Die Ernte-Empfänger*innen bestimmen mit!

Warum die solidarische Landwirtschaft für die Burgenländerin Michaela Fassl etwas absolut besonderes ist.

Michael Hartl
Von Michael Hartl
29. Mai 2014

Wir haben schon eine ganze Weile Kontakt mit Mi und Max vom Sepplashof. Ein CSA-Projekt, das die beiden nicht so weit von uns entfernt gestartet haben. Am Rande „unserer Region“ – also dem Bereich rund um unseren Lebensmittelpunkt, den wir mit dem Fahrrad an einem Tag gemütlich hin und zurück fahren und dort eine gute Zeit verbringen können. Alles darüber hinaus, was also PKWs benötigt, ist nicht so sehr „unsere Region“, denn dort können wir nicht regelmäßig sein, ohne das andere über ein leidendes Ökosystem den Preis dafür zahlen.

Max und Mi und ihr Sepplashof sind für uns eines der schönsten Projekte, die hier in den letzten Jahren entstanden sind. Auch, weil wir die beiden menschlich sehr schätzen. Mi hat mir für diesen Artikel einen Schwung an Fragen beantwortet und zeichnet für euch ihr Bild vom Hintergrund, dem Wert und den Auswirkungen von CSAs – oder solidarischen Landwirtschaften, wie man zu deutsch sagt.

Liebe Mi, wer bist du und was hast du gemacht, bevor du mit deinem Lebensgefährten Max ein CSA-Projekt im Südburgenland gestartet hast?

Hallo Michael, erst mal vielen Dank, dass ich auf diesem Weg über unser Projekt erzählen darf! Mein Name ist Michaela, die meisten Menschen sagen Mi zu mir. Ich bin im Südburgenland, Bezirk Oberwart, aufgewachsen – als Kind habe ich noch erleben dürfen, wie meine Großeltern hier gemeinsam mit anderen Dorfbewohner*innen den Erdäpfelacker bestellt, ihre Hühner, Schweine und Hasen versorgt, und Weidenkörbe geflochten haben. Nach der Schule bin ich nach Wien gezogen, um dort Sozialpädagogik und Gender Studies zu studieren. Vom Grundberuf her habe ich also eigentlich nichts mit Landwirtschaft am Hut :) Sehr bald bin ich dann durch Max, der schon immer einen Gemüsegarten bei sich zuhause hatte, aufs Garteln gekommen.

Foto von Mi und Max vom Sepplashof

Was war der Auslöser dafür, dass ihr über dieses Projekt nachgedacht habt? Und gibt es einen Moment, der dazu geführt hat es konkret umzusetzen?

Max hatte schon länger den Wunsch, wieder „zurück zur Landwirtschaft“ zu kommen – seine Eltern hatten einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, wo er viel von den schönen, aber auch den schattigen Seiten der Landwirtschaft mitbekommen hat. Bei mir waren es vor allem zwei Komponenten: Zum einen war es die immer größere werdene Liebe zum Gemüse und Gemüseanbau! Schon während dem Studium, als Max und ich noch in Wien gewohnt haben, waren wir sooft es ging im Burgenland, um unser eigenes Gemüse anzubauen – wie man sich vielleicht vorstellen kann, war das manchmal eine große organisatorische Herausforderung! :D Die Zeit im Gartl war mir immer zu kurz – ich wollte mehr davon!

Die andere große Motivation, über SoLawi nachzudenken, war die Beschäftigung mit der Landwirtschaft so wie sie heute großteils läuft. Wir haben viel über die ausbeuterische und rein auf Profit ausgerichtete Lebensmittelindustrie gelesen, haben Dokumentarfilme verschlungen und nächtelang darüber diskutiert, und dann noch mehr gelesen. Wir haben uns immer schwerer getan, Lebensmittel einzukaufen. Was können wir denn noch guten Gewissens essen? Und gesamtgesellschaftlich betrachtet: Wie kann die Menschheit in Zukunft mit guten und ethisch vertretbaren Lebensmitteln versorgt werden

Zu dem Zeitpunkt spürte ich viel Ohnmacht und auch Wut.

Eines Tages fiel uns der Film „Farmer John – Mit Mistgabel und Federboa“ in die Hände – ein faszinierendes und lustiges Portrait des Alt-Hippies und Farmers John Peterson aus Illionis, der nach dem Modell der CSA wirtschaftet. Das hat mich neugierig gemacht, da ich von dieser Form des Wirtschaftens noch nie gehört hatte. Wir haben anschließend viel darüber recherchiert, und waren positiv überrascht, dass es zu dem Zeitpunkt bereits zwei Initiativen in Österreich gab. Eine davon, die Gemüsefreude in Oberösterreich, haben wir dann im Sommer 2012 besucht. Das war der Moment in dem wir wussten: Genau das wollen wir auch machen!

„Die Menschen hier stehen hinter uns“

Was genau ist so eine CSA?

CSA ist die Abkürzung für Community Supported Agriculture und bedeutet direkt übersetzt Gemeinschaftsgestützte Landwirtschaft, im deutschen Sprachraum spricht man meist von Solidarischer Landwirtschaft (SoLawi). SoLawi/CSA bezeichnet ein landwirtschaftliches Konzept, das sich in den 1960er-Jahren gleichzeitig in Japan (dort Teikei genannt), in Nordamerika und in Westeuropa entwickelt hat. Es zeichnet sich durch einen direkten und lokal organisierten Zusammenschluss von Konsumierenden und Produzierenden aus, die sich nach gemeinsamer Vereinbarung Kosten, Verantwortung und Ernte teilen. Diese Form der Landwirtschaft ist unabhängig vom Zwischenhandel (und damit von Konzernen und Marktschwankungen) und gewährleistet eine Versorgung mit regionalen, biologischen Lebensmitteln, eine faire Produktion und Mitbestimmung über die eigenen Nahrungsmittel.

Foto einer bunten Erntekiste

Wesentlich ist also, dass eine Gruppe an Menschen die Abnahme der Lebensmittel garantiert und die Ernte bzw. alles, was notwendig ist, um diese zu erzeugen, vorfinanziert. Der Hof verpflichtet sich im Gegenzug, sein bestes zu tun um die Ernteteiler*innen für ein Jahr/eine Saison mit guten Nahrungsmitteln zu versorgen. Wenn wir von der Ernte sprechen, meinen wir in unserem konkreten Fall Gemüse, Obst und Kräuter. Es gibt aber auch SoLawis die Getreide, Milchprodukte, Fleisch, u.a. produzieren.

Und wo ist da der Unterschied für die Verbraucher*innen, bzw. für die Produzierenden verglichen mit einem Biobetrieb mit regionaler Selbstvermarktung?

Mit dieser Frage sehen wir uns häufig konfrontiert. Oft reduzieren Menschen SoLawi-Projekte auch vorschnell mit „achja, die mit dem Gemüsekistl“. Aber der Unterschied zu einem Gemüse-Abo könnte größer nicht sein! Das wesentliche Element ist die Mitbestimmung der Ernteteiler*innen. Das gesamte Projekt ist auf die Bedürfnisse der Hofgemeinschaft zugeschnitten, alle Beteiligten können sich einbringen und gemeinsam über die Entwicklung des Hofes entscheiden. Bei der Vollversammlung zu Beginn der Saison wird bspw. über verschiedene Aspekte wie die Form der Ernteverteilung, die Abholpunkte, Kommunikations- und Organisationsform, u.v.m. diskutiert und abgestimmt. Das Budget wird besprochen – was gibt es an Ausgaben wie Material, Saatgut, Löhne, etc – und auch darüber wird abgestimmt. Je nach Bedarf kann es weitere Versammlungen geben.

Ein konkretes Beispiel für diesen Aspekt der Mitbestimmung wäre die Frage nach der Bio-Zertifizierung: Auch heuer haben sich unsere Ernteteiler*innen gegen eine offizielle Zertifzierung entschieden, da sie es in unserem Fall für obsolet halten – Produzent*in und Esser*in treffen sich wöchentlich bei der Ernteabholung, Ernteteiler*innen können jederzeit aufs Gemüsefeld kommen, haben die Möglichkeit bei freiwilligen Mithilfetagen einen Einblick in die Wirtschaftsweise zu bekommen, d.h. sie wissen, wo und wie die Nahrungsmittel angebaut werden, wer sie anbaut und zu welchen Kosten dies geschieht. Hier geht es um Transparenz und Vertrauen.

Stichwort Mithilfetage: Es geht auch ums Mitmachen! Gemeinsam macht die Arbeit am Gemüsefeld echt viel Spaß, man trifft sich, kann sich unterhalten, Rezepte austauschen,.. Das voneinander Lernen bzw. Bildungsarbeit sind wesentliche Aspekte in einer SoLawi. Abgesehen von den Mithilfetagen kann sich die Hofgemeinschaft Workshops, Seminare o.ä. organisieren. Wir hatten letztes Jahr bspw. einen sehr feinen Sauerteigbrot- und Kefir-Workshop.

Foto einer Gruppe von Helfer*innen mit einem Gärtner auf einem CSA-Betrieb

Ein weiterer großer Unterschied zu „klassischer“ regionaler Selbstvermarktung ist, dass es keinen Preis mehr für ein Produkt gibt. Der Beitrag, den unsere Ernteteiler*innen zahlen, ist nicht in Verbindung zu bringen mit einem Kilopreis für ein bestimmtes Gemüse (der ohnehin immer virtuell ist und nicht dem Wert an sich entspricht), sondern steht für einen Anteil am Hof, einen Anteil am Boden. Als Ernteteiler*in sorge ich mit dem eigenen Beitrag dafür, dass es den Hof überhaupt gibt, dass meine eigene Nahrungsmittelversorgung langfristig gesichert ist, und zwar genau so wie ich mir das vorstelle – ökologisch und sozial, kurzum zukunftsfähig. Für uns als Produzierende ist der persönliche Bezug, die Beziehung zwischen uns und unseren Ernteteiler*innen, ganz besonders toll. Wir wissen, dass diese Menschen hinter uns stehen, uns unterstützen, auch wenn mal – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Sturm aufzieht. Das ist es, was das CSA-Modell für mich so besonders macht.

Vernetzung und Hunger auf Alternativen

Wenn jemand in seiner Gegend auch von einer CSA beziehen will – wo wird der fündig? Gibt es eine Liste mit Betrieben?

Es gibt ein Wiki, auf dem alle österreichischen CSA-Initiativen aufgelistet sind. Hier finden sich auch allerlei interessante Infos und Links zu CSA. Bei den letzten österreichischen Vernetzungstreffen wurde deutlich, dass es zukünftig eine breitere Plattform braucht, die eine Vernetzung von Produzierenden und Konsumierenden erleichtern soll, genauso wie diese auch Unterstützung bei der Gründung einer CSA bieten könnte. Das wird bestimmt noch ein Thema in nächster Zeit.

Und angenommen, jemand möchte schon jetzt selbst einen CSA-Betrieb aufbauen, oder seinen bestehenden Betrieb umstellen, wohin können sich solche Menschen wenden?

Interessierte, die überlegen, einen CSA-Betrieb auf die Beine zu stellen, können sich an [email protected] wenden, das ist die Kontaktadresse zum Thema CSA in Österreich. Aus eigener Erfahrung halte ich es zudem auch für äußerst hilfreich, sich mit bestehenden CSAs zu vernetzen – siehe hier die Auflistung im Wiki. Natürlich stehen auch wir vom Sepplashof gerne zur Verfügung :)

Ist das Südburgenland ein guter Ort für solche Projekte?

Ehrlich gesagt waren wir eher skeptisch, als wir uns entschieden haben, hier im Südburgenland mit einer SoLawi zu starten. Wir kannten CSA doch hauptsächlich als urbanes Konzept, und waren uns nicht sicher, ob es am Land überhaupt Bedarf an (Bio-)Gemüse gibt, wo doch einige Menschen noch einen eigenen Küchengarten haben. Aber gleich beim ersten Infoabend im Februar 2013 war klar, dass es sehr wohl Gemüse-Bedarf gibt, und dass teilweise auch richtiggehend „Hunger“ nach Alternativen zum Supermarkt besteht! Eine Frau sagte uns gleich nach dem ersten Infoabend: „Zum Glück gibt es das jetzt bei uns, genau darauf haben wir hier gewartet!“ Also ja, das Südburgenland ist definitv ein guter Ort für solche Projekte!

Von FoodCoops und gemeinsamen Prozessen

Kennst du weitere nennenswerte Projekte im Burgenland?

Also CSA kenne ich im Burgenland bislang keine weitere, aber mal schauen, momentan entstehen glücklichweise recht viele CSAs in Österreich!

Aber aus einem unserer CSA-Stammtische heraus hat sich eine Gruppe gefunden, die nun an einer Foodcoop-Gründung arbeitet. Mittlerweile wird das ganze schon konkret, und es macht echt Spaß! Aus meiner Sicht passen die Modelle Foodcoop und CSA wunderbar zusammen und ergänzen sich toll.

Welchen Ratschlag würdet du Menschen mitgeben, die jetzt gerade ein Projekt starten wollen?

Allen, die eine CSA gründen wollen, würde ich empfehlen, sich jedenfalls Unterstützung für den Prozess der Gründung zu holen. Der Gründungsprozess ist meines Erachtens maßgeblich für die Entwicklung einer SoLawi. Für (angehenden) Bäuer*innen und Bauern bedeutet das aus meiner Sicht, (zukünftige) Ernteteiler*innen schon von Beginn an intensiv in alle Vorgänge des Hofgeschehens einzubinden, basisdemokratische Prozesse zu fördern, Partizipation zu ermöglichen und zu forcieren. Schafft man es, dass sich Ernteteiler*innen als wichtiger Teil der Hofgemeinschaft verstehen, ihr Mitbestimmungsrecht wahrnehmen und sich aktiv einbringen, so ist die Basis für eine stabile und lebendige Hofgemeinschaft geschaffen!

Konsumierenden, die einen produzierenden Betrieb für eine CSA suchen, würde ich ebenso ans Herz legen, viel Zeit und Geduld in die gemeinsame Entwicklung zu investieren. Und natürlich sollte die Gruppe auch aufpassen, dass der Betrieb sich auch wirklich mit Solidarischer Landwirtschaft identifiziert, dieselben Wertvorstellungen wie die zukünftigen Ernteteiler*innen hat, und nicht bloß die Steigerung von Marktanteilen im Hinterkopf hat.

Vielen Dank!

Wir haben auf dem Blog immer wieder mal Artikel rund um das Schlagwort CSA geschrieben, falls du dich vertiefen möchtest.

In den Kommentaren interessieren wir uns dafür, was du vom Konzept CSA hältst oder welche anderen Konzepte du wichtig und interessant findest – zum Beispiel Formen geldfreier Landwirtschaft… Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Wir hoffen das Interview hat Dir gefallen. Möchtest du zukünftig immer mitbekommen, wenn wir ein neues Interview oder einen anderen Artikel veröffentlichen, kannst du dich gerne in unseren Verteiler eintragen. Über diesen senden wir maximal einmal die Woche eine Information über die aktuellen Artikel raus. Bei Interesse hier deine Email-Adresse eintragen:

zur interviewten Person
Photo ofMichaela Fassl
Name
Michaela Fassl
Spitzname
(Mi)
Website
Beruf
SoLawi-Bäuerin
Firma/Uni/Projekt
SoLawi Sepplashof
7532 Litzelsdorf, Burgenland, Österreich,
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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

2 Gedanken über “Die Ernte-Empfänger*innen bestimmen mit!

  1. Nikuscha

    Sehr schönes Interview!

    In meiner Region in Deutschland gibt es bereits 2 SoLaWis und ich wurde im April auch endlich aktives Mitglied bei einer von ihnen.
    Wir sind noch im ersten Jahr und daher freue ich mich über solche motivierenden Berichte, die Lust machen, weiter daran zu arbeiten.

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