Gemeinsam statt einsam

Michael Hartl
Von Michael Hartl
6. August 2012

Eines der vorgeschlagenen Themen beim Sommer-Camp in ein paar Tagen ist ein Gesprächskreis zum Thema „Leben in Gemeinschaften“. Seit das eingetragen wurde, dreht sich mein Kopf wieder sehr viel darum. Eigentlich schon seit dem absolut wundervollen Besuch der Familie Fuchs hier bei uns, aber seit es „offiziell“ zum Thema wurde, noch mehr.

Leben in Gemeinschaft

So schön hört es sich für mich an. Und trotzdem würde ich mich nicht gleich mit wehenden Fahnen in eine x-beliebige Gemeinschaft stürzen. Eh klar, eigentlich. Aber selbst wenn ich mir ein Gemeinschaftsleben mit Menschen, die ich sehr, sehr sympathisch finde, vorstelle, sehe ich Punkte, die gut geplant und beschlossen sein müssen.

Aber zuerst auszugsweise ein paar Anhaltspunkte, was ich toll an der Gemeinschaftsidee finde:

  • Das Gefühl eines „WIR“.
  • Fürsorgliches Füreinander da sein.
  • Gemeinsam deckt man mit den Erfahrungen und dem Können mehr Bereiche ab.
  • Viele Hände, schnelles Ende (wichtig bei Aufgaben, die niemandem so rechte Freude machen)
  • Gemeinsamkeit und gelebte Solidarität.
  • Geselligkeit

Was ist für mich Gemeinschaft?

Aus meinen Erfahrungen heraus hat sich mir der Eindruck erhärtet, dass es ein paar Punkte gibt, die eine Gemeinschaft auf jeden Fall erfüllen müsste, damit ich mich dort wohl und sicher fühlen könnte. Damit ich es als Gemeinschaft erleben kann.

Der für mich wichtigste Punkt ist, dass sich die Gruppe, die da zusammenleben möchte, bei der Grundausrichtung absolut einig ist. In meinem Falle also, dass man ernsthaft an der weitestgehenden Verwirklichung der Selbstversorgung arbeitet, dass alle dort lebenden kritisch denken und an sich selbst arbeiten wollen und dass das Leben in Gemeinschaft nicht nur als angenehme Sache gesehen wird, sondern alle daran arbeiten wollen und sich dafür einbringen.

Radikal formuliert: dass das WIR und seine Ziele mindestens so wichtig sind, wie das ICH.

Wir brauchen Gesprächskreise mit einer liebevollen Offenheit. Wir brauchen ehrliche und respektvolle Umgangsweisen, beim Kritisieren, wie auch im Alltag. Wir brauchen gemeinsame Ziele, Prioritäten und Zeiten. Wir brauchen Liebe zueinander, Freude aneinander und Zufriedenheit miteinander. Wir brauchen Arbeitsteilung ohne Hierarchien oder Wertigkeiten. Wir brauchen Gleichheit, was meint, jede Person sollte jede Tätigkeit ab und zu machen. Wir brauchen einen einfühlsamen Umgang miteinander und wärmende Fürsorge. Wir brauchen das Gefühl, das wir UNS brauchen.

Wie kann Gemeinschaft organisiert sein?

Da gibt es so viele Ideen! :D Und ich weiß es auch nicht genau.

Aber ich hab eine grobe Grundidee: Das Land und die Häuser; ja, Häuser, denn idealerweise hat jede Familie ein kleines Häuschen und es gibt ein Gemeinschaftshaus mit allem, was nicht jede Person individuell haben muss: Waschmaschine, Werkstatt, Wirtschaftsküche – also das WWW – ja selbst Internetrechner würden zwei Stück in einem Gemeinschaftsraum ausreichen. Aber eben auch private Rückzugbereiche für jede Familie.

Zurück zur Grundidee: Das Land und die Häuser gehören einer Genossenschaft oder einem Verein, der von den „Kernmitgliedern“ gegründet und finanziert wird. Für jeden Bereich, also Obstbau, Gemüsebau, Carsharing, etc. wird eine eigene Genossenschaft oder ein eigener Verein gegründet. Damit werden zum einen die einzelnen Projekte der Gemeinschaft auf stabile und überschaubare Säulen gestellt, zum anderen wird die Gemeinschaft durchlässig – und Menschen vom nächsten Dorf oder einem nahen Hof können sich partiell in die Gemeinschaft einbringen – also zum Beispiel in die Obstbaugenossenschaft. Damit wir nicht nur Gemeinschaftsleben für die Kernmitglieder ermöglicht, sondern auch Veränderung im Denken und Handeln außenrum angeregt und ermöglicht.

Klingt komplizierter als es ist! Ist simpel und klar, wenn es mal vor einem auf dem Tisch liegt. Und hat gegenüber allen Modellen, die ich bisher kenne, folgende besonderen Vorteile:

  • Die Mitglieder bleiben finanziell, etc. unabhängig von einander und entscheiden sich damit regelmäßig und immer wieder aufs Neue frei und ohne Zwänge für (oder gegen) die Gemeinschaft. Das stärkt das WIR-Gefühl ungemein, denn ich kann mir bei jeder Person sicher sein, dass sie mit uns sein will.
  • Die Gemeinschaft wird kein elitärer Zirkel, denn alle Menschen, selbst die, die warum auch immer nicht in einem Ökodorf oder einem Gemeinschaftshaus leben können oder wollen, können in den Bereichen mitwirken, in denen sie ihre Interessen haben. Wenn aber jemand beginnt, zum Beispiel ausschließlich in der Gemüsebaugenossenschaft dabei zu sein, wird er unsere Art des Lebens, Denkens und Handelns kennenlernen. Und die macht bekanntlich nicht nur zufrieden, sondern auch süchtig! :D

Was denkt ihr zum Thema „Leben in Gemeinschaft“? Ich bin jedenfalls schon sehr, sehr gespannt auf den Gesprächskreis dazu auf dem Sommer-Camp!

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7 Gedanken über “Gemeinsam statt einsam

  1. Pingback: Verstärkung für das Experiment Selbstversorgung

  2. Philipp

    Ideal und Gemeinschaften. Ich sehe Sie wie Lebewesen, die Widerstände brauchen, Probleme und Unstimmigkeiten haben, dem Wandel ins Gesicht sehen. "LebensWandel"- für mich die kontinuierliche Bezugnahme auf die Gegebenheiten steht für mich im Vordergrund.

    Starres, wie Rituale und Strukturen können Nutzen, zB die Befindlichkeitsrunde, in der die Gemeinschaft Informationen über jeden Einzelnen in der Gruppe bekommt. Sie sollten aber nicht lästiger Selbstzweck sein oder nur einer Minderheit dienen.

    "Gemeinschaft" ist für mich echt, wenn alles beteiligte langfristig aus ganzem Herzen dabei sein möchte, ohne manipuliert worden zu sein.

    Ich möchte mir das stimmigste Gesamtpacket aussuchen, dass mich auch stimmig findet.

    So oder ähnlich könne für mich dann die Einzelheiten zur Gruppenfindung folgen.

    Elemente darin wären: Option auf gemeinsame und private Güter (Räume, Objekte, Ideen). Finanziell durchdachtes Handeln. Verbindlichkeit. Ein paar Grundregeln, die nicht für immer in Stein gemeißelt sein müssen, aber auch nicht so einfach umgeschmissen werden können.

  3. Petra

    Genau das ist wie ich mir Gemeinschaft vorstellen kann: Jeder mit seinem eigenen Bereich (Hausteil, Wohnung oder Haus – whatever) und zusätzlich mit Gemeinschaftsräumen und Flächen und gemeinschaftlicher Selbstversorgung.

    Die Individualität des Einzelnen ist das, was Gemeinschaften scheitern lässt- wenn man dem aber auch weiterhin Raum gibt, bin ich überzeugt, dass Gemeinschaft bestand haben kann. Wenn man Kraft aus seinem Rückzug tanken kann, ist man auch in der Lage Energie in das WIR zu stecken.

  4. Gunnar

    Lieber Michael,

    nachdem ich diesen Artikel gelesen habe habe ich mich mal wieder mit dem Thema einer Gemeinschaft auseinandergesetzt. Ich habe schon lange und oft darüber nachgedacht welcher Art eine gute und sinnvolle Gemeinschaft sein könnte. Aber ich habe keine bestehende Gemeinschaft gefunden die mir wirklich zusagt. Die mir meine Freiheit lässt und in der ich nichts machen muss was ich auch nicht wirklich machen möchte!

    Deine Idee eine Gemeinschaft mit vielen Vereinen aufzubauen ist so einfach wie Genial. So hat tatsächlich jeder die Wahl in welchen Bereichen er sich engagieren möchte. Und Menschen die sich langsam an solch einer Gemeinschaft und dessen Projekte nähern wollen können es auf diese Weise super in Etappen tun.

    Auch ich denke das Jede Familie sein Eigenheim braucht. Ein Ort um sich zurück zu ziehen und wo man im Kreise der Familie sein kann. Im Zentrum dieser Häuser sollte es ein Gemeinschaftshaus geben mit Küche, Strom, Internet, Computer, Bibliothek (die immer weiter ausgebaut wird) und weiteren Dingen die nun wirklich nicht JEDER haben muss sondern der ganzen Gemeinschaft zur Verfügung steht.

    Ich habe mal in einem Dorf gelebt wo das WIR stark entwickelt war. Ein Nachbar hatte angefangen seine Terrasse neu zu machen. Es hat gar nicht lange gedauert und ein anderer Nachbar ist rüber gekommen und hat ihn dabei geholfen. Einfach so, das Projekt war einfach zu verlockend.

    Im selben Dorf hatten sich meine Eltern versehentlich aus ihrem Haus ausgesperrt. Erst war der Nachbar rüber gekommen um die Tür auf anderem Wege zu öffnen, dann kam der Nächste Nachbar, dann wurden Freunde angerufen und zum Schluss waren es 6 Männer aus dem Dorf wobei einer so Schlank war das er durch das Kellerfenster einsteigen konnte. Außer den Nachbarn und sein Sohn kannten meine Eltern den Rest der Leute gar nicht, und trotzdem war jeder sofort da wenn Hilfe gebraucht wurde. Solch eine Gemeinschaft stelle ich mir persönlich vor! :-)

  5. Martin

    Heikles Thema…

    Ich möchte meinen, insgesamt geht es hier um die "Selbstversorger Bewegung" selbst, als Lebensstil (Aus einer Idee (Vernunft) oder Not heraus… wie auch immer, auch die Motive werden verschieden sein…) ….

    Ihr habt geschrieben:

    "… halten wir weiter die Augen, Ohren und Herzen offen, um irgendwann den richtigen Ort, die richtigen Menschen dafür und die richtige Zeit zu erkennen."

    … hättet Ihr diesen Ort gefunden, würde ich auch hinziehen wollen, mehr als sonstwo, wenn es möglich wäre. Dann wären WIR näher einander, (Gleichgesinnte), um sich auszutauschen, sich vielleicht zu helfen usw… doch eine Gemeinschaft nimmt nun mal leider eigene Strukturen an… nicht nur meine oder nur deine sondern allgemeine (eher starre)Strukturen. Und ich bin mir nicht sicher ob sich solch eine Gesellschaft für jeden einzelnen auf Dauer positiv auswirken würde. Allzu menschlich sind wir vielleicht. Deswegen von meiner Seite aus: "WIR" Ja!, "Gesellschaft" lieber nicht. :)

    Ich möchte Menschen kennen lernen deren Vernunft ich vertrauen kann und nicht ihrer Loyalität oder so.

    Aber es ist schwierig, natürlich würden manche von einer Gesellschaft auch profitieren… nicht jeder ist zB. so begabt dass er ein Selbstversorgerleben, alleine verwirklichen könnte… in diese Richtung denkt ihr wahrscheinlich… ("was wir alleine nicht schaffen das schaffen wir dann zusammen")… ;)

    Liebe Grüße

    Martin

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