Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Selbstversuch mit Haferwurz

Kirsten Loesch
Von Kirsten Loesch
4. November 2014

Endlich ist ungeahnte Abwechslung vom Zucchini-Alltags-Einheitsbrei in meiner Küche in Sicht: Alte, vergessene Gemüsesorten erobern sich langsam ihre Kochnische zurück. Der Rukola hat es vorgemacht. Erst gab es ihn gar nicht. Plötzlich war er überall. Topinambur, Pastinake und Petersilienwurzel eifern ihm gerade nach. Aber welche alte Gemüsesorte ist noch umwittert vom geheimnisvollen Nebel des Vergessens und will von mir neu entdeckt werden?

Foto von Haferwurz BlaetternIch halte ein Beet in meinem Gemüsegarten frei und stöbere im Internet nach den Samen vergessener Sorten. Da ich Haferflocken mag bleibe ich bei der „Haferwurz“ hängen. Die schmeckt nicht nach Hafer, sondern nach Austern, heißt es. Ich habe noch nie Austern gegessen und bin schon ewig Vegetarier. Das wird in meinem Leben nichts mehr mit einer echten Auster. Ich schwöre mir, die Haferwurz dem Vergessen zu entreißen, zumindest innerhalb meines Gartenzauns.

Warten auf die Gemüseauster

Im Frühjahr sähe ich mein kostbares Samengut in kleinen Anzuchttöpfen in mein Mini-Gewächshaus und warte, bis das erste grüne Haferwurz-Leben seinen Kopf aus der Erde streckt. Lange warte ich. Die Vorfreude lasse ich mir nicht verderben und lese in der Zwischenzeit, wer diese „Austernpflanze“ eigentlich ist.

  • Erstmal ist sie uralt. Schon die alten Griechen und Römer haben sie kultiviert.
  • In der Renaissance taucht die „Hafermaukel“ in verschiedenen Kräuterbüchern auf.
  • Im 19. Jahrhundert gilt sie als Leckerbissen.
  • Im 20. Jahrhundert kommt sie noch vereinzelt vor, wird aber mehr und mehr von der Schwarzwurzel verdrängt.
  • Heute ist die Hafermaukel nur noch in Großbritannien verbreitet – als „Gemüseauster“.

So, einige Wochen sind vergangen und meine Gemüseauster gibt sich bescheiden. Ein dünnes, langes, grünes Blättchen zeigt sich, dann zwei bis drei Blätter. Raus mit ihr auf mein Experimentierbeet. Auch dort bleibt sie schmucklos. Immerhin entwickelt sie sich zu einem mittelgroßen Grasbüschel. Nach fünf Monaten packe ich meinen unscheinbaren Liebling am Kopf und ernte, nun ja, urigen Wurzelsalat.

Die wahre Schönheit der Unscheinbaren

Hätte ich nicht einen Selbstversorger-Kurs im Mienbacher Waldgarten belegt, wäre mir die wahre Schönheit der Haferwurz kaum bewusst geworden. Dort entdecke ich einen beeindruckenden Strauch mit dicken Knospen, lila Blüten und faustgroßen, bronze schimmernden Pusteblumen. Was ist das? Frage ich Kursleiterin Hannelore verzaubert. Bitte? Das soll der unscheinbare grüne Blattbesen aus meinem Garten im zweiten Jahr sein? Jetzt fange ich an zu glauben, dass die Hafermaukel mehr kann, als gedacht:

  • Sie regt die Bildung roter Blutkörperchen an.
  • Sie fördert die Entgiftung der Leber.
  • Sie ist für Zuckerkranke sehr bekömmlich.
  • Sie enthält u.a. Kalium, Calcium und Magnesium.

Wurzelblutsaft und Wunderbares in der Küche

Als ich die Gemüseauster in die Küche schleppe und endlich wissen will, ob sie tatsächlich nach Austern schmeckt (wie auch immer die wirklich schmecken), offenbart sich mir, was ich schon geahnt habe. Sie lebt. Fast meine ich, die Wurzeln würden gleich weglaufen, so menschlich sehen sie aus. Ich überwinde meine Hemmungen und schneide zu. Die Haferwurz blutet. Jetzt verstehe ich, warum sie auch „Milchwurz“ genannt wird. Ihr Wurzelsaft ist rötlich-braun. Ich hoffe, die Pflanze fühlt nicht, was für mich wie ein Massaker aussieht. Sie tut mir Leid. Ich mir selbst auch. Die Wurzeln machen viel Putzarbeit, übrig bleibt wenig und meine Hände werden tagelang bräunlich eingefärbt sein. Was ich später erfahre: Kocht man die Wurzeln vor dem Putzen, oder legt sie kurz in Essigwasser, bekommt man keine dreckigen Hände.

Langsam sehe ich ein, warum die Milchwurz ein vergessenes Gemüse ist. Für die Industrie ist sie absolut unbrauchbar, nicht normierbar für Erntemaschinen und arbeitsintensiv. Das macht sie mir umso sympathischer. Mit etwas Öl und Gewürzen schiebe ich die Haferwurz-Stückchen in den Ofen. Danach sehen sie wieder lecker aus. Gespannt löffle ich hinein und schmecke etwas ganz und gar wunderbares. Keine Ahnung, ob das Austern sind. Klar ist jedenfalls, nächstes Jahr braucht die Haferwurz ein viel, viel größeres Beet.

Wie sind Eure Erfahrungen mit der Haferwurz oder habt ihr ein anderes, altes Gemüse neu entdeckt? Findet Ihr, dass es wichtig ist, alte Sorten zu bewahren?

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29 Gedanken über “Selbstversuch mit Haferwurz

  1. Ursula

    ich knabbere immer mal wieder einfach so ein paar Blätter davon. Habe ich von einer Türkin erfahren, mit der ich mich manchmal über essbare Pflanzen austausche, leider hapert es da mit den Namen der Pflanzen ;-) freu mich jedesmal sehr, wenn ich was neues entdecke. Ich habe mir den Haferwurz schon vor zwei oder drei Jahren auf dem Festival der Natur mitgenommen, jetzt durchwandert er meinen Wildnisgarten. Geerntet hab ich noch nichts davon, weil nie so üppig viel davon da war, jetzt wo er sich ausbreitet wachsen die Chancen. ;-) falls ich nicht alles so abknabbere.

  2. Opa Peter

    Manchmal braucht es gar nicht den langen Selbsrversuch mit Sähen und Ernten: Seit einem Jahr beziehe ich mein Möhren von einer Tierfutter-Mühle aus dem übernächsten Dorf, aus der Karthäuser-Mühle. Eigentlich sind die 10-Kilo-Säcke Pferdefutter. Möhren im Kaliber 30cm lang und bis 4cm dick – kriegt man nicht mal bei Bio-Händlern. Nur das seitdem meine Kaninchen um ihr Futter bangen müssen…

  3. Brigitte Z.

    Ja, die Haferwurz habe ich letztes Jahr für mich entdeckt. Ein Versuch im Topf hat ganz gut funktioniert. Selbst der erste Novemberfrost hat dem Gemüse nichts ausgemacht. Deshalb mag ich die alten Sorten so gerne.
    Weil ich mit möglichst wenig Aufwand Ernteerfolge erzielen möchte habe ich mich in mehreren Bereichen nach alten Sorten umgesehen.
    Leider ist mein Garten noch immer nicht hergerichtet, so dass ich die meisten Sorten im Topf ziehen muss – noch!
    Übringens kann man auch den überirdischen Teil der Haferwurz essen. Ich habe die Blätter blanchiert – etwas hart, aber sonst ganz O.K.
    Wenn du die Wurzeln im ganzen dünstest und dann abschreckst, kann man übrigens die äußerste Haut ganz leicht abziehen.
    Ich liebe die alten Sorten so sehr, weil sie nicht viel brauchen (also keine extra Gießeinheit oder so) und meist viel mehr Geschmack haben, als die Zucht-Sorten.
    Ich erzähle ja immer wieder gerne von meinen Wildtomaten, die ohne jeglichen Regenschutz oder sonstigem auskommen.
    Schwarzwurzel ist auch ein ganz leckeres Gemüse. Das nennt man auch den Spargel der Armen. Naja – gegen grünen Spargel kommt es natürlich nicht an. Apropos: auch den Spargel gibt es in einer wilden Form. Die habe ich mir schon mal vorgemerkt, weil wir idealerweise viel sandigen Boden haben.
    Bei Karotten hab ich mir Samen von der sogenannten Urkarotte gekauft. Die hab ich schon mal im Supermarkt gefunden und die war viel leckerer, als die normalen Karotten. Hatte aber noch nicht die Gelegenheit und den Platz das auszusäen.
    Alte Sorten sind super und sollten wieder viel mehr Beachtung in den Gärten finden. Da hat man viel weniger Arbeit bei der Aufzucht und ganz besondere Geschmackserlebnisse – auch wenn bei manchen Sorten die Zubereitung etwas aufwändiger oder dreckiger ist.

  4. Ada Weibel

    Auch ich habe mit ein paar Pflanzen Haferwurz angefangen. Dann hab ich den Erntezeitpunkt verpasst- sie blühen herrlich!!!! Dann hat der Wind die Samen verteilt……nun wachsen aktuell überall die kleinen Pflänzchen, sieht fast aus wie Gras. Bin gespannt, wie sie sich über den Winter retten. Die Blätter kann man auch als Gemüse kochen, ähnlich wie Spinat- oder roh in den Salat geben.
    Den Erhalt von alten Sorten finde ich ganz ganz wichtig- und deren Verbreitung. Wer Samen von der Haferwurz möchte, kann mich gern anschreiben- ein paar hab ich mir aufgehoben. Ich suche Samen vom „Guter Heinrich“. Hat einer evtl. davon was über? LG Ada

    1. Kirsten LoeschKirsten Loesch Beitrags Autor

      Hallo Ada, vom Guten Heinrich habe ich leider keine Samen. Ich versuche ihn seit längerem anzubauen und hab es bisher nicht hinbekommen. Wahrscheinlich hab ich den falschen Platz für ihn ausgesucht und einmal sind die Samen nicht aufgegangen. Falls sich niemand findet wegen Tausch von Saatgut, gibt es hier etwas: https://www.kraeuter-und-duftpflanzen.de/search?sSearch=guter+heinrich
      liebe Grüße und viel Glück! Kirsten

  5. Tess

    Vielen Dank für diesen Bericht!

    Laut Wikipedia lassen sich auch die Blätter der Pflanze gut verwerten.

    Zitat: „Die Haferwurzel wird vorwiegend als Wurzelgemüse verwendet, aber auch die Blätter lassen sich als Salat oder Spinat zubereiten. Die süßlich schmeckende, milchhaltige Wurzel, deren Geschmack an Austern erinnert, ist sehr nahrhaft, was auch ein alemannisches Sprichwort besagt: „Habermark macht d‘ Bube stark“. Die Pfahlwurzeln werden im Herbst des ersten Jahres geerntet. Sie können über den Winter eingemietet werden.“

  6. Andreas Koch

    Hallo Kirsten.

    Klingt echt super, aber dem Anblick nach zu schade zum Ernten :-)
    Sind sie im ersten Jahr schon reif? Oder evtl erst im 2. vor/nach der Blüte?
    Zuhaus hab ich nen Katalog liegen in dem „NUR“ Kräuter und so sind. Vllt wär der was für Dich? http://www.kraeuter-und-duftpflanzen.de/Katalog-Download Da gibts den, falls ich Werbung machen darf :-) Voll gepackt mit wundersamem Zeugs :-) Grüße und so :-)

    Andreas

    1. Kirsten LoeschKirsten Loesch Beitrags Autor

      Hallo Andreas,
      das ist ein toller Katalog, danke für den Hinweis!
      die Haferwurz erntet man im Herbst ihres ersten Jahres, da ist sie nur ein grüner Büschel. Im zweiten Jahr wird sie riesig und blüht. Dann ist die Kraft aus den Wurzeln weg.
      liebe Grüße, Kirsten

  7. Esther H.

    Oh! Wau!!
    Liebe Kirsten
    Ich danke dir für das Foto der blühenden Haferwurz.
    Habe diese Pflanze in diesem Sommer wild wachsen sehen.
    Bin hier in der Ungarischen Puszta nun das zweite Jahr
    immer wider neues am entdecken.
    Nicht das ich in meiner alten Heimat weniger in Wiese und Feld anzutreffen war,
    doch das sich solche Pflanzen auf einer Weidewiese durchsetzten können, sind die Voraussetzungen in der Schweiz wohl nicht mehr gegeben.

    liebe grüsse

  8. Harald Walker

    Kannte ich auch noch nicht. Danke für den Tip.
    Wir versuchen auch sehr viel alte und vergessene Sorten anzupflanzen. Gerade bei Kartoffeln haben wir sehr schöne alte Sorten entdeckt. Pastinake, Petersilienwurzel, schwarzer Winter-Rettich und Schwarzwurzel sind logisch, aber mittlerweile schon wieder recht gut eingebürgert. Auf der Obstwiese stehen neben alten Apfelsorten auch Quitte und Mispel.

  9. Ludger Kotulla

    Hallo Kirsten,
    danke für den Tipp. Haferwurz wird auch in meinem Garten im nächsten Jahr einen Platz finden.
    Da Du schreibst, dass du nach alten Pflanzen Ausschau hältst: kennst Du Arche Noah Dort findest du mehr als du dir vorstellen kannst.
    Deinem Blog folge ich nun auch.
    Herzliche Grüße
    Ludger

    1. Kirsten LoeschKirsten Loesch Beitrags Autor

      Hallo Ludger,
      schön, dass die Haferwurz nun bald in Deinem Garten ein neues Zuhause findet! Würde mich freuen bei Gelegenheit zu hören, wie es Dir ergangen ist. Arche Noah ist toll. Danke. In Deutschland gibt es etwas ähnliches: http://www.nutzpflanzenvielfalt.de/
      Willkommen auf meinem Blog! Ich bin gespannt wie es Dir gefällt. Falls Dir irgendwann eine Anregung einfällt, nur her damit.
      liebe Grüße von Kirsten

        1. Sarah

          Das war ebenfalls mein allererster Gedanke – verblüht hätte ich riesige Mühe, Haferwurz und Wiesenbocksbart auseinanderzuhalten…
          und tatsach gehören sie zumindest zur selben Gattung:
          Haferwurz – Tragopogon porrifolius
          Wiesenbocksbart – Tragopogon pratensis

          „Der Wiesen-Bocksbart ist in allen Teilen essbar. Der Trieb der jungen Pflanze liefert ein Gemüse, das an Spargel erinnert. Die Wurzel kann ähnlich wie Schwarzwurzel zubereitet werden. Die Blätter lassen sich roh oder gekocht verwenden.“ (Wikipedia)

          Das war mir bis gerade eben auch noch neu. Ohne deinen Beitrag, Kirsten wär ich wohl so schnell darauf nicht aufmerksam geworden. Danke!

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