Oh, ein Biolandwirt!

Mit was man am frühen Morgen so alles verwechselt wird...

Michael Hartl
Von Michael Hartl
10. Juli 2012

Heute Morgen habe ich, wie öfters in letzter Zeit, in der Wiese gestanden und einen Teil von ihr gemäht. Mit der Sense natürlich, denn nur so kann ich schnell, aber auch gezielt mähen. Wir lassen nämlich gerne bestimmte Heil- und Wildkräuter stehen, wo sie gehäuft vorkommen, weichen großen Ameisenhaufen aus, schonen Wein, der wieder austreibt, und so weiter.

Da wir in einer wunderschönen Gegend leben, in der es auch etwas sanften Tourismus gibt, ist es nicht ungewöhnlich gewesen, als eine Gruppe Radfahrer*innen unten an der Straße vorbeifuhren. Die Gruppe heute morgen hat mich aber erst schmunzeln – und dann nachdenken lassen.

Sie sahen mich im Vorbeifahren mit meiner Sense arbeiten. Einer aus der Gruppe rief zu den anderen:

„Schaut’s – ein Biolandwirt!“

Worauf ein anderer ganz ernsthaft antwortete:

„Ja, Biolandwirtschaft ist viel besser als die normale!“

Das Bild von der Biolandwirtschaft

Wie oben schon erwähnt hab ich zunächst schmunzeln müssen: Nett, welches Bild die beiden von der Biolandwirtschaft haben. Zumindest in abgeschwächter Form haben das ja viele. BIO steht für Freilandhaltung, für sorgsamen Umgang mit der Natur, für kleinstrukturierte Landwirtschaft, in der noch viel Handarbeit läuft. Das vermittelt die Werbung – und das fühlt sich gut an.

Und da hab ich heute morgen angefangen nachzudenken: Sehen die beiden das wirklich so? Und warum fragen sich so wenige Konsumierende, ob BIO auch wirklich das ist, was die Werbung uns suggeriert?

Steht das BIO-Siegel nicht viel mehr für die Erfüllung von niedergeschriebenen Auflagen? Von Vorschriften und Anweisungen, die im Grunde nichts mit der inneren Einstellung der Bäuerin oder des Bauern zu tun haben müssen?

BIO ist nicht gleich BIO

BIO kann heutzutage im großen Stil ablaufen. Mit riesigen Flächen pro Betrieb, die weit mehr an Monokulturen erinnern, als kleine, teils auf Subsistenz ausgerichtete konventionelle Betriebe es je könnten. BIO kann einen deutlich höheren Maschinenaufwand bedeuten. BIO kann Stallhaltung mit minimalem Auslauf bedeuten, den noch dazu niemand sinnvoll kontrollieren kann. BIO kann hoch technisiert und mechanisiert sein. BIO kann Einsatz und schlechte Behandlung von Billig-Arbeitskräften bedeuten.

Und Billig-BIO aus dem Supermarkt lässt sich nur so erklären, wie Clemens G. Arvay auch gut in seinem Buch „Der Bio-Schmäh“ darlegt.

BIO kann aber auch genau das erfüllen, was man sich von BIO erwartet: blühende Wiesenstreifen an den Feldrändern, Vogelschutzhecken, Mischkultur, kleinstrukturierte Höfe, zufriedene Menschen, Freilandhaltung von Tieren, gesundes Essen, deutliche Reduktion der Maschinierung und der Bodenbearbeitung und so weiter.

Und natürlich jede Stufe dazwischen.

Eigenverantwortung statt Gutes-Gewissen-Siegel

Da nützt also kein Blick auf ein Siegel, das in erster Linie der Vermarktung dient, sondern nur ein tieferer Blick. Samt echten Beziehungen zu den Produzierenden der gekauften bäuerlichen Produkte.

Schlagworte, um mit der Suche nach einer Lösung zu beginnen, sind wohl Ernährungssouveränität, CSA und Food Coops.

BIO bedeutet aber wohl in beiden Fällen so gut wie nie den regulären Einsatz einer Sense! :D

 

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7 Gedanken über “Oh, ein Biolandwirt!

  1. Andreas

    Beim Thema BIO und das gerade in Supermaerkten hab ich schon länger das Gefühl das das nicht viel besser ist als normales Futter. Einzig und allein das Saatgut und der Verzicht auf Chemie könnten hier besser sein. Dann war es das ggfs. bei Massen-BIO auch schon wieder.

    Wenn man sich sicherer sein möchte muss es Demeter, Bioland und Co. sein bzw. dem Hersteller der für seine Qualität bekannt ist nutzen.

    Die beste Variante ist selber machen und da ist es egal ob allein, zusammen oder mit Bauer per CSA…. :)

  2. Gunnar

    Leider steht das Buch “Der Bio-Schmäh” noch auf meiner Wunschliste, aber trotzdem wundert es mich nicht das ein Mann mit Sense als "Biolandwirt" bezeichnet wird. Ich denke auch dir wird sicher aufgefallen sein das viele Menschen tatsächlich das glauben was sie im TV sehen ohne es zu hinterfragen. Vielleicht sollte es noch ein weiteres Siegel geben was darauf hinweist das das Produkt ausschließlich durch Handarbeit und ohne Maschinen bzw. Pestizide hergestellt worden ist. Jedoch glaube ich nicht das sich der Markt selber Steine in den Weg werfen wird :-)

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