Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Ideen in die Welt tragen

Vom Funke zum Feuer

Pia Selina Damm
Von Pia Selina Damm
17. August 2015
Dieser Artikel ist Teil der Serie Ergebnisse des utopvials 2015

In meinem letzten Artikel über Dragon Dreaming gab ich einen Überblick. Nun möchte ich versuchen, einen tieferen Einblick zu geben, was passieren kann, wenn wir mit Dragon Dreaming an Projekten arbeiten und warum das Teil einer Utopie sein kann.

„Mein Traum, der kleine Funken, muss sterben, damit es ein großes Feuer, der Traum von uns allen, wird.“, Raquel.

Konkurrenz lässt Ideen sterben oder: win-lose-Situationen

Raquel und Daniel von smile at life legten während ihres Workshops auf dem utopival dar, dass wir gesellschaftlich oft win-lose-Situationen erzeugen. Sie zogen Beispiele aus der Arbeits- und Schulwelt heran: Zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen als auch zwischen Chef*in und Angestellten besteht ein Machtgefälle – ohne, dass eine weitere Beschreibung dieser Beziehungen von Nöten wäre, lässt sich vermutlich im Konsens sagen: Da entsteht eine win-lose-Situation.

An dieser Stelle setzt Dragon Dreaming an. Wir können fragen: Geht das nicht auch anders? Warum lassen wir keine win-win-Situationen entstehen? Diese Frage geht weit über individuelle und situative Beziehungen hinaus: Im Grunde stellt sie die Prinzipien der Konkurrenz, Wettbewerbsfähigkeit und Verwertbarkeit in Frage. Genau deswegen ist es nicht verwunderlich, dass oftmals die Antwort kommt: Klar könnten wir uns anders organisieren und verhalten, aber dann bricht das Chaos aus…

Ist das wirklich so? Oder kann Dragon Dreaming als wertschätzende und hierarchiefreie Planungsmethode eine andere Antwort geben?

Daniel und Raquel beim Workshop

Win-win-win-Lösungen

Nun übertreibe ich aber? Nein, denn das ist eines der Anliegen von Dragon Dreaming: win-win-win-Lösungen zu kreieren, sodass das Projekt ein Gewinn ist für mich selbst, für die Gemeinschaft sowie für die Welt.

Das lässt sich unter anderem dadurch erreichen, dass im Träum- und Planungsprozess keine Kompromisse eingegangen werden. Das klingt vielleicht erst einmal komisch. Stelle es Dir so vor: Anstatt aneinander vorbei zu reden und sich jeweils im eigenen Gesagten zu verlieren, möchten wir nun versuchen die gesamte Schnittmenge zu erlangen. Wie können wir das schaffen?DD

„Der Vorteil von win-win-win-Lösungen: Maximale Schnittmenge und Intelligenz der Gruppe“, Daniel.

Hier geht es darum, sich nicht (nur) in der eigenen Blase zu bewegen, sondern aktive Gegner*innen, Kritiker*innen des Projekts, einzuladen und sich anzuhören, wie ihre Kritik aussieht. Bestenfalls läuft das konstruktiv ab ;)

Der nächste Schritt gestaltet sich folgendermaßen: Das Projekt wird evaluiert und modifiziert. Damit keine*r einen Kompromiss eingeht, passiert dies so lange, bis alle Beteiligten mit dem Projekt mitgehen können. Diese Vorgehensweise braucht Zeit. Win-win-win-Lösungen sind somit nicht zeiteffizient, was eine Antwort sein könnte auf die Frage, warum sie in unserer beschleunigten Gesellschaft selten Anwendung finden.

Schaffen wir es, die stärksten Kritiker*innen des Projekts, unsere Drachen, zu integrieren, kannst Du Dir selbst ausmalen, was passiert: Das Unmögliche scheint auf einmal möglich – die Drachen sind nun unsere Freund*innen und wir können über die Welt fliegen, glühende Feuer speien, sind riesengroß.

Empathisch kommunizieren

Eine große Rolle in diesem Prozess spielt die Kommunikation. Daniel und Raquel beschreiben es folgendermaßen: Die meiste Zeit über sprechen wir vom Kopf her, sodass das Gesagte vom Gehirn und dem Mund der Person A über das Ohr ins Gehirn der Person B gelangt. Können wir so Empathie aufbauen und erleben oder stärkt diese Art zu reden nicht eher unsere Kognition und das analytische Denken?

Die erste Übung, die wir im Workshop machten, ist eben diese: Zu versuchen, mit einer Gesprächspartnerin einzutauchen in einen achtsamen Austausch: Vom Herzen zum Mund der einen Person und von dort zum Ohr und zum Herzen der anderen Person. Erstaunlich ist, dass sich die Wahrnehmung verschiebt: Wir reagieren empathisch, versetzen uns in unser Gegenüber, es fließen Tränen.

„95% der Ideen, die wir haben, kommen nie raus, da wir denken, dass sie doof sind. Aber das sind nur unsere Drachen“, Raquel.

Den Anfang macht die Kommunikation

Wie oft schon hattest Du eine geniale Idee, jedoch keinem Menschen davon erzählt? Und wenn Du berichtet hast, dann nicht begeistert, nicht mit Funkeln in den Augen, um Dir die Option offen zu halten, noch zurück rudern und sagen zu können: Ich finde es eigentlich auch nicht so gut, war nur so ’ne spontane Idee…

Genau deshalb ist es wichtig, wertschätzend miteinander zu sprechen! Einander zuzuhören, zu verstehen und auch zu kritisieren, allerdings nicht zu beleidigen.

Stelle Dir vor, Dir kommt eine Idee, sie sprudelt in Dir und es kommt der dringliche Wunsch auf, sie mit einer Person zu teilen. Stelle Dir weiter vor, diese Person hört nicht (nur) mit ihrer Kognition zu, sondern folgt dir mit ihrem Herzen, ihren Emotionen und Träumen. Versucht empathisch nachzuvollziehen, was in Dir vorgeht. Noch immer hast Du nicht die Sicherheit, dass diese Person vor Begeisterung sprüht und sofort Notizblock und Stift an sich reist, um los zu planen. Allerdings wird sie ihre Kritik, sofern sie welche hat, konstruktiv und wertschätzend teilen.

Würdest Du deine Idee nun in Worte fassen und Dich wagen mit funkelnden Augen zu erzählen?

Ein Mensch erzählt von seiner Idee

„Du bist nicht das Projekt. Das Projekt nimmt Dich als Brücke, um nach draußen zu kommen“, Raquel.

Sich selbst als Brücke für eine Idee zu sehen, macht es vielleicht einfacher, diese zu äußern. Wenn wir uns umschauen, entdecken wir oft, dass ähnliche Ideen ebenfalls von Anderen umgesetzt werden.

Vom Alles-Alleine-Machen

Raquel erzählte: Früher dachte sie, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmen müsse, da sie Projekte nie zu Ende gebracht habe. Sie habe dies als Scheitern erlebt – in der Schule, der Uni und der Arbeit. Bis sie entdeckte: Es müssen nicht alle alles können! Vielleicht ist genau das meine Stärke: Das Träumen und Planen. Das Projekt dann zu Ende zu bringen, also es umzusetzen, liegt mir einfach nicht. Dafür braucht es Menschen, deren Stärken in diesem Bereich, im Tun, liegen.

Raquels Erleben ist sicherlich kein Einzelfall, denn leider werden wir mit dem Wissen sozialisiert, alles alleine bewältigen zu müssen. Im Idealfall sind wir also alles in einer Person und können völlig unabhängig im Konkurrenzkampf mit unserer (Patent-)Idee überleben.

Statt dieser Dystopie nach zu hängen, gilt es im Dragon Dreaming vielmehr, sich zu fragen: Was ist mein Talent, meine Leidenschaft? Was kann meine Rolle sein? Und dies darüber hinaus zu wertschätzen, sich bewusst zu machen, dass jede*r mit den eigenen Stärken wertvolle Meilensteine setzen und die Teamarbeit sowie das Projekt bereichern kann.

Wenn wir uns darüber bewusst werden, dass es phantastische Träumer*innen, zielstrebige Planer*innen, motivierte Handler*innen sowie freudige Feier-Menschen gibt, können wir die jeweiligen Qualitäten wertschätzen. Dann entstehen weniger Haltungen wie: Sie nervt schon wieder mit ihrem ungeduldigen Tatendrang, er ist wieder nur am Träumen…

„Es braucht das bedingungslose Committment von mindestens vier Menschen, damit das Projekt lebendig werden kann“, Daniel.

Immer wieder kann uns deutlich werden, dass wir im Planungsprozess verschiedene Rollen brauchen und sie alle wertvoll sind. Während des Workshops konnten wir durch eine Methode herausfinden, wo das jeweils eigene Talent liegt, sich Projekten anzunähern (träumen, planen, handeln oder feiern).

Wenn Menschen ihre Talente entdeckt haben und für die Idee brennen, werden sie alles dafür tun, damit sie lebendig wird. Raquel und Daniel gaben hierfür als Mindestmaß die Zahl von vier Personen in den Raum.

Dragon Dreaming als Teil einer Utopie?

Sich gegenseitig zu hören, sich Raum geben, sich bereichern, unterstützen, die eigenen Talente und Lernfelder entdecken und bei all dem ein wertschätzendes Miteinander leben – klingt das nicht nach einem Stück Utopie im Bereich der Projekt-Verwirklichung?

Ab dem 31. August ist die Ergebniswebsite des utopivals online. Dort findest Du dann auch mehr Infos zu Dragon Dreaming von Raquel und Daniel. Bis dahin kannst du via thunderclap die Kampagne unterstützen.

Serien-Navigation

Schau Dir gerne weitere Artikel aus der Serie "Ergebnisse des utopvials 2015" an:<< Von Utopien und lieben MenschenMit Deinem Füller die Welt verändern >>
Bitte teile diesen Artikel, wenn er Dir gefallen hat!
wp-content/uploads/2015/08/logoround-220x220.png

Serie: Ergebnisse des utopvials 2015

Auf dem Mitmachkongress utopival gab es eine Menge Workshops und Vorträge. Dessen Inhalte und Ergebnisse möchte eine Gruppe an Teilnehmenden von dort hier nach und nach zur Verfügung stellen.

Die bisherigen Artikel der Serie:
Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

5 Gedanken über “Ideen in die Welt tragen

  1. Sara

    Hallo Pia! Ich lese sehr gerne deine Beiträge, danke :)!

    Ich glaube, empathisch zu kommunizieren ist zentral (bei Dragon Dreaming und ganz allgemein – vor allem, wenn WIN-WIN-Situationen entstehen sollen), aber es ist in der Praxis auch eine seeehr schwierige Sache. Für mich persönlich hat die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Rosenberg („Sprache des Herzens“) da irrsinnig viel Potenzial und hat mir schon so oft geholfen, mit anderen oder aber auch einfach „mit mir selbst“ empathisch zu sprechen oder mitzufühlen. Glg

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Liebe Sara,
      freut mich, dass Dir meine Artikel gefallen!
      Ich sehe das empathische Kommunizieren ebenfalls als entscheidende Basis im sozialen Miteinander, wenngleich ich Dir leider auch im zweiten Punkt – der Herausforderung in der Praxis – zustimmen muss.
      Zu oft verfällt mensch dann einfach in alte Muster und macht implizit doch Vorwürfe oder spricht nicht von sich aus.

      GFK erlebe ich ebenso als spannenden Ansatz, habe mich leider selbst noch sehr wenig damit auseinander gesetzt.

      Alles Liebe Dir,
      pia

      1. Sara

        Wenn du einmal ein wenig Zeit zum Lesen hast, wäre vielleicht das Buch von Rosenberg selbst („Gewaltfreie Kommunikation“) etwas für dich :)! Hab das beim ersten Lesen regelrecht verschlungen :D!
        Dir auch alles Liebe und Gute und glg

  2. Mia

    Entschuldigung, aber genauso startet jedes funktionierende Projekt … die Idee ist nicht neu und die zahlreichen jungen Start-ups in diesem Land haben es bereits vorgemacht! Es jetzt als Innovation zu verkaufen, erscheint ein wenig albern! ;)

    1. Pia Selina DammPia Damm Beitrags Autor

      Liebe Mia, ich bezeichne Dragon Dreaming nicht als Innovation und verkaufen möchte ich sowieso nichts ;)
      Bei einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Projekttools wirst Du merken, dass es eine sehr spielerische Herangehensweise ist. Und vor allem geht es ja auch um die Philosophie dahinter sowie, dass es in einem zusammenhängenden Kontext von träumen, planen, handeln, feiern eingesetzt werden kann.
      Für weitere Infos schaue Dich gerne auf der Dragon Dreaming website um: http://www.dragondreaming.org/de/

      Nicht alle Dinge brauchen „neu“ sein, um sinnvoll zu funktinieren. Es geht ja auch darum, Vergessenes wiederzuentdecken und in einen sinnvollen Rahmen zu packen.

      Ansonsten ist es ja auch vollkommen in Ordnung, wenn Du persönlich Dragon Dreaming nichts abgewinnen kannst. Mir sowie unseren Planungen hat es sehr viel geholfen.

Schreib uns Deine Meinung!

Wir freuen uns darüber, dass du zum Thema beitragen willst.

Mit dem Absenden dieses Kommentars akzeptierst du die Kommentar-Richtlinien.