Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Fliegen kann tödlich sein

Ein Plädoyer für radikale Nachhaltigkeit und Suffizienz

Pia Selina Damm
Von Pia Selina Damm
1. August 2017

Nicht nur für Dich, sondern alle Mitmenschen, den Planeten und zukünftige Generationen. Das klingt dramatisch – ist es auch. Was kostet fliegen? Einiges – wenn wir vom tatsächlichen, durch Subventionen gedrückten Preis absehen. Ein innereuropäischer Flug von beispielsweise Frankfurt nach Madrid belastet unsere Mitwelt mit 1 Tonne CO2.

Gemäß dem 2-Grad-Klimaschutzziel hat jede*r Erdbwohner*in 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr zur Verfügung. Ein Hin- und Rückflug nach Madrid und du kannst den Rest des Jahres Deinen Atem anhalten. Im Ernst: Wie soll das funktionieren?
Aktuell liegt die durchschnittliche CO2-Bilanz in Deutschland jeder Person übrigens bei 11 Tonnen. Zeit das zu ändern!

fliegen - Teil eines Flugzeugs über den rotorange gefärbten Wolken

Quelle: Petra Schmidt / pixelio.de

Fliegen – Abstrakte Zahlen

Reisen mit dem Flugzeug sind die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung. Unter einer Tonne CO2 können sich die wenigsten etwas vorstellen. Und vielleicht ist genau das das Problem: Die Zahlen bleiben abstrakt – obwohl sie konkrete Auswirkungen haben.

„Für jede Tonne CO2, die irgendwo auf der Erde freigesetzt wird, etwa durch das Triebwerk eines Jets, verschwinden weitere drei Quadratmeter sommerliches Eis in der Arktis. Oder noch konkreter: Ein Flug von Frankfurt nach San Francisco und zurück lässt fünf Quadratmeter im hohen Norden schmelzen. Und zwar pro Passagier.“
Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und seine Kollegin Julienne Stroeve vom National Snow and Ice Data Center in Boulder rechnen im Wissenschaftsmagazin „Science“.

Eindrückliche, atemberaubende Bilder zeigt der Dokumentarfilm „Chasing Ice (DVD)„, der die Resultate des Naturfotografen James Balog festhält, der den zunehmenden Gletscherschwund infolge der globalen Erwärmung visuell dokumentierte.

Das Paradox: Je grüner, desto öfter im Flugzeug

Hast Du schonmal was von „Big Points“ und „Peanuts“ gehört? In der Nachhaltigkeits-Forschung wird unterschieden zwischen Komponenten, die eine erhebliche Auswirkung haben (Big Points) und jenen, die gut sind zu beachten, doch in der Gesamtheit betrachtet bedeutungsloser sind (Peanuts). Zu den Big Points zählen unter anderem die Bereiche Heizen, Ernährung und Mobilität – glücklicherweise sind das Bereiche, auf die wir täglich Einfluss nehmen können.

Wenn Du einmal weniger auf die Plastiktüte beim Einkaufen zurück greifst, ist das zwar sinnvoll, doch ziemlich wirkungslos, wenn Du „dafür“ dann um die halbe Welt jettest.

„Fliegen ist die ruinöseste Handlung mit Blick auf Natur und Ökologie. Dann folgen Wohnung oder Haus, Auto, Ernährung und dann der weitere Konsum.“
Niko Paech

Wie soll Wandel gelingen, wenn wir diesen Punkt nicht klar kriegen, sprich: wenn wir die Big Points nicht beachten?

Wenn Menschen, die sich mit dem viel umworbenen und inflationär gebrauchten Begriff Nachhaltigkeit schmücken, letztendlich auf Green Growth aus sind und ihre eigene Lebensrealität und ihren Handlungsspielraum nicht in Frage stellen und (unhinterfragt) fliegen?

Die meisten „grünen“ Menschen, die sich selbst als Nachhaltigkeits-Avantgarde begreifen, liegen im durchschnittlichen CO2-Verbrauch oder sogar darüber.

Diese Menschen macht letztendlich kein ressourcenleichter Konsumstil aus, sondern nur der Glauben daran. Um diesen Glauben aufrecht zu erhalten, genügt es „Peanuts“ nachhaltigen Konsums umzusetzen. Es bringt nichts, Energiesparlampen zu verwenden, wenn zum Urlaub das Flugzeug genommen wird. Und das dann auch noch mit gutem Gesamt-Gewissen.

„Es gibt keine nachhaltigen Produkte, nur nachhaltige Lebensstile.“
Niko Paech

Wir brauchen radikale Nachhaltigkeit

Das ist kein Plädoyer für Plastiktaschen, sondern vielmehr ein Aufruf zum Sowohl-als-auch: Jute-Beutel und keine Flugreisen. Nicht-Konsum. Radikale Nachhaltigkeit eben.

Nachhaltigkeit ist zum Wort des Jahrtausends geworden – alle kennen es, viele brezeln sich oder das eigene Unternehmen damit auf. Grün ist sexy. Öko ist attraktiv. Den Ressourcenverbrauch effizienter gestalten, täglich einen grünen Smoothie trinken und der wiederverwendbare Coffee-to-go-Becher reichen jedoch leider nicht. Zumindest nicht fürs Klima – fürs Image schon.

Es wird Zeit, die wichtigste Strategie der Nachhaltigkeit zu verinnerlichen und zu leben: die Suffizienz. Was brauche ich wirklich?

Die verpönte Suffizienz

Die vielleicht größte Herausforderung: Radikale Nachhaltigkeit wird sozial geächtet. Von Klimaforscher*innen wird erwartet, ihre Universitäten und Forschungsinhalte international zu vertreten. Als bedeutender Wissenschaftler internationale Einladungen annehmen gehört zum guten Ton. Sozialer Druck wiegt wieder mal schwerer als eigene Inhalte ernst zu nehmen und vom Theoriediskurs ins Handeln zu kommen.

Der Klima-Wissenschaftler Peter Kalmus erzählt, dass er durch seine Erkenntnisse anfing, Obstbäume zu pflanzen und graues Wasser wiederzubenutzen, doch all diese Veränderungen hatten nicht die quantitative Auswirkung haben wie es der Verzicht aufs Fliegen hätte.

„Ich empfand einen riesigen sozialen Druck, zu fliegen, daher brauchte ich drei Jahre, um damit aufzuhören. Nicht mehr in den Urlaub zu fliegen, war relativ einfach. Aber in einer wissenschaftlichen Karriere nicht zu fliegen, ist ein anhaltender Prozess. Nicht zu fliegen hält meine Karriere in gewisser Weise auf, aber ich akzeptiere das und ich erwarte, dass das soziale Klima sich verändert, je mehr Wissenschaftler aufhören zu fliegen.“
Peter Kalmus (freie Übersetzung aus dem Englischen)

Dieser soziale Druck ist unter anderem der Auslöser für die erschreckende Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Im Gespräch mit einer befreundeten Aktivistin wird deutlich wie wenig Bewusstsein dafür existiert:

„Teilweise begegnet mir – meiner subjektiven Interpretation nach – Unwissenheit darüber wie krass ein einziger Flug auf die Klimawaage haut und Verdrängung desselben Umstandes. Teilweise sind die Leute, mit denen ich diskutiere oder „diskutiere“ – also nur erwähne, dass ICH nicht fliege und die anderen sich rechtfertigen – auch nicht bereit diese persönliche Einschränkung hinzunehmen. Teilweise begegnet mir im linkspolitischen Milieu auch die Einstellung, dass gesellschaftlicher Wandel eben nicht über die Ebene der Nachfrage von Konsument_innen funktioniert, sondern darüber, dass die herrschenden Verhältnisse über Widerstandsaktionen bekämpft werden müssen. Ich denke, dass beides wichtig ist. Aber das heißt eben auch, dass mensch sich hinter all seinen Widerstandsaktionen nicht vor der persönlichen Flug-Frage verstecken darf (und umgekehrt).“

Deswegen: Vernetze Dich, schaff Dir empowernde Communities, die es einfach(er) machen, suffizient zu leben. Feiere Dich dafür – das Wichtigste: Erlebe suffizientes Leben nicht als Verzicht, sondern als Lebensfreude. Nur dann bleibst du dabei und kostest deinen Handlungsspielraum aus. Wandel kann anstrengend sein, darf aber auch Spaß machen! :) Und: Erlebe Suffizienz und Nicht-Konsum als politisches Projekt, nicht als individuelle Lebenseinstellung.

Was sind deine Gedanken zum Thema Flugreisen? Wie gehst du damit um und in welchem Prozess befindest du dich? Inwiefern beeinflusst dein soziales Umfeld dich in deinem Handeln?

Fällt Dir eine Situation ein, in der Du Dich gegen eine Flugreise entschieden hast? Wie ging es dir dabei? Welche Alternative kam für Dich in Frage?

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!

9 Gedanken über “Fliegen kann tödlich sein

  1. Pia Selina DammPia Selina Damm Beitrags Autor

    Witzig, dass du gerade jetzt das Beispiel Deutschland ~ Portugal hernimmst, denn genau auf dieser Reise befinde ich mich zur Zeit.
    Ich bin mit dem Bus unterwegs. Seit gestern Abend aus Berlin, jetzt genieße ich die Sonne in einem Pariser Park, wartend auf den nächsten Bus heute Nachmittag nach Lissabon. Klar, es ist anstrengender 2 Tage unterwegs zu sein als 2 Stunden. Allerdings habe ich das Gefühl, dass das ein reisetempo ist, auf das meine psyche besser klar kommt: ich erlebe, durchlebe die Distanz, realisiere die Strecke, die ich zurück lege. Und brauche dann weniger Zeit vor Ort um anzukommen und zu verarbeiten mich mehere hundert Kilometer in einer enormen Schnelligkeit (auch mit Bus) auf der Welt bewegt zu haben.

  2. Markus Teni

    Liebe Pia !

    ich hätte dir gerne ausführlich geantwortet – aber die Kommentarfunktion blockiert mich ständig (zu lang). So nur eine kurze Antwort:

    Keine Frage – Flugreisen tragen massiv zur Umweltverschmutzung bei. Warum du das Thema Flugreisen für diesen Artikel gewählt hast, kann ich nicht sagen (Ferienzeit, eigene Erfahrungen, …). Aber um bei den „Big Points und Peanuts“ zu bleiben, möchte ich einen Denkanstoß liefern: Im Vergleich zur weltweiten Handelsschifffahrt sind Flugreisen fast schon Peanuts (Die Weltflotte von 90.000 Schiffen verbrennt rund 370 Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr, was einer Emission von 20 Millionen Tonnen Schwefeloxid entspricht. Allein die 15 größten Schiffe der Welt stoßen pro Jahr so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos. … Der Schwefelausstoß der Schifffahrt beträgt „das 97-fache der kommerziellen Flugzeugflotte.“ – Quelle: DK-Group Marine Industry Innovators).

    LG
    Markus (bei Interesse kann ich dir meine ausführliche Antwort per Mail übermitteln).

  3. Annett

    Danke für den Artikel.
    Ich bin das letzte Mal 2010 geflogen von DUS nach DRE Danach war mein Sohn 3 Jahre und konnte nicht mehr kostenlos mitfliegen. Mir war der Flugpreis dann zu teuer. Da wir diese Strecke immer noch regelmäßig zurück legen musste eine Alternative her. Auto finde ich persönlich zu anstrengend und nutzen wir nur im Notfall. Wir sind seit 2010 regelmäßige Bahnfahrer. Ich kann mich uns Kind kümmern und komme entspannter an. Mein Mann nutz für Geschäftsreisen auch lieber die Bahn als sich in Staus zu stellen.
    Fliegen vermisse ich nicht. Ich leide unter leichter Flugangst. Urlaub machen wir in Europa. Ich kann gern ganz auf Flugzeuge verzichten.

  4. Stefan

    Hallo

    Einmal vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Was mich etwas stört muß ich ehrlich sagen ist das nur das Flugzeug hergenommen wird.
    Darüber hinaus hätte ich so einige andere Fragen zu diesen Thema wie zB.
    1.) Wieviel CO2 Ausstoß hat der Mensch? (Du und ich mit jeden Atemzug hochgerechnet auf die Weltbevölkerung)
    2.) Wie sieht es mit unseren Nutztieren aus? (Rinder, Schweine usw.)
    3.) Das selbe für Auto, Schiffe usw.
    4.) Kraftwerke
    Ich denke es ist nicht Zeilführen ein Ding (wie hier Flugzeug) herauszunehmen und es mehr oder minder zu Verteufeln, wenn dann sollte man das ganze betrachten und ja dazu gehört auch der Mensch persönlich (und nicht nur das was der Mensch entwickelt hat).
    Ist jetzt einmal meine persönliche Meinung dazu.

    Schöne Grüße

  5. zen

    Hallo, freue mich das das mal jemand so darstellt.

    Ich möchte auch nicht mehr fliegen.
    Die Alternativen sind jedoch sehr zeitintensiv.
    Bahn oder Fahrrad usw..wenn ich z.B. von Deutschland aus nach Portugal möchte…wie macht ihr das ohne fliegen?

  6. Tobias A.

    Hab gerade vor ein paar Tagen den Film „Waterworld“ gesehen. Die Handlung spielt in einer Zukunft, in der durch eine nicht näher bezeichnete ökologische Katastrophe die Polkappen der Erde geschmolzen und die Kontinente fast vollständig im Wasser versunken sind. Die wenigen Überlebenden leben als Händler auf Booten oder auf schwimmenden Atollen. Zu den kostbarsten Gütern sind Süßwasser und Erde geworden, da sie nur sehr schwer gewonnen werden können.

    Wäre schade, wenn dieser Film realität werden würde

  7. Andrew Stoll

    Danke für den guten Artikel.
    Die Flugindustrie wächst wie kaum eine Andere, viele arme Länder bauen riesig auf den Tourismus, sind abhängig davon. Heraufkommende Länder wollen auch hinaus in die Welt (Chinesen/Inder etc.), aber nicht mit dem Fahrrad!
    Wer kann das ihnen auch verübeln?
    Es kann wohl nur noch auf eine Art ‚Revolution‘ hinausgehen wenn es um den pro Kopf Weltverbrauch von CO2 geht, um die Rettung der Natur allgemein.
    An Niko Paech und alle gebildeten Leute: Bitte sprecht viel lauter!

  8. Swen Auerswald

    Ich finde es eigentlich sehr schade, daß Suffizienz immer nur im Kontext mit Verzicht daherkommt. Fliegen erzeugt zuviel CO2 – also drauf verzichten und den Neuseeland-Urlaub streichen. Autofahren belastet die Umwelt – also drauf verzichten und nur noch eingeschränkt mobil sein. Heizen im Winter belastet die Umwelt – also drauf verzichten und lieber frieren. Usw.
    Warum kommt Suffizienz nicht auch mal im Kontext mit technischen Verbesserungen und Neuerungen? Weil wahre Ökos generell mit Technik nix am Hut haben sollten? Weil nur Askese der richtige Lebensstil ist?
    Warum wird nicht auch mal die Frage gestellt: Warum ist Fliegen/Autofahren/Heizen überhaupt umweltschädlich? Und wie kann man es weniger oder garnicht umweltschädlich hinbekommen? Ich meine, wir sind technisch auf einem Niveau, auf dem wir 100% der von uns benötigten Energie nachhaltig und resourcenschonend erzeugen könnten – wenn es tatsächlich gewollt wäre. Wir können Satelliten ins All schicken, Hochleistungscomputer in der Größe von Streichholzschachteln bauen und sogar große Lkws mit Elektro-Motor bewegen. Warum also fahren nicht alle Pkws und Lkws draußen mit Elektro-Motor? Das Argument, man könnte nicht genügend grüne Elektroenergie für alle erzeugen, halte ich für ein Gerücht. Warum wurde bisher noch kein alternativer Antrieb für Flugzeuge entwickelt?
    Scheinbar ist das nicht gewollt oder wird blockiert … von wem auch immer …

    1. Andrew Stoll

      All das mag wahr sein – aber – grundlegend, was zu viele von uns Menschen teilen müssen, überschreitet was möglich ist um gesund zu leben und der Natur (nicht-kuturellen Lebens) eine Chance zu geben sich zu erhalten.
      Alle grossen Probleme auf der Welt gehen darauf zurück dass wir (als Homo ,Sapiens‘) uns einbilden dass alles Land und Leben uns als Erbrecht untertan ist und wir uns ohne Einhalt und Konsequenzen vermehren können und alles für uns verbrauchen und ersetzen dürfen.
      80 Millionen Menschen zusätzlich pro Jahr ist einfach nicht akzeptabel für die Erde, aus jeder erdenklichen Perspektive!
      80 Millionen weniger… dann könnten wir Heilung und Fortschritte sehen.
      Parallel mit ,Verzicht‘ auf Unnötiges.

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