Schwarz und Weiß

Michael Hartl
Von Michael Hartl
27. Mai 2011

In letzter Zeit wurde ja, wie in einem anderen Artikel bereits angesprochen, wiederholt an uns die Idee herangetragen, dass unser geplanter Lebensweg etwas mit „Verzicht“ zu tun haben soll.

Das wir keinen Strom haben werden, um elektronische Geräte zu betreiben, hat in Gesprächen und in den Kommentaren hier und auf Facebook dazu geführt, dass Menschen fragten, wie wir dann noch fotografieren oder bloggen wollen. Oder wie wir überhaupt überleben wollen, so ganz ohne Strom.

Und immer wieder fragen uns auch Menschen, was wir denn tun wollen, wenn wir mal schwer krank werden oder eine schwere Verletzung haben, die eine Operation erfordern würde.

Ich möchte versuchen, auf ein paar Dinge einzugehen, damit vielleicht klarer wird, was zumindest meine Sicht darauf ist.

Selbstversorgung und Selbstverwaltung von Regionen

Klar versuchen wir mit unserem Experiment auch, eine Selbstversorgung anzustreben, wie sich die meisten Menschen das bei dem Begriff im ersten Moment vorstellen: Essen, Heizen, Kleidung. Aber es geht ja weiter. Wir denken sehr wohl auch darüber nach, wie wir Bildung, Gesundheitsvorsorge (und -wiedererlangung), Infrastruktur, Gebäudebau, Werkzeugherstellung und vieles mehr selbst in die Hand nehmen können.

Und da wird der Fokus eben größer werden müssen. Klar, auf unserem eigenen Hof werden wir kein Gesundheitszentrum mit Spezialist*innen für Haut, Zähne, innere Medizin, Notfallchirurgie, Akkupunktur usw. haben können. Eine Region aus selbstverwalteten Gruppen von Menschen und verschiedensten Projekten, die sich als Region so weit wie möglich und sinnvoll selbst versorgen, werden sich so oder so zu lockeren Bündnissen oder Föderationen zusammenschließen. Und zwar zu Zweck-Bündnissen. Eine ganze Region mit 10.000 Menschen kann sich dann sehr wohl ein zentrales Gesundheitszentrum mit allem drum und dran leisten.

So werden wir manche Dinge sicher als einzelnes Hofkollektiv selbst erzeugen. Für weitere Dinge werden wir beginnen, mit anderen, ähnlich lebenden Menschen und Projekten in solidarischen, an Bedürfnissen orientierten Austausch zu treten. Und für manches werden wir in der ein oder anderen Form vorläufig noch ganz klassisch handeln müssen.

Denn bevor auch wir ganz ohne Geld leben können, brauchen wir viele Menschen, die in einer gewissen Umgebung von uns aus ähnlichen Beweggründen mehr und mehr Hofkollektive gründen, solidarische Dorfgemeinschaften formen und selbstverwaltete Projekte in den Städten ins Leben rufen; also z.B. andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren – und damit konkret vorleben.

Die Welt ist mehr als schwarz und weiß

Und so wie es also nicht nur die Option „absolute Selbstversorgung“ oder „bleib im System“ gibt, ist es fast überall. Wenn in theoretischen Auseinandersetzungen nur zwei oder drei Optionen ausgewählt und durchdiskutiert werden, mag das in seltenen Fällen durchaus Sinn machen, meistens ist es aber ausschließend. Es schließt nämlich die unzähligen Optionen aus, die zwischen zwei Polen liegen.

Um es an einem oben erwähnten Beispiel festzumachen: Ja, wir werden im Haus keinen Strom haben, um elektrische Geräte zu betreiben. Das bedeutet aber nicht, dass wir nie wieder elektrische Geräte wie unsere Photokamera oder den Computer nutzen können und damit also diesen Blog aufgeben müssten. Denn es gibt im Dorf eine öffentliche Bibliothek samt Internet-Rechnern und Steckdosen, wo sich die Kamera aufladen lässt.

Diese Optionen sind da. Sie sind oft nicht so klar ersichtlich, weil sie in unserem Weltbild leider oft nicht vorkommen. Aber ich finde, für eine Gruppe an Menschen reicht zum Beispiel eine zentrale Bibliothek mit Internet-Rechnern. Wir müssen nicht alle ständig immer online sein und dazu alle eigene Computer, Monitore, Router und was weiß ich noch alles zu Hause haben. Wir besitzen so viele Dinge individuell, obwohl gerade bei dem Beispiel auch ein Computer für 20 oder 30 Menschen völlig reichen würde.

Es gibt also immer auch Optionen zwischen den „Extremen“. Und viele davon sind wunderbare Möglichkeiten die jeweiligen Vorteile der beiden äußeren Positionen unter Minimierung der jeweiligen Nachteile zu verbinden.

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6 Gedanken über “Schwarz und Weiß

  1. Pingback: Ist Eure Selbstversorgung nur ein Kinderspiel?

  2. Travelbob

    uiuiui, warte mal bis der erste Dir den Vorwurf macht, warum du für umsonst Strom aus der Bibliothek beziehen solltest, wenn andere dafür Steuern zahlen, damit die Bibliothek (öffentliches Gut) stromversorgt ist etc. Ich "liebe" solche Diskussionen…Sie sind oft überflüssig, weil die Gegenseite sich gar nicht bemüht, einen anderen Standpunkt zu sehen, zu verstehen oder sich mal darin hineinzuversetzen.

    Klar, ist die Welt bunt. Wenn es aber um Geld geht, ist sie plötzlich sehr schwarz. Aber genau, dass ist ja euer Wunsch (wenn ich Euch richtig verstanden habe). Durch euer Leben mit viel Reduktion Schritt für Schritt aus dem Geldkreislauf herauszukommen. Wer wenig von dem verbraucht, was Geld kostet, schafft es immer mehr, sich aus der Geldgesellschaft herauszuziehen. Ich wünsche Euch, dass Ihr es schafft ein Netzwerk mit gleichgesinnten zu gründen. Damit würdet Ihr wirklich in die Lage kommen, den empirischen Beweis zu bringen, dass eine andere Gesellschaftsform möglich ist.

    In diesem Zusammenhang habe ich noch eine Frage, die vielleicht zu intim ist. Musst auch nicht darauf antworten, aber wie stehen eigentlich Eure Familien zu Eurem Leben? Ich muss zugeben, unsere Familie hält uns für verrückt, wenn wir von unseren Ansichten und Träumen erzählen. Und ich möchte gar nicht wissen, was passiert, wenn wir ein ähnliches Projekt wie Eures beginnen würden. Mir tut das immer sehr weh und ich finde es immer schwierig, sich gegen die Familie durchzusetzen. Auf der anderen Seite sind wir individuelle Wesen, die ein recht darauf haben, zu tun, was sie für richtig halten. Aber die Familie ist ja auch wichtig…ach ein furchtbarer Zwiespalt….

    Gruß

    Travelbob

  3. Markus

    Die Welt ist nicht schwarz-weiß, dass gefällt mir. Die Welt ist bunt!

    Einen Traum muss man im Herzen tragen, ganz ohne jegliche Machbarkeitsstudie. Bewahrt man diesen Traum, oder die Vision, wie du sie nennst, erinnert man sich bei vielen Gelegenheiten daran und erste Lösungen zeigen sich. Der Traum beginnt war zu werden. Am Ende ist es wie ein großes Puzzle dessen Teile sich finden, wie Lösungen zu Fragen. Wenn das Traumpuzzle fertig ist hat man ein wunderbar buntes Bild der Wirklichkeit vor sich, mit Möglichkeiten die man sich am Anfang nicht zu Träumen gewagt hätte.

    Viel Erfolg

    Markus

  4. Sandra

    Hallo Ihr 2,

    ich folge eurem Blog erst seit kurzem, finde euren Weg aber super spannend! Vor 100 Jahren haben die Leute unter gleichen Bedingungen gelebt, warum sollte es also heute nicht mehr gehen?! Wir sind heute mit so einem Luxus umgeben, den wir gar nicht mehr wirklich wahrnehmen, sondern als selbstverständlich ansehen.

    Ich bin sicher, ihr werdet viel lernen und hoffe, dass ihr euer neues Wissen auch mit uns teilt :) Manches kann man sich einfach nicht anlesen, sondern muss es selbst erleben.

    Ich drücke euch fest die Daumen und bin auf neue Berichte gespannt :)

    LG,

    Sandra

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