Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Im Interview mit Nesreen Hajjaj

Pia Selina Damm
Von Pia Selina Damm
16. November 2015

Nesreen Hajjaj bereicherte das utopival mit einem Workshop. In dem Artikel „Identität. Diskriminierung. Rassismus“ gab ich einen Einblick in die Methoden und Inhalte, die sie mit uns teilte. Im Interview geht es um die Fragen: Wo liegen Gründe für (rassistische) Diskriminierung? Wie können wir Schritt für Schritt einem solidarischeren Miteinander näher kommen?

Hallo Nesreen, stell Dich doch bitte kurz selbst vor.
Hallöle, ich bin Nesreen und bin 22 Jahre jung und bin glückliche Berlinerin. Den Umständen entsprechend muss man richtigerweise sagen – man bedenke die enorme Umweltverschmutzung, Umgang mit Geflüchteten, Plastikverschwendung und -verbrauch und und und.

Ich lebe im Westen Berlins im wunderschönen Spandau mit meiner großen Familie, studiere Islamwissenschaft an der FU Berlin, arbeite im Bereich Fundraising für Jugendliche bei Think Big, als freie pädagogische Mitarbeiterin im Anne Frank Zentrum, in der Ausstellung 7xjung von Gesicht Zeigen! und im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Ansonsten engagiere ich mich gerne ehrenamtlich im Bereich der muslimischen Arbeit und dem interreligiösen Dialog.

Gerne bezeichne ich mich auch als Vollzeit-Aktivistin in der Branche des „Glücklich-machens“

Portrait von Nesreen Hajjaj, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzt

Diskriminierung und antimuslimischer Rassismus

Im Artikel „Identität. Diskriminierung. Rassismus“ zu Deinem Workshop auf dem utopival, ging es bereits um den Begriff Diskriminierung und darum, wer von ihr betroffen ist. Wo siehst Du Gründe für rassistische Diskriminierung?
Rassistische Diskriminierung beginnt schon bei der Geburt eines Kindes. Mit wem lässt man sein Kind spielen? Mit wem soll es sich in der Kita anfreunden? Wen darf es nach Hause bringen?

Ich denke, dass rassistische Diskriminierung ganz viel mit Unwissen und Schubladen-Denken zu tun hat. Man hat oft bereits gewohnte Bilder im Kopf, die man ungerne verändern mag. Der weiße Mann, verheiratet, kinderlos, Angestellter – klingt doch ganz gut, warum dann verändern? Es ist ja sehr bequem das vorhandene Bild zu behalten.

Menschen fragen ihre Mitmenschen auch nicht, wenn sie eigentlich gerne etwas wissen wollen oder sie etwas nicht verstehen oder nachvollziehen können. Sie denken sich lediglich ihren Teil.

Dass unsere Gesellschaft längst nicht mehr die Gesellschaft wie vor 20 Jahren ist, wollen viele Menschen leider noch nicht wahrhaben. Sie verdrängen es sehr gerne. Aber früher oder später werden sie sich damit auseinandersetzen müssen. Spätestens dann, wenn ihr Arzt Muslim ist, die Lehrerin des Kindes Kopftuch trägt oder Schwarz ist oder beides.

Bei Deiner Arbeit und Deinem Aktivismus geht es auch viel darum, interreligiösen Dialog zu ermöglichen. Auch auf dieser Ebene leiden viele Menschen an Diskriminierungen. Was ist antimuslimischer Rassismus?

Antimuslimischer Rassismus ist Rassismus, der sich direkt gegen Muslime richtet. Bei dieser Form von Rassismus spielt es jedoch keine Rolle, ob du bewusst Muslim oder Muslima bist.

Es reicht aus, wenn du dunkle Haare oder einen sehr ausländisch klingenden Namen hast oder auch wenn du dich auf eine gewisse Art und Weise kleidest. Dann wird dieser Person von Grund auf Rückständigkeit, Frauenfeindlichkeit, Aggressivität, terroristisches Handeln unterstellt, ohne mit dieser Person auch nur jemals gesprochen zu haben. Beim anitmuslimischen Rassismus wird auch stark auf die eigene Kultur verwiesen und hierzu werden auch klare Wertungen ausgesprochen („unsere christlich-westliche Kultur, unser Erbe“).

Bei der Differenzierung von wer sind „wir“ und „ihr“ bewegt man sich auf ganz dünnem Eis.

Das ist heutzutage so divers, dass man es kaum in Worte fassen kann. Bei meinem Workshop beim utopival wollte ich dies mittels der Übung „Orange“ darstellen: Ich gab allen eine Orange. Jeder sollte sie sich sehr intensiv anschauen, ihr Eigenschaften geben, sie personalisieren, sie riechen, die Form beschreiben und eine Bindung zu ihr aufbauen.

Dann bat ich alle ihre Orange in einen Beutel zu tun. Diese Orangen durchmischte ich dann sehr intensiv, sodass es danach für die Teilnehmer ausgesprochen schwierig war ihre eigene Orange wieder zu finden.

Foto von Orangen

FotoHiero / pixelio.de

Einige hatten spezifische Merkmale, die wenige andere hatten. Die hatten es leichter, aber insgesamt fiel es doch schwieriger aus.

Was will ich nun damit sagen? Wir sind zwar alle sehr individuell, sind aber im Endeffekt doch alle gleich. Wir sind alle Menschen. Wir haben alle Eigenarten an uns, die wir als große Chance und als großen Gewinn schätzen sollten.

Aktivismus und Utopien

Für mich gibt es verschiedene Formen von Aktivismus und Engagement. Welche Wege wählst Du, um aktiv zu sein?

Ich denke, dass unsere Gesellschaft noch nicht sensibel ist. Ein wichtiger Schritt hier ist Aufklärung durch Vormachen. Ein Beispiel könnte sein, dass man stets sein eigenes Besteck mitnimmt, weil man die schreckliche Plastikindustrie nicht unterstützen will. Nach fünf Malen, die ich das mache, spricht mich sicher jemand darauf an und interessiert sich plötzlich dafür, warum, wieso, weshalb ich diese Form des Aktivismus gewählt habe.

Sehr wichtig ist mir auch das Netz und vor allem Facebook. Ich schalte meine Beiträge eigentlich immer auf öffentlich, damit so viele Menschen wie möglich von den Dingen, über die ich rede oder schreibe erfahren.

Unserer Erde geht es verdammt schlecht und das nicht seit gestern.

Wir wissen das alle und trotzdem nutzen wir genüsslich weiter unser Plastik (ist nur ein Beispiel, an dem ich derzeit ganz aktiv arbeite). Ich sage nicht, dass man sofort mit allem beginnen soll. Das geht doch auch gar nicht. Fang zum Beispiel an mit Weichplastikflaschen. Die einfach ganz weglassen, egal ob einem das Getränk total schmeckt. Das gibt es sicher auch in Glasflaschen. Schritt für Schritt der Umwelt entgegenkommen. Man muss Opfer für die Umwelt bringen. Wieviele Opfer hat die Umwelt schon für uns gebracht? Für meine Verhältnisse viel zu viele!

Wie sieht deine Utopie eines gesellschaftlichen Miteinanders aus?

Utopie eines gesellschaftlichen Miteinanders bedeutet zu ganz großem Teil für mich, dass es keine Kriege mehr gibt.

Ich wünsche mir und arbeite daran, dass die Welt sauberer und schöner wird. Schöner bedeutet auch, dass der Mensch lächelnd umherläuft. Jeder Mensch ist gleich. Wir sind eine Gemeinschaft. Ich wünsche mir, dass wir unseren Nächsten genau so behandeln, wie wir gerne behandelt werden würden.

Ich wünsche mir, dass wir nie satt sind, während unser Nachbar hungert. Ich wünsche mir, dass Barmherzigkeit und Aufrichtigkeit keine Grenzen bei der Hautfarbe oder Religion hat. Ich wünsche mir, dass es selbstverständlich wird, dass man hilfebedürftigen Menschen hilft. Ganz gleich, wie sie aussehen oder welche Kleidung sie tragen.

Ich wünsche mir, dass es keine Toten mehr wegen Armut gibt. Ich wünsche mir Gerechtigkeit. Ich wünsche mir auch Frieden für einen wichtigen Teil meiner Identität. Palästina. Ich wünsche mir, dass Familien zusammenhalten und ihr Beisammensein genießen.

Ich wünsche mir, dass die Erde gesund wird. Abschließend wünsche mir, dass wir merken, dass wir lediglich Gäste auf der Erde sind und wir wertschätzend mit ihr umgehen sollten.

3 Schritte, um Rassismus abzubauen

Welche Ansatzpunkte siehst Du für privilegierte Menschen Rassismus entgegen zu wirken?

  1. Ganz wichtig ist es auf alle Fälle, Begegnungen zu schaffen. Sei es ein Barcamp, was man organisiert, ein WorldCafé, ein Treffen zum Tee.
  2. Dann ist es wichtig, dass man im direkten Moment auf die Menschen zugeht, die man als unbekannt oder fremd ansieht (pssst sie beißen normalerweise nicht). Wenn man nicht unbedingt sprechen möchte, dann tut ein einfaches Lächeln auch schon ganz viel. Du wirst merken, welche Berge versetzt werden können, wenn man nur miteinander interagiert und damit meine ich nicht unbedingt das Sprechen.

    Nicht umsonst heißt es ja so schön: Es kann nur dann ein Lächeln aus dem Spiegel schauen, wenn ein Lächelnder hinein schaut.

  3. Als letzten Ansatzpunkt möchte ich gerne allgemein das soziale Engagement und Ehrenamt ansprechen. Das Internet ist voll von Angeboten und es werden jeden Tag mehr. Man kann und sollte auch gerne Kollegen fragen, Freunde ansprechen, Menschen, die im Netz bekannt sind für ihr Engagement, einfach um Hilfe bitten.
    Die meisten Leute sind stets dankbar für solche Anfragen. Im Endeffekt müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Es gibt für nahezu jedes Feld des Engagements Nischen, in denen man sich sicher wohlfühlt. Gerne kannst du mich fragen und ich unterstütze dich bei deiner Suche.
zur interviewten Person
Photo ofNesreen Hajjaj
Name
Nesreen Hajjaj
Beruf
pädagogische, freie Mitarbeiterin
Firma/Uni/Projekt
Think Big, Gesicht Zeigen!
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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

5 Gedanken über “Im Interview mit Nesreen Hajjaj

  1. Andrew Stoll

    ‚Islamwissenschaft‘ – was soll das sein? Märchenwissenschaft?
    Wissenschaft ist Wissenschaft – ohne Religion!

    ‚Antimuslimischer Rassismus‘ – was soll das sein?
    Ist Islam denn eine ‚Rasse‘

    Solche Ausdrücke der Unwissenheit schaden Allen, vor allem den Unterdrückten. Oder sind sie sogar versteckte Ausdrücke von Intoleranz und Überlegenheitsgebahren?
    Falsch am Platz hier.
    Benützt doch besser z.B. ‚Theologie‘ bzw. ‚Antimuslimisches Vorurteil‘ und bleibt bei der Sache

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Lieber Andrew,
      danke für Dein Feedback. Deine Fragen kann ich nachvollziehen.
      Vielleicht hilft Dir der Wikipedia-Artikel zu „Islamwissenschaft“ weiter: https://de.wikipedia.org/wiki/Islamwissenschaft
      Da ich das Fach nicht studiere, kann ich Dir darauf keine andere Anwtort geben, eben nur so viel, dass es diese wissenschaftliche Strömung gibt, es Menschen studieren und es nett wäre, das nicht direkt zu verurteilen, sondern sich vorher zu informieren ;)

      Nein, natürlich ist „der Islam“ keine „Rasse“ („Rassen“ gibt es ja sowieso nicht). Und darum geht es ja unter anderem auch: Nämlich, dass sog. „Rassen“ konstruiert und mit Attributen belegt werden, die „beweisen“, dass sie sich von anderen unterscheiden. Hier geht es eben nicht „nur“ um die Ablehnung einer religiösen Weltanschauung, sondern um die abwertung von Menschen, die als Muslim*innen gelesen werden. Dabei spielt es oftmals keine Rolle, ob sie sich selbst als solche bezeichnen, sondern ob sie äußerliche Merkmale haben, die als „muslimisch“ gelesen werden (Nesreen beschreibt das in ihrem Artikel). Insofern wird eine auf biologischen Merkmalen Gruppe konstruiert und dann abgewertet.

      Deine Aussage „Solche Ausdrücke schaden Allen, vor allem den Unterdrückten“ werfen bei mir Fragen auf. Wie und warum sprichst Du für „die Unterdrückten“? Ist es nicht Nesreen im Interview selbst, die für sich als von Rassismus betroffene Person spricht? Stellst Du nicht mit Deiner Aussage ihren Anspruch auf Selbtsdefinition in Frage?

      Ich hoffe, dass Du meine Fragen nicht als Vorwürfe liest, sondern als Anstoß zur (gemeinsamen) Reflexion.
      Danke Dir auf jeden Fall und liebe Grüße!

  2. Hein Tlustek

    Ich komme auch aus Spandau, Ich lebe allerdings nun auf der anderen Seite der Erde. Ich bin nicht ein Muslim sondern ein Mormone. Deine Ansichten teile ich. Ich habe auch in Deutschland und auch in vielen anderen Teilen der Welt diese Vorurteile erlebt. Das Beste was man machen kann ist ein gutes Beispiel zu sein. Meine Gattin und ich haben 6 Kinder und 19 Enkelkinder. Sie sind ein Spiegelbild von uns. Mehr Unterhaltung auf Facebook wünsche ich mir auch. Beste Grüße aus den Vereinigten Staaten.

      1. claudia

        komisch, mir ist aus dem persönlichen Umfeld kein einziges Beispiel für Antimuslimischen Rassismus bekannt. Antichristlichen Rassismus kenne ich als Ehemalige Hauptschülerin allerdings sehr gut. Deine Ansichten sind seltsamerweise die Typischen christlichen Werte. Meine beste Freundin ist Schwarz und meine Zweitbeste Türkin….trotzdem habe ich große Ängste wenn ich daran denke welche Werte wir im Großen Maßstab importieren. Christus hat auch seine Feinde geliebt…und auch noch die Zweite backe hingehalten… was hat Mohammed gemacht?

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