäre. Und aussortiert werden die Menschen, die in der großen Lebenslotterie eine Niete gezogen haben.

Die Frage ist: Welche Tätigkeiten sind wirklich sinnvoll für die Gesellschaft?

Um das herauszufinden, können wir uns fragen was sich verändern würde, wenn es diese oder jene Tätigkeit nicht mehr gäbe. Was unbedingt sinnvoll und wichtig ist, sind genau die Tätigkeiten, die heute unsichtbar gemacht sind. Dabei handelt es sich um Sorge- und Pflegetätigkeiten, damit unsere Gesellschaft überhaupt funktionieren kann.

Eine Aussage ist auch, dass das Lohnarbeitssystem die Umwelt kaputt macht. Sind das nicht eher der Über-Konsum, die Übernutzung von zur Verfügung stehenden Ressourcen oder alte Technologien? Wo siehst Du den Zusammenhang zwischen Lohnarbeitssystem und Umwelt? Es gibt ja auch Menschen, die ihren Lohn dafür bekommen, Nationalparks zu pflegen oder Abwässer zu reinigen.

Seit 1972 und damit dem Bericht des Club of Rome ist mittlerweile allen bewusst, dass es auf einem begrenzten Planeten kein unendliches Wachstum geben kann. Die Wachstumslogik wird dank der degrowth Bewegung immer mehr hinterfragt. Das ist gut und wichtig. Allerdings fehlt dabei etwas Entscheidendes: Wir stellen die Arbeitslogik nicht in Frage, die mit ihrem Produktivitäts- und Beschäftigungswahn dafür verantwortlich ist, dass destruktive Arbeit weiterhin legitimiert und praktiziert wird. Das Arbeitsplatz-Argument a la „Hauptsache es gibt Arbeitsplätze“ blendet alle. Egal, ob Du mit Deiner Arbeit im Kohlekraftwerk dem Klimawandel ordentlich einheizt oder in Großunternehmen andere Menschen global ausbeutest – es spielt keine Rolle. Die ökosoziale Perspektive wird im Namen der angeblich doch so notwendigen Arbeit außer Acht gelassen und vollkommen ignoriert. Dabei sollte allen klar sein: Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze. Und damit ist auch logisch, dass wir nicht einfach weiterarbeiten können, ohne zu bedenken, welche ökologischen Folgen unsere Arbeit hat. In der Kommission für den Kohleausstieg, und dies kann stellvertretend für viele andere Wirtschaftsbereiche gelesen werden, werden klare Prioritäten gesetzt: erst die Arbeitsplätze sichern, dann die Umwelt bedenken.

Es ist immer Arbeit, die Kraftwerke am Laufen hält.

Selbst in der Arbeitslogik macht diese Priorisierung aber keinen Sinn, denn haben wir die Umwelt erst vollständig zerstört, gibt es auch bald nichts mehr zu arbeiten. Das Dogma, dass wir Arbeitsplätze brauchen – und davon immer mehr –, zerstört die Natur. Abholzung des Regenwaldes, (Über-)Fischung der Meere, Verdreckung der Flüsse, Verpestung der Luft und vieles mehr: Das alles geschieht im Namen der Arbeit. Würden wir es ernst meinen mit der Rettung der Umwelt und den erschreckenden Studien glauben, müssten wir direkt in den Generalstreik beinahe sämtlicher heute als produktiv bezeichneter Arbeit gehen. Ein Teufelskreis zwischen Produktion und Umweltzerstörung.

Und klar gibt es Menschen, die mit ihrer Arbeit dann auch etwas Gutes für die Gesellschaft tun. Das ist aber der kleinste Teil, weil mit Arbeit im Kapitalismus immer Geld gemacht werden muss, aber sich größtenteils nur mit Ausbeutung und Zerstörung etwas verdienen lässt, wenn es nicht irgendwie anders subventioniert wird.

Welche Alternativen gibt es denn aus Deiner Sicht zum jetzigen System?

Es gibt viele Alternativen auf individueller wie auch kollektiver Ebene.

Individuell wären Arbeitszeitverkürzung und Karriereverweigerung zwei spannende Ideen. Sich eben mehr und mehr dem Arbeitsmarkt zu entziehen. Damit haben wir mehr freie Zeit und können uns Sinn- und Machtfragen stellen. Und vor allem können wir dann das tun, was wirklich sinnvoll ist.

Kollektiv ist die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens – oder noch besser: des Grundauskommens – wichtig, weil es Menschen einen leistungsfreien Selbstwert zuspricht und damit Existenz von Tätigkeit entkoppelt.

Im Buch AFTER WORK versuche ich drei Werkzeuge für den Prozess in eine Post-Work-Gesellschaft zu gehen und damit Fragen zu stellen:

  1. Suffizienz: Was brauche ich eigentlich wirklich? Wenn ich weniger Zeug brauche, habe ich mehr Zeit für anderes, weil nicht erst gegen Geld meine Lebenszeit verkaufen muss. Durch diesen Freiraum kann ich mich auf die Suche begeben, was ich wirklich in die Gesellschaft einbringen mag. Was ist also mein Talent, meine Berufung oder mein Potential?
  2. Sharing: Was kann ich alles teilen? Was ist sowieso schon vorhanden und kann genutzt werden? Beispielsweise Umsonstläden, Kleiderschenkpartys, Foodsharing oder andere emanzipatorische Strukturen des Teilens lassen Wege in ein neues Miteinander erproben. Wo es nicht mehr um Eigentum, sondern Besitz geht.
  3. Subsistenz: Was kann ich beitragen? Die Idee, dass wir wieder vieles selber in die Hand nehmen, jenseits von Markt und Staat uns gemeinsam organisieren. Indem wir utopietaugliche Halbinseln schaffen, wo fern der Verwertungslogik, des Leistungsdrucks und der Selbstoptimierung, Räume anderer Selbstverständlichkeiten geschaffen werden. Wir werden tätig und organisieren Ernährung, Energie, Pflege und vielem anderen lebensnotwendigen Dinge anders als bisher.
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