Luxus für alle

Michael Hartl
Von Michael Hartl
4. Mai 2011

Gerade seit wir entschieden haben, dass wir diesen Sommer nach Tschechien gehen werden, kommen wieder vermehrt die „Verzichts-Kommentare“. Niemals negativ bis jetzt. Eher so, dass Menschen uns ihre Bewunderung aussprechen, dass wir diesen Schritt echt gehen und auf alles mögliche verzichten. Oder Menschen die uns sagen, dass sie das prinzipiell ja toll finden was wir tun, dass sie selbst das aber niemals machen würden, weil sie auf dieses und jenes nicht verzichten könnten. Verzicht. Für viele klingt unser geplanter Lebensweg nach Verzicht.

Verzichten bedeutet, dass ich nicht in Anspruch nehme, was mir zusteht, oder was ich haben könnte. Die Frage, was mir als einzelne Person wirklich zusteht, ist aber gerade unter Anbetracht der unfairen Verteilung von Gütern und einer immer weiter grassierenden Armut auf diesem Planeten nicht einfach zu beantworten. Moralisch gesehen nehmen wir in den Industrienationen uns viel mehr, als uns zustehen würde. Zurück auf ein gerechtes und für alle menschenwürdiges Niveau zu gehen, wäre daher aus meiner Sicht kein Verzicht, sondern Anstand. Und das mindeste, dass jede einzelne Person als ersten Schritt tun kann, um für eine „bessere Welt“ einzutreten.

Interessanter ist für mich aber ein anderer Aspekt. Ich persönlich empfinde es als verzichten, wenn ich dadurch, dass ich etwas nicht in Anspruch nehme, tatsächlich benachteiligt bin. Also zum Beispiel hungern muss, weil ich auf ausreichendes und gesundes Essen verzichte. Oder in einem regnerischen Sturm bei Minusgraden draussen schlafen muss, weil ich auf eine Behausung verzichte. All das werden wir mit unserem Umzug in unser Hof-Kollektiv nicht tun.

Leben im puren Luxus

Ich finde, wir brauchen keine Verzichtsdebatte, denn niemand in unseren Wohlstandsländern muss auf irgend etwas essentielles verzichten. Wir brauchen eine Luxus-Debatte. Lasst uns Luxus neu definieren – und dann dafür sorgen, dass wir alle im Luxus leben!

Für mich sind Uhren mit Diamantenbesatz, Silberbesteck, Autos, eine Yacht, Flugreisen, Zweitwohnungen, Wochenendhäuser, feine Anzüge und vieles mehr kein Luxus, sondern teils Kompensationen für Arbeitsstress, teils Überheblichkeit und teils nette „Sahnehäubchen“.

Luxus ist für mich zum Beispiel:

  • Zeit mit Menschen verbringen, die ich liebe
  • Zeit für Kinder zu haben, die in meinem Umfeld aufwachsen
  • sehr viel Kontakt zur Natur
  • frische Luft schnappen bei einem wundervollen Spaziergang an einem Sommermorgen
  • körperliche UND seelische Gesundheit
  • ein Lebensstil mit Zukunftssicherheit
  • gesunde Böden
  • sauberes Wasser
  • Lebensmittel ohne Gendreck, Chemie oder lange Transporte

Das alles – und viel mehr – wird in unserer Gesellschaft immer knapper und damit tatsächlich immer mehr zum Luxus. Diesen Luxus aber, finde ich, sollten alle Menschen haben.

Der Schritt, den Lisa und ich gemeinsam mit Simon und Elsa gehen werden, wird uns diesen Luxus schenken. Im Überfluss.

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21 Gedanken über “Luxus für alle

  1. Pingback: Wundervolles neues Jahr!

  2. janis

    oh wie schön!!!!!!!!

    solch wunderbare worte…

    danke nochmal für das "in-worte-fassen-was-ich-immer-spüre"!

    ich werde sogar oft gefragt, ob ich die "verantwortung"(!!!) wirklich übernehmen will, keinen fernseher zu haben- für meine kleine tochter!!! ich würde sie benachteiligen und ihr etwas wegnehmen!!!!!

    da bin ich froh, dass du genau das, was ich uns hier schaffe, als luxus bezeichnest. denn genau das ist es! wunderbar! danke

    janis

  3. Clemens

    Hallo Michael.

    Dein Artikel ist wunderbar. Ich stehe selbst genau auch vor dieser Verzichtsdebatte, seit ich Vegetarier bzw. später Veganer geworden bin, seit ich weniger Kleidung, dafür aber fair-trade kaufe, seit ich überhaupt weniger konsumiere etc. und seit ich davon träume, Selbstversorger zu werden. Und Du hast recht, es ist nicht die Verzichtsdebatte, sondern die Luxusdebatte, die begonnen werden muss. "Als Selbstversorger verdienst du gar nicht genug Geld" "Ein Junge mit einem Köpfchen wie deines, der gerade das Abitur macht, kann doch nicht einfach Obst- und Gemüsebauer werden" usw. usf. Was man nicht alles zu hören bekommt. Und gleichzeitig muss ich mir die Unzufriedenheit der Menschen ansehen, die Tag für Tag hinter dem Schreibtisch sitzen, um immer mehr Geld zu verdienen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen gefangen sind im Konsum.

    Auf jeden Fall finde ich Deine Luxus-Aufzählung sehr richtig. Schade ist es, dass dafür in unserer Konsum- und Arbeitswelt keine Zeit, kein Platz mehr ist. Ich wünsche Euch beiden noch ganz, ganz viel Spaß bei dem Experiment und hoffe, hier weiterhin noch so viel Hilfreiches lesen zu können, was mir eines Tages vielleicht auch den Schritt zur Selbstversorgung erleichtert.

    Viele liebe Grüße,

    Clemens

    1. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

      Lieber Clemens,

      vielen Dank für Deine zustimmenden Worte. Ich kann voll nachvollziehen, was Du schreibst. Sehr schade, dass Menschen eine der grundlegenden kulturellen Leistungen, nämlich die Selektion, Zucht und Erhaltung der Nutzpflanzen, die wir heute alle haben, völlig geringschätzen. Ebenso die damit zusammenhängenden Tätigkeiten. Und daraus resultierend das entwertende Bild vom "dummen Bauern" oder der "rückständigen Bäuerin".

      Sehr bezeichnend für diese Gesellschaft, findest Du nicht?

      Die Menschen sollten sich vielleicht mal mit den Lebensphilosophien und Gedanken von Menschen wie Masanobu Fukuoka oder Henry David Thoreau auseinandersetzen. Hochintelligente Menschen, die sich ganz bewusst für ein Leben in und mit der Natur entschieden haben, selbst ihr Essen angebaut haben und gerade bei und durch die damit zusammenhängenden Tätigkeiten ihre Weltsicht weiterentwickelt haben. Und daraus resultierend ihre jeweiligen großartigen Werke verfasst haben.

  4. Maria

    ich verstehe sehr gut was du meinst, zu uns kommen auch immer wieder menschen und fragen uns, wie wir mit so "wenig" auskommen. und dabei haben wir noch nicht mal wirklich "wenig", wir haben eigentlich alles, was andere auch haben, z.b. Strom, feste häuser etc.

    manche dinge sind bei uns nur etwas anders gestaltet, so haben wir ein kompostklo, gut, es steht draußen und da muss man dann eben auch bei -20 grad im winter hin, denn ein anderes gibt es nicht. aber dabei können wir dann die gefrorenen gräser, eiszapfen und andere wunderschöne dinge des winters betrachten und vielleicht sitzt man dann einfach niht ganz so lange.

    wir haben keine zentralheizung, die man einfach aufdrehen kann, wens kalt wird, keinen elektroherd, sondern heizen und kochen mit holzfeuer, wofür wir das holz auch selbst aus dem wald holen müssen…

    naja lauter so sachen, bei denen die sprache, wie du schreibst oft auf "verzicht" kommt, wobei auch wir das gefühl haben, im absoluten luxus zu leben, z.b. weil wir die besten nahrungsmittel haben, die wir uns vorstellen können, einfach, weil wir sie selbst hergestellt haben…

    tja, ich kanns auch nicht besser erklären, als du es bereits getan hast und wollte nur zustimmen ;-)

    Maria

  5. Travelbob

    Hallo Eva,

    vielen Dank für diese Infos aus eigener Erfahrung!

    Wahnsinn oder? Das mit dem Wachstum habe ich noch gar nicht beachtet. Unglaublich wie unfrei wir sind!

    Freunde von mir lebten auf den Azoren. Sie lebten von ersparten Geld und hatten kaum Ausgaben – ausser beim Bau Ihres Hauses (alles in Eigenregie). Der portugiesische Staat wollte ihnen nicht glauben, dass sie kein Geld verient hätten und demzufolge auch keine Steuern zahlen wollten. Sie wurden dann tatsächlich zu einer Zwangsabgabe (irgend eine Pauschale) verdonnert.

    Ich sag ja, wirkliche Freiheit und Selbstversorgung kann man nicht erlangen, solange man nicht heimlich in irgend einem großen Wald oder Dschungel untertaucht. Und auch da stellt sich die Frage, wie bringe ich meine Werkzeuge und ggf. Baumaterialien unbemerkt an eine unbeachtete Stelle…?

    Es scheint schier unmöglich.

  6. eva

    Lieber Travelbob,

    Du sprichst mir da wirklich aus der Seele.

    Ich will noch schnell erwähnen, dass es neben Steuern auch noch die Sozialversicherung gibt, die uns alle davor schützt, ungeschützt unser Leben zu verbringen und es uns ermöglicht, im Krankheitsfall aufgezwungene Therapien durchführen zu dürfen, die uns dann noch kranker machen (wogegen wir wieder Therapien kriegen – GRATIS sogar, solange wir alles schön schlucken, was uns eingeimpft wird).

    Diese Sozialversicherung ist nämlich auch zu zahlen. Ich war vor mittlerweile vier Jahren ein paar Jahre selbstständig und habe im letzten Jahr besonders viel verdient (was es mir ermöglicht hat, ein Haus mit kleinem Grund in Ungarn zu kaufen und dort jetzt Gemüse anzubauen – den Absprung aus dem Gewerbsprozess habe ich aber leider (noch) nicht geschafft).

    Wollte ich jetzt etwa Schnittblumen am Straßenrand verkaufen, würden meine Sozialversicherungsbeiträge gleich einmal bei Anmeldung des Gewerben (was was kostet, wie Du richtig schreibst) so angesetzt werden, als würde ich wieder soviel verdienen wie im letzten Jahr meiner Selbstständigkeit (und 4 Prozent mehr, wir müssen ja alle wachsen). Viele hundert Euro im Monat würden dann also gleich einmal weg sein – die ich natürlich gar nicht einmal theoretisch einnehmen könnte. Selbst dann nicht, wenn neben den Schnittblumen noch Paradeiser und Kürbisse und Strickwaren oder was ich sonst noch anbieten könnte liegen würden.

    So scheint es mir also, dass wir nicht einmal "frei" sind, wenn wir bereit wären, am monitären Kreislauf teilzunehmen. Nein, wir müssen auf ganz bestimmte Weise am monitären Kreislauf teilnehmen (immer mehr verdienen als im letzten Jahr, sich nicht gesundschrumpfen, sondern sich immer monströser auswachsen).

    Fazit für mich: Selbstbestimmtes Leben als Selbstversorgerin ist möglich – wenn ich vorher viel, viel Geld verdient habe (oder im Lotto gewonnen). Und damit der größte Luxus überhaupt.

    Und gerade weil das für mich das Fazit ist, lese ich voller Freude, dass es Mutigere gibt wie Michael und Lisa, die das trotz alledem einfach machen!

    Liebe Grüße,

    Eva

  7. Travelbob

    Hallo Michael,

    wie gesagt, beschäftige ich mich auch schon länger(wenn auch mehr noch theoretisch als praktisch) mit der Frage, wie eine autarke Selbstversorgung stattfinden kann oder anders gesagt: wie kann ich wirklich ein freies, unabhängiges Leben führen?

    Auch wenn wir in Luxus und relativer Sicherheit leben (im Gegensatz zu vielen Menschen in anderen Ländern dieser Welt) sind wir doch alle einer sehr großen Lüge aufgesessen. Der Lüge von Freiheit und Gerechtigkeit in unserem "demokratischen" System. Ich vertrete die Meinung, dass wir in Wirklichkeit sehr unfrei sind. Gerechtigkeit wird meistens nur geheuchelt ist aber nicht existent. Gottseidank werden die Menschen gut genug mit Konsum und allerlei Blödsinn abgelenkt, so dass ihnen gar nicht auffällt, dass sie nichts weiter sind als moderne Sklaven, die ein luxuriöses Leben auf Kosten anderer Sklaven (den Menschen in der Dritten Welt) führen.

    Ich finde es traurig, dass mir der Staat (über den Umweg Geld) verbietet mein Leben zu führen, wie ich es möchte – nämlich weitestgehend abgekoppelt vom Geldkreislauf. Wenn ich nicht gerade heimlich in den Wäldern von Kanada untertauche und in einer Holzhütte lebe, ist es mir nicht möglich ein alternatives Lebensmodell zu verwirklichen. Beispiel: Ich würde gerne in meiner Heimat ein Stück Land kaufen (ja kaufen, aber nur einmal bezahlen und nicht jährlich eine Grundsteuer darauf entrichten – das ist doch absurd, zu kaufen und trotzdem immer wieder dafür zu bezahlen). Dann würde ich gerne ein Strohballenhaus oder ein Holzhaus bauen, mit den Materialien, die mir dieses Land zur Verfügung stellt (nachwachsbare Rohstoffe) – ich will dieses Haus auf eigene Gefahr und Verantwortung bauen und brauche niemanden, der das gegen viel Geld offiziell abnimmt. Ich möchte meinen eigenen Brunnen bohren und mit meinen Möglichkeiten Strom herstellen und ein Bio-Klärwerk errichten. Ich will kein Stadtwasser, kein Stromanschluss und keinen Abwasseranschluss.

    So etwas ist aber so einfach nicht möglich, denn Gemeinde und letztendlich Staat sowie zahlreiche Verordnungen und Gesetze zwingen mich dazu gewisse Auflagen einzuhalten und immer kräftig zu zahlen (man darf ja nicht mal einen eigenen Kamin oder Bollerofen ohne Genehmigung des Schornsteinfegers einbauen).

    Wenn man nun durch Eigenproduktion das nötige Geld einnehmen möchte, um den Staat zu befriedigen, ist das auch wieder nicht ohne Weiteres möglich. Man darf nicht einfach Tiere halten und schlachten oder eigenen Honig verkaufen ohne wieder (bezahlte) Genehmigungen eingeholt zu haben. Vermutlich braucht man sogar einen Gewerbeschein, wenn ich Schnittblumen am Straßenrand aus meinen Garten verkaufe (sobald ich über den Steuerfreibetrag komme im Jahr ;-) )

    Solange ich also nicht selbstbestimmt und ohne Dritte zu bezahlen, mein Leben führen kann, muss ich mich fühlen wie ein Leibeigener, der nur gegen ein bestimmtes Verhalten und finanzielle Aufwändungen seinen Träumen nachgehen kann. Je ferner diese Träume vom Mainstream sind, desto mehr wird man als "Verrückter" belächelt, was widerum eine Art soziale Ausgrenzung ist.

    Deshalb bin ich immer sehr interessiert an den Geschichten von Menschen, die andere Erfahrungen gemacht haben oder Lösungswege gefunden haben, sich als Systemkritik aus dem System weitestgehend zurückzuziehen. Und zwar legal. Natürlich kann man sich auch irgendwo heimlich eine Hütte zimmern und einen Ofen einbauen. Aber wehe, man wird dabei erwischt…

    Ich bin wie gesagt selbst noch nicht über den Punkt hinaus, mein eigenes Gemüse in einem Stadtgarten mit Laube anzubauen (immerhin). Dennoch beobachte ich sehr aufmerksam den Trend vieler Leute, die einfach etwas anders denken, sich dem System abzuwenden und keine "Komplizen" mehr zu sein.

    Denn solange wir noch munter weiter konsumieren und unser erarbeitetes Geld immer wieder sofort durch sinnlosen Konsum in den Kreislauf zurückführen, solange sind wir Komplizen dieses Systems und machen genau das, was von uns erwartet wird.

    Nach Tschechien zu gehen und ohne Strom und sinnlosen Konsum zu leben, ist genau das Gegenteil davon, deshalb finde ich Euer Experiment so spannend. Wenn ihr das schafft seid Ihr wahre Revolutionäre – vermutlich die peacigsten überhaupt (auch wenn Ihr das sicher gar nicht sein wollt).

    Liebe Grüße

    Travelbob

  8. Pingback: Schwarz und Weiß

  9. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

    Hallo Daniel,

    ja, ich denke auch, ein großes Hindernis ist unser Werteempfinden und die finanziellen Verpflichtungen. Aber zum einen bieten uns Hindernisse Lernerfahrungen an, zum anderen hat man es schon in einem relativ großen Umfang selbst in der Hand, wie hoch oder niedrig die finanziellen Verpflichtungen sind.

    Ganz auf Null zu kommen, was die Ausgaben angeht, ist sehr utopisch. Eine wundervolle Vorstellung – aber meines Erachtens nach innerhalb des jetzigen Systems sehr, sehr schwierig bis unmöglich (bei genauer Betrachtung).

    Ich bin gespannt, wie weit wir das runterdrosseln können – und freue mich auch auf Juttas Antwort. :)

  10. Travelbob

    Hallo Jutta,

    aber irgendwie etwas Geld werdet Ihr doch benötigen? Oder schafft Ihr alles selbst zu produzieren? Wie macht Ihr das? Gerade mit zwei Kindern?

    Das interessiert mich wirklich, weil ich der Meinung bin, dass der größte Hemmschuh zum autarken Leben der Zwang ist, am Geldkreislauf teilnehmen zu müssen. Miete/Steuern/Strom/Wasser/Kleidung/Schulgeld/Kindergartengeld (falls notwendig)/Nahrung, die man nicht selbst herstellt…

    Gruß

    Travelbob alias Daniel

  11. Jutta Jordans

    Ich stimme deinen Gedanken 100%ig zu. Auch ich habe in den letzten Jahren viele Schritte gemacht, die in meinem Bekanntenkreis und meiner Verwandtschaft als "Verzicht" gesehen wurden … ich hab mein Auto verkauft und fahre seitdem nur noch Fahrrad und manchmal Bus oder Bahn, ich habe zuerst von einer Vollzeit- auf eine Teilzeitstelle gewechselt (drei Tage die Woche) und später meinen festen Arbeitsplatz ganz gekündigt, um als WWOOFerin nach Kanada zu gehen, ich bin aus einer teuren und luxuriösen 2-Zimmer-Wohnung in eine Land-WG in einer alten Fabrik gezogen und noch einiges mehr. Jeden dieser Schritte habe ich als große Befreiung und Bereicherung empfunden.

    Und als (vorerst) letzten Schritt bin ich jetzt ganz aus der Großstadt weg aufs Land gezogen, um mit einer Freundin zusammen ein kleines Atelier, einen eigenen Garten und Hühner haben zu können. Die Freundin lebte vorher alleinerziehend mit zwei Kindern von Hartz4, kann also durchaus schon als sozialer Härtefall gelten und hat diesen "Ausstieg" trotzdem gewagt und geschafft. Wir alle vier (also auch die beiden Kinder) haben das Gefühl, durch diesen Umzug unglaublich viel gewonnen zu haben. Es vergeht kein Tag, wo wir nicht sagen: "Boah, was haben wir es gut."

    Zugegeben, es gibt auch Tage, wo wir sagen: "Wenn wir Geld hätten, könnten wir uns dies oder jenes leisten" … eine neue Küche z.B., einen Strandkorb für den Garten oder so, aber brauchen tun wir das alles nicht, um glücklich zu sein.

  12. Alexandra Hübne

    Du sprichst mir so was von aus meiner teifsten Seele, ich kann gar nicht glauben, dass jemand anderes diese Gedanken aufgeschrieben hat!

    Letzes Jahr waren wir in Tschechien (reiseradeln) und haben uns über die schöne Natur, besonders in den Bergen, gefreut.

    Viel Glück bei allem,

    Alexandra

  13. BioBella Stranzl

    danke michael für diesen wieder einmal sehr treffenden artikel. auch wenn ich zugeben muss, dass ich es noch nicht geschafft habe auf alles zu "verzichten" was in wirklichkeit nicht notwendig ist, so habe ich doch das gute gefühl am "richtigen weg" zu sein.

    manchmal erschreckt mich, wie sehr ich doch an dingen hänge, die ich in wirklichkeit nicht für wichtig finde. vieles schränke ich einfach immer mehr ein, so entsteht dieses "verzichtsgefühl" nicht mehr, wenn man es früher oder später ganz weglässt oder aufgibt. anderes verschwindet von ganz allein aus meinem alltag. manches geht einfach nicht von heute auf morgen.

    step by step freue ich mich auf diesem weg zu sein. auf dem weg zu mehr zufriedenheit, glücksgefühl und freude durch weniger besitz und weniger druck. weniger ist wahrlich mehr!

  14. Johann

    Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.

    Mahatma Gandhi, 02.10.1869 – 30.01.1948

    indischer Freiheitskämpfer

    Hallo Michael, super beschrieben was uns vor 18 Monaten bewogen hatte Deutschland zu verlassen und ins Baltikum zu gehen. Und wir genießen diesen LUXUS jeden Tag. Es ist einfach aber nicht immer leicht seinen eigenen Weg zu gehen.

    Wenn ich so gut schreiben könnte wie du hätte ich auch ein Blog. ;-)

  15. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

    Hallo Helga,

    vielen lieben Dank für Dein Kommentar. Ja, völlig klar, es gibt soziale Härtefälle. Um die ging es mir aber nicht, was hoffentlich durch die Aufzählung, was ich als dekadent empfinde, klar geworden ist.

    Diese sozialen Härtefälle gibt es – und das ist falsch und muss sich schleunigst ändern. Absolut.

    Bei vielen, die ich aus meinem persönlichen Umfeld kenne, geht es aber weniger um "zu wenig Geld, um zu leben", sondern um völlig falsche Prioritätensetzung. Wenn ständig Alkoholika im Haus sind, die Eltern jeweils wie ein Schlot rauchen, ständig DVDs ausgeliehen werden, die auf einem Fernseher betrachtet werden, etc., pp. – und deswegen die Kinder nicht gut versorgt werden oder nicht mit auf Schulskikurs können, dann ist nicht die Sozialhilfe an sich zu niedrig – dann haben wir eine andere Ursache.

    Da ich mich mit diesen Zeilen vielleicht bei der ein oder anderen Person wenig beliebt mache, möchte ich anhängen, dass es mir generell sehr schwer fällt, in Eurem System die guten Seiten zu sehen. Denn selbst wenn Menschen hier bei uns mehr Sozialhilfe bekämen, dann würden sich die Faktoren, die mit dem Kapitalismus und Nationalstaatlichkeit zusammenhängen, nicht ändern.

    Sorry, wenn ich bei dem Thema eher etwas negativ bin.

  16. eva

    Finde ich sehr schön, die Luxus-Debatte!

    Wir sind selbst vor wenigen Monaten aufs Land gezogen und ich "verzichte" jetzt jeden Tag auf ca. eine Stunde Freizeit, weil ich nach Wien pendle, um zu arbeiten.

    Jedoch: Wenn ich in Wien ankomme und in einer U-Bahnstation oder auch auf der Straße stehe – dann habe ich das Gefühl, dass ich Lebenswichtiges nicht habe: Platz, gute Luft, weichen Boden für meine Füße, eine Schöne Umgebung für meine Augen, entspannte Menschen. Ich habe in der sicheren, überwachten, sauberen (relativ), technisierten U-Bahn-Station mit Unterhaltungsscreen viel mehr das Gefühl, derade das aller-aller-Lebensnotwendigste zu bekommen. Wäre die Luft noch schlechter, wäre die Umgebung noch abweisender, würde ich tot umfallen.

    Komme ich dagegen daheim an und begrüße Hunde und Kohlrabipflanzen, habe ich ein enormes Gewinn-Gefühl, das den Freizeit"verlust" – ich kann nicht sagen ausgleicht – es führt den Gedanken an Verlust völlig ad Absurdum!

    Liebe Grüße,

    Eva

  17. Helga

    also, ich merke in den letzten jahren sehr oft, dass auch in unseren wohlstandsländern sehr viele menschen NICHT alles essentielle haben. wenn man von sozialhilfe lebst und dein boiler wird kaputt, dann hast du echt ein problem. wenn du von sozialhilfe lebst und dein kind hat skikurs, dein boiler ist kaputt und gleichzeitig bricht dein lattenrost ein, dann hast du drei probleme. man kann vom skikurs daheim bleiben, am boden schlafen (-> schimmel auf der matratze) aber ein baby in kaltem wasser baden ist ein echte problem.

    am land ist noch alles eitle wonne, glaubt man. mehrere LehrerInnen, die ich persönlich kenne, berichten seit einigen jahre davon, dass es immer wieder kinder aus armen familien gibt, die keine schuljause mithaben. oder eben nur gelegentlich. oder nacktes toastbrot mit rama. oder ohne rama. die soziale schere wird immer weiter, auch in österreich, und die superreichen immer reicher. heuer wird sich die zahl der millionärInnen um ca. 66% erhöhen!! und mehr menschen denn je hungern!

    von der dreiklassenmedizin ganz zu schweigen. und obdachlose haben wir in österreich mehr als genug. sicher – den meisten menschen auf der welt geht es schlechter.

    genug "gejammert". also meine eigene erfahrung mit ökologischer lebensweise als stadtbewohnerin ist: NICHTS schmeckt besser als der rucola von meiner fensterbank (es steht jedoch in konkurrenz mit dem gemüse aus dem garten meiner mutter). er ist ein geschenk (der rucolasamen auch). ich lebe ohne kühlschrank, hatte noch nie ein auto, mein fahrrad ist ziemlicher schrott, meine stromrechnung ist laut energiesparauskunft nicht möglich weil so niedrig. meine schwester behauptet ich hätte einen "reparier-wahn" – was mir ein grosser quell von freude ist (ich repariere oft auch ungefragt bei anderen leuten). so gut wie alle meine möbel sind second hand oder von alten dachböden, komischer weise glaubt mir das niemand, der mich besucht (ich weiss wie man einen pinsel hält, und ich halte ihn sehr gerne). soll heissen: es sieht nicht so aus. fast mein gesamtes geschirr war ein geschenk.

    ich miste sehr gerne aus, und sorge dafür dass alles brauchbare in die hände von menschen gelangt, die es noch brauchen (schenke, kostnixladen, freundInnen, caritas-lager). ein quell grosser zufriedenheit für mich! was mich auch sehr entspannt, ist, dass ich relativ wenig besitz habe, dh wenig putzen, weniger verstauen muss, wenig pflege, weniger kosten, eine kleine wohnung vollauf reicht. also verzicht ist etwas anderes als das was ich lebe. ich liebe auch pflanzenableger zu verschenken, das freut manche menschen. sehr viele der dinge die ich liebe waren geschenke oder vom müll gerettet. hat schon jemand einmal etwas "aus dem ikea gerettet"? *sfg*

    also verzicht seh ich wenig bei mir. qualen durch verzicht durch ökologischere lebensweise muss ich für mich ausschließen. dass ich sehr darauf achte was ich zum essen einkaufe (bio, regional, ohne plastik wenn möglich, keine tiere drinnen) macht mich zu einer bewussten esserin, aber verzicht ist das für mich längst nicht mehr. alles was mir bei der umstellung "gefehlt" hat ist, war mir sehr bald egal und/oder ersetzt.

    dass ich eine bastlerin bin, die gern kocht und gerne neue dinge ausprobiert (und grosse freude daran hat) erleichtert meine lebensweise vermutlich. aber ganz ehrlich: wer findet nicht gerne neue dinge die schmecken, gut aussehen, funktionieren?

    viele religionen pflegen zeiten der askese (ramadan, fasten…) und menschen die dies machen fühlen sich nach dieser zeit im jahr besser. sie genießen die dinge mehr, essen schmeckt besser usw.

    bedeutet "verzicht" oder reduzierung im leben grösseren genuß, mehr freude, mehr gesundheit? als pauschalisierung wäre es falsch, aber die tendenz ist auf jeden fall zu beobachten. noch mehr fernsehen, noch mehr autofahren, noch mehr arbeiten/besitzen/ etc. ist selten das ticket ins glück. weniger ist (oft) mehr!

    herzliche grüsse und danke für den lesenswerten artikel!

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