Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Leben in Gemeinschaft Teil 1

Von Petra Fuchs
12. September 2012

Was uns bewegt….

Schon seit vielen Jahren keimt in uns der Gedanke, dass wir uns nach Gemeinschaftsleben sehnen. Eigentlich fing alles damit an, dass wir es vermissten, KEINE Großfamilie ständig um uns herum zu haben. Unsere Gesellschaft ist ja beständig einem Wandel unterworfen und so entwickelte sie sich im letzten Jahrhundert weg von den Großfamilien, wo meist drei und vier Generationen zusammen lebten, hin zur klassischen Kleinfamilie mit Mama, Papa und zwei Kindern (derzeit ist hier auch gerade wieder ein großer Umbruch im Gange).

Seien wir mal ehrlich…

heutzutage ist es einfach so, dass man als klein Familie (die tendenziell immer öfter auch aus Alleinerziehenden besteht) alles alleine wuppen muss, was früher die Großfamilie gemeinsam erledigt hat. Sei es die Kindererziehung, die Hausarbeit, die Gartenarbeit, der Broterwerb und die Tierversorgung – all dies war in gemeinsamer Hand. Heute sind nicht nur weniger Menschen für all diese Bereiche zuständig, nein, wir müssen uns sogar für den Broterwerb von unserem Hof (Wohnort) entfernen und in der Zeit die Kinder oftmals in staatliche Betreuungseinrichtungen geben. Die Grad zwischen freier Wahl und Wahlfreiheit in der Lebensgestaltung ist hier mit unter sehr eng.

Natürlich darf nicht der Fehler der Romantisierung begangen werden, denn klarerweise gab es „früher“ im Leben der Großfamilie ganz andere Probleme. Vor allem die Art des gegenseitigen Umgangs zwischen den Erwachsenen, sowie Erwachsenen und Kindern und der teils beengende Lebensraum sind Gegebenheiten, die wir für nicht wiederholenswert halten. Doch wollen wir auch nicht die Vergangenheit reaktivieren, sondern eine neue Form des Zusammenlebens anstreben, die alle positiven Aspekte des vergangen Jahrhundert, aber auch neue Erkenntnisse mit einbezieht.

Die Großfamilie als „gewachsene Gemeinschaft“

Eine Gemeinschaft mit seinen Eltern und Großeltern zu gründen wäre ein toller Schritt – in der Praxis aber leider (noch) nicht umsetzbar. Eltern und Großeltern sind teils selber stark in Ihrem Umfeld eingespannt und können sich eine Veränderung nur schwer vorstellen und weiterhin herrschen einfach andere Lebensvorstellungen vor, die oft nicht miteinander vereinbar sind. Natürlich gibt es hier wunderbare Ausnahmen von Familien, die mit Ihren Eltern in Haus- oder Nachbarschaftsgemeinschaften zusammen leben.

Wir könnten uns übrigens vorstellen auch unsere Eltern und Schwiegereltern in unser Gemeinschaftsleben mit einzubeziehen. Unsere Beziehung ist geprägt von gegenseitigem Respekt gegenüber jedem Einzelnen und auch den unterschiedlichen Ansichten der Generationen gegenüber. Mal sehen, ob sie sich irgendwann dazu entschließen können.

Die Gemeinschaft – unsere Wahlfamilie

Was aber tun, wenn man dieses Großfamilienleben leben möchte und keine Familie an der Seite hat, die diesen Weg mit einem geht?

Die einzige Antwort ist, sich Menschen zu suchen, die ähnliche Vorstellungen haben um mit Ihnen eine Gemeinschaft zu gründen. Überhaupt halte ich eine Wahlgemeinschaft für stabiler und fähiger mit Problemen umzugehen, als einen Haufen durch Geburt bunt zusammen gewürfelter Menschen.
Das Thema Gemeinschaft ist unserer Gesellschaft keine Abnormalität mehr von Sekten oder esoterischen Spinnern – nein, wenn sich jeder einmal umsieht, gibt es davon innerhalb Europas hunderte gelistete, wenn nicht sogar mehrere tausende Lebensorte verschiedenster Ausprägungen.

Die Tendenz geht klar wieder in Richtung WIR und weg vom ICH.

Wie kann Leben in Gemeinschaft funktionieren?

Wie kann aber nun eine solche Gemeinschaft aussehen und was benötigt es tatsächlich als kleinsten gemeinsamen Nenner, damit dies auch funktionieren kann?

Diese und andere Fragen werde ich im nächsten Beitrag mit Euch klären, ebenso natürlich auch UNSERE Vorstellung von unserer geplanten Gemeinschaft beschreiben und auch den Bereich des „Altwerdens“ in Gemeinschaften und dem derzeitigen Armutszeugnis unserer Gesellschaft im Umgang mit unseren „Alten“ werde ich kritisch beleuchten.

Bis dahin hier noch ein paar gute Artikel zum Lesen:

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

8 Gedanken über “Leben in Gemeinschaft Teil 1

  1. sylvi

    Hallo Ihr Lieben alle, es ist schon wieder ein Jahr vergangen seit der letzte Eintrag hier war. Aber ich habe alles mit Spannung gelesen und werde es auch weiter verfolgen. An Herrmanns Angebot wäre ich schon sehr interessiert, habe aber keine Ahnung wie weit das alles gediehen ist.
    lg
    sylvi

  2. Hermann Muigg-Spörr

    Liebe Menschen, die diese Seite lesen!

    Ich besuche seit 20 Jahren Gemeinschaften, bei denen das Zusammenleben, – arbeiten, -glauben lange (Franziskusgemeinschaft über 30 Jahre) oder weniger lange (Offenes Kloster Abbaye de Fontaine-André) funktioniert bzw. funktioniert hat!
    Ich habe in der Nähe von Innsbruck 3 ha (=30.000 m²!), die ich gerne als meinen Anteil (neben einer Geldsumme und meinen Talenten) einbringen möchte!
    Wer kann sich zu einem Schritt zu einer Wohn- und Lebensgemeinschaft entschließen? JETZT ist die Zeit…

    Herzliche Grüße an alle Leserinnen und Leser dieser Zeilen,
    Ich bitte um Verbreitung dieses Angebotes, dieser Möglichkeit!!!

    Hermann (Muigg-Spörr)

  3. StefZe

    Hallo Elmar,

    im Prinzip hast du da vielleicht "Recht". Ich sehe es allerdings nicht als Widerspruch.

    Als "staatl. anerkannte Erzieherin" hat man eben schon von seiten des Staats aus

    das Recht Kinder zu betreuen. Soweit ich weiß gibt es ja keine Kindergartenpflicht

    in Deutschland – insofern bräuchte man diese Legitimation eigentlich nicht.

    Eine abgeschlossene Ausbildung könnte eben dazu dienen auch eine Einkommensquelle zu sein – die ja auch wiederum zur Autarkie beiträgt. Autark sein ohne sich vom "Rest der Welt"

    abzuschotten ist da mein gedanklicher Ansatz.

    Ich persönlich mag Kinder und arbeite gerne mit Kindern – ich könnte mir eben auch vorstellen, wenn es bspw. die Räumlichkeiten hergeben, einen "Kindergarten" ins

    Leben zu rufen bei dem auch Kinder von außerhalb der Gemeinschaft einen Platz haben

    können.

    Ich hoffe ich konnte mich verständlicher machen? :)

  4. Elmar Bohorn

    Das hört sich ja nett an, aber @Stefze, ist "… ich plane die Ausbildung zur staatlich anerkannten KinderGärtnerin…" nicht eigentlich ein Widerspruch zu dem ansonsten geimeinschaftlichen, tribalen Strukturen, die hier hoch gehalten werden?

  5. Stefze

    Ich freue mich auch sehr auf die Fortsetzung dieses Artikels :)

    Einen Aspekt den ich bei Lebens-Gemeinschaften als sehr positiv betrachte ist der Umstand, dass sich die verschiedenen Menschen ergänzen.

    Meine Ma zum Beispiel ist Frühaufsteherin und ich auch, während unsere Partner meist eher einen längeren Anlauf und diverse Koffeeininfusionen "brauchen" um in die Gänge zu kommen.

    So bringt eben jeder seine Persönlichkeiten und seine Fähigkeiten mit ein und idealerweise kommt es zu einer sehr nützlichen Ergänzung für alle Beteiligten.

    Bezüglich der "Kinderversorgung" ist es bei mir bspw. so, dass ich plane die Ausbildung zur staatlich anerkannten KinderGärtnerin zu machen – das würde mir m.M.n. einerseits ein Einkommen ermöglichen und andererseits könnten auch noch andere Kinder von einer natürlichen Umgebung profitieren…

    Grüßle

  6. Philipp

    Liebe(r) Se Kim

    Wahrscheinlich sprichst Du in Deiner Antwort mit den Genen die Theorie der Verwandschaftsselektion an:

    Bereitschaft zum altruistischen (zunächst uneigennütziges) Handeln hängt häufig von der Verwandtschaft zum Nutznießer ab. Je höher der Grad der Verwandtschaft zwischen zwei Individuen ist, desto höher liegt die Bereitschaft zum altruistischen Handeln (Bei Geschwistern sind es nur noch 25%!!!) (Aus Wikipedia).

    Wissenswert ist, dass es noch vier weitere Kontexte gibt, in denen sich altruistisches Handeln lohnt.

    1. Reziprok = "Eine Hand wäscht die

    2. Indirekt Reziprok = ich bekomm zwar von dir nichts zurück, aber ich habe insgesamt einen Nutzen im Leben (Genetisch gesehen).

    3. Stark Reziprok: Meine kooperation wird altruistisch belohnt.

    4. Gruppenselektion (Interessant für unsere Patchworkfamilie): Durch mein altruistisches Handeln, hat unsere Gruppe einen Vorteil und kommt weiter.

    5. Als letztes kommt noch die Verwandschaftsselektion, die Du ja schon angesprochen hast.

    Der Theorie nach: Wenn Altruismus genetisch verankert ist, so bedeutet es, dass er seinem Träger beim Überleben geholfen hat, sonst würde es ihn nicht mehr in seinem Erbgut geben. Ergo war es doch Eigennützig, nur eben nicht sofort und das gilt genauso gut für eine Patchworkfamilie.

    Dennoch gibt es zumindest in der Biologie Probleme wenn ein Lebewesen seinen eigenen Nachkommen Erfolg sichern möchte und in seiner Gruppe Konkurrenz von nichtverwandten Nachkommen für seine eigenen Nachkommen fürchtet, selbst wenn sie noch nicht einmal da sind. Da muss ich Dir schon recht geben, wenn Du das meinst.

  7. Gunnar

    Ich bin sehr gespannt auf die folgenden Artikel!

    Ein Schriftsteller schrieb mal:" Geld ersetzt die Gemeinschaft als Sicherheit" … und er meinte das kritisch!

    Ich hoffe sehr das ihr einen Weg findet eine Geinschaft zu bilden. Das würde eine Selbstversorgung unheimlich bereichern! :-)

  8. Se Kim

    Danke für Eure geschätzten Beiträge! Etwas möchte ich ergänzen: Es wird ja überall von Zusammenlebens-erfahrenen Menschen gesagt, dass das Patchwork-Grossfamilien-Zusammenleben nach einer gewissen Zeit immer mit riesigen Konflikten verbunden ist oder gar endet. Das hat zu tun damit, dass man nicht dieselben Gene hat.

    Innerhalb der Familie gibt es einen Stamm mit denselben Genen. Deine Kinder haben zur Hälfte dieselben Gene wie Du, dadurch hast Du die Empfindung, dass diese Menschen Varationen Deines Themas sind, nicht völlig andere Menschen.

    Dadurch kann eine Grossfamilie über Jahrhunderte eine eingeschworene Gemeinschaft sein – nicht durch gemeinsame Kleidung und geteilte Musik, sondern durch eine ähliche, aber variierte Grundeinstellung.

    Und genau darum haben 'sie' – die als Grossfamilie zusammenblieben – es über Jahrhunderte geschafft, uns auseinanderzutreiben: damit niemand mehr erfährt, wie glücklich eine Familie sein kann. Und so müssen wir mit Patchworkfamilien Vorlieb nehmen, die auch ihre Vorteile haben… und mehr Toleranz brauchen.

    Oder wir ziehen uns zurück und warten ein paar hundert Jahre, bis es wieder geht^^ Oder es geschieht ein Wunder ;)

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