Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Ecommony: UmCARE zum Miteinander

Eine Gesellschaftsidee: Aber ohne 'dit for dat', ohne Tauschlogik und ohne Verwertungszwang

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
15. Juni 2016

Vom 04. – 06. November findet erstmals die Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON in Berlin statt – Mit 300 Menschen, spannenden Referent*innen, 20 Workshops und inspirierendem Rahmenprogramm. Thema der Konferenz ist „Potentiale und Herausforderungen einer geldfreieren Gesellschaft“. Medienpartner ist unter anderem das „Experiment Selbstversorgung“. Hier werden wir im Vorfeld Interviews mit Referent*innen veröffentlichen. Als Mitinitiator der UTOPIKON bin ich – Tobi Rosswog (TR) – sehr an den Themen der Konferenz interessiert und darf diese Interviews begleiten.

Das erste Interview ist hochspannend und (daher) etwas länger ;) Im Gespräch mit der Volkswirtin, Historikerin, freien Wissenschaftlerin und Aktivistin Friederike Habermann geht es um ihre Idee der Ecommony. Lass Dich inspireren – auch, wenn es in Teilen vielleicht ein wenig mehr Theorie an dieser Stelle ist als gewöhnlich. Es regt auf jeden Fall zum Perspektivwechsel an.

Los gehts:

Ecommony – Prinzipien neuen Wirtschaftens

TR: Du hast aktuell ein Buch unter dem Titel „Ecommony: UmCARE zum Miteinander“ herausgebracht. Darin beschreibst Du vier Prinzipien neuen Wirtschaftens. Welche sind das?

Friederike Habermann: Es dreht sich alles um Commons. Was so neudeutsch daherkommt, heißt erstmal nichts anderes als das alte deutsche Wort ‚Allmende‘. Weil damit aber sehr verengte Assoziationen einhergehen, sprachen schon vor Jahrzehnten die – ich sag mal ‚Sozialphilosophen‘ – Erich Fromm (bei seiner Unterscheidung der Lebensweisen ‚Haben oder Sein‘) von ‚funktionalem Eigentum‘ bzw. Ivan Illich von ‚Gemeinheit‘. Aber auch mit der Beibehaltung des Begriffs ‚Eigentum‘ bzw. mit der durch den historischen Siegeszug des Kapitalismus verdrehten Bedeutung von ‚gemein‘ gehen ungewollte Assoziationen einher. Commons dagegen kann im Deutschen neu gefüllt werden.

Manchmal nenne ich mehr, aber die grundlegenden Prinzipien sind im Grunde nur zwei.

Besitz statt Eigentum

Quasi auf der Konsumseite, also wenn es um die Befriedigung von Bedürfnissen geht, ‚Besitz statt Eigentum‘. Eigentumsrechte – ein übrigens sehr junges Konzept – würde aufgehoben werden zugunsten von Besitzrechten. Um das zu verdeutlichen: Der Vermieterin einer Wohnung ist die Eigentümerin, der Mieter der Besitzer. In Kuba gab es bis 2011 gar kein Eigentum an Immobilien, sondern nur Besitz. Und so lässt sich Eigentum auflösen in Besitz für jene, die Häuser, Land, Gegenstände, jegliche Form von Infrastruktur und natürlich erst recht Produktionsmittel brauchen und gebrauchen. Selbst rivale Güter, also beispielsweise Nahrungsmittel, können so gedacht werden. Bei jedem Buffet wissen wir, dass wir uns den Magen vollschlagen können (also in Besitz nehmen), doch es erwartet wird, dass wir die Lebensmittel nicht in unsere Taschen stopfen.

Beitragen satt Tauschen

Friederike Habermann

Foto by: Katharina Lohmeyer

Das grundlegende Prinzip auf der Produktions- bzw. Schaffensseite lautet ‚Beitragen statt Tauschen‘. Dies kann Wissen sein; daher der Begiff ‚Wissensallmende‘. Es können auch Fähigkeiten sein, so zum Beispiel im Repair-Café, wo es eigentlich darum geht, einander beizubringen, wie etwas zu reparieren ist. Doch oft läuft es dann doch so, dass diejenigen, die gerne frickeln, denen, die im Grunde nur ihr Elektrogerät wieder heil nach Hause nehmen möchten, das einfach mal schnell fertig machen. Letztlich kann so jede Tätigkeit mit Beitragen abgedeckt werden. Natürlich braucht es dafür gesellschaftliche Organisation, doch es beruht auf der Überzeugung, dass alle Menschen Bereiche haben, in denen sie gerne tätig werden – entweder aus Lust oder aus der Einsicht in die Notwendigkeit, und oft ist das auch gar nicht so klar voneinander zu trennen. Vorausgesetzt, dass dies ohne Zwang und Hierarchie und Leistungsdruck geschehen kann.

UmCARE zum Miteinander – Was bedeutet das?

TR: CARE ist ein zentraler Begriff im Buch. Warum?

Friederike Habermann: Früher sprachen linke Feminist_innen von Reproduktionsarbeit, heute wird zumeist von Care gesprochen. Zum einen verweist die in den letzten Jahren entstandene Bewegung ‚Care Revolution‘ auf die derzeitige Krise im Pflegebereich – und nimmt damit wesentlich stärker als früher auch un- und unterbezahlte Arbeit außerhalb der Kleinfamilie in den Blick. Diese Krise ist Ausdruck der vergleichsweise immer geringeren Spielräume von Produktivitätssteigerungen bei persönlichen Dienstleistungen; wurden früher Frauen generell als eine Identitätskategorie konstruiert, die für solche prekarisierten Arbeiten prädestiniert wären, so sind es heute vor allem migrantisierte. Es gilt, gute Bedingungen im Hier und Jetzt dafür einzufordern, doch sind sich große Teile der Bewegung einig, dass es letztlich eines nichtkapitalistischen Wirtschaftens bedarf.

Gleichzeitig wird bei Care besonders deutlich, dass Menschen ohne Arbeitszwang und Lohnanreize aus vielfältigen Motivationen zwischen Lust und Notwendigkeit tätig werden. Das Klischee hierfür ist die Mutter, die sich um das schreiende Baby kümmert. Darüber hinaus schließen sich in meinem Buch eigene Kapitel zu queertheoretischen Überlegungen an. U.a. geht es darum die queertheoretische Denkbewegung, Binaritäten aufzubrechen und damit Neues lebbar zu machen: jenseits von Arbeit und Faulheit, jenseits von Egoismus und Altruismus, jenseits von Individualität und Gemeinschaft etc.

Das Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung

TR: Gleich zu Beginn des Buches schreibst Du optimistisch: „Vorsicht! Dieses Buch lässt einen ungewohnten Gedanken zu: DIE WELT KANN BESSER WERDEN.“ Woher kommt diese Hoffnung?

Friederike Habermann: Im Buch beziehe ich mich auf Antonio Gramscis Ausspruch „Pessismus des Verstandes und Optimismus des Willens“. Horrorszenarien, wie die Zukunft weitergeht, kenne ich seit meinem Vorschulalter: Meine Mutter erzählte mir 1972 schon brühwarm von den ‚Grenzen des Wachstums‘ sowie allen möglichen daraus ableitbaren Katastrophen. Aber sie hat mir auch beigebracht:

Wer glaubt, dass es schlimm wird, handelt auch so – und umgekehrt. Ich glaube heute wesentlich an das Prinzip der sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das soll beileibe nicht bedeuten, aktuelle Gefahren zu übersehen. Aber auch da gilt, immer das Mögliche darin zu betonen.

TR: Du schreibst auch immer wieder davon, dass es nicht um theoretische Konstrukte und ewiges Diskutieren geht, denn es sollte praktisch gehandelt werden. In Deinem Buch „Halbinseln gegen den Strom – anders leben und wirtschaften im Alltag“ nennst Du viele Projekte als Beispiele wie wir uns anders organisieren und leben können. Damit auch dieses Interview eine praktische Perspektive gibt: Magst Du uns ein, zwei Beispiele nennen, die Deine Idee von Ecommony schon radikal (nah) umsetzen, um neue Erfahrungen zu sammeln.

Friederike Habermann: Nun, kurz vorweg, um nicht den Eindruck von Theoriefeindlichkeit zu produzieren: Viele meiner Veröffentlichungen sind sehr theoretisch und das finde ich für eine emanzipatorische Praxis fruchtbar, teilweise auch fundamental wichtig. Aber umgekehrt bleibt Theorie ohne praktische Erfahrung blutleer, und es braucht sicher nicht unbedingt der Beschäftigung eines Menschen mit Theorie, um aus dessen Erfahrungen lernen zu können.

Zwei praktische Beispiele: Umsonstladen und autonome Solidarity Clinics

Also, um wie gewünscht zwei Beispiele zu benennen: Das eine ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet – Umsonstläden. Sie verwirklichen wunderbar das Prinzip Besitz statt Eigentum: Wenn etwas aus meinem Besitz fällt, weil es nur noch zu Hause rumsteht, kann ich es dorthin bringen und jemand anderes kann es in Besitz nehmen. Oder ich etwas, das ich gebrauchen kann. Aber ohne ‚dit for dat‘, ohne Tauschlogik.

Das andere Beispiel sind die 45 autonomen Solidarity Clinics in Griechenland. Sie wiederum verwirklichen wunderbar das Prinzip Beitragen statt Tauschen, denn alle Menschen können dort voraussetzungslos die Behandlung bekommen, die sie brauchen, weil andere Menschen darin aktiv sind, ohne dass sie eine Gegenleistung erhalten. Es ist auch sehr klar, dass Menschen hierbei nicht einfach nur aus dem Lustprinzip heraus handeln, sondern durchaus aus Einsicht in die Notwendigkeit.

TR: Versuchst Du schon heute Teile Deiner Gesellschaftsutopie zu leben und wenn ja, wie?

Friederike Habermann: Ich lebe in einem commonsbasierten Projekt, aber mehr verrate ich nicht!

TR: Warum bist Du bei der UTOPIKON mit dabei?

Friederike Habermann: Weil es ein Ansatz ist, der die Ecommony-Prinzipien bereits jetzt verwirklicht!

TR: Herzlichsten Dank Dir, liebe Friederike. Wir freuen uns auf Dein Mitwirken bei der UTOPIKON. Ganz im Sinne der Wissensallmende und des Beitragen statt Tauschens!

Knoten im Kopf?

Kannst Du Dir eine Gesellschaft beruhend auf der Ecommony Idee vorstellen oder lebst Du bereits selbst Teile davon? Wenn Du noch Fragen, Anregungen, Ideen hast, ab damit in die Kommentare!

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Ecommony – UmCARE zum Miteinander
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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

8 Gedanken über “Ecommony: UmCARE zum Miteinander

  1. Stefanie

    JA, viele Menschen leben das schon im Kleinen,
    unter dem Begriff
    „sich selbst an das Leben verschenken“
    mit all den Fähigkeiten, Talenten und voller Lebensfreude.
    Schön, dass es jetzt das Buch darüber gibt :).
    Natürlich wird es immer Menschen geben, die das ausnutzen wollen,
    doch denen kann man klare Grenzen setzen.
    Sich selbst, Dinge und Leistungen bedingungslos zu verschenken
    heisst ja nicht blöd zu sein!

    Aus diesem Grund funktionieren Gemeinschaften/Dörfer/Regionen/Nationen/ … gut, die die selben GrundWerte teilen.

    Man nimmt, was man jetzt braucht und gibt, was man jetzt geben kann.
    Wenn Plünderer kommen und Alles auf einmal abernten wollen oder den Kofferraum vollstopfen, um die Dinge woanders zu verkaufen
    sind die sicher hier fehl am Platz.

    „Haus des Teilens“ finde ich klasse, da kann sich JEDER gleichermaßen einbringen mit was auch immer.

    Grüße aus dem sommerlichen Kiefernhain

  2. Torsten

    Hallo,

    ich finde den Gedanken schön, etwas geben zu können, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. In kleinen Kreisen (Familie, Freunde) funktioniert das auch häufig gut.

    Das Problem bei den Commons (Allmende) ist aber, dass sie auch ausgenutzt werden können. Wer darauf eine Lösung findet, hätte ein großes Problem der Menschheit gelöst.

    Eine Anmerkung zum Thema Besitzt und Eigentum habe ich noch.
    So viel ich weiß, heißt Eigentum, dass man das Recht hat, andere von der Nutzung auszuschließen bzw. ihnen die Nutzung zu gewähren. Besitz ist die tatsächliche Herrschaft (körperlich) über eine Sache.

    Wenn es kein Eigentum gibt, dann wäre doch Diebstahl auch legal. Wenn ich jemandem das Smartphone klaue, dann bin ich Besitzer (ich habe das Ding ja in meiner Hand und übe die tatsächliche Herrschaft aus). Da es kein Eigentum gibt, kann der frühere Besitzer es auch nicht zurückverlangen. Er hatte ja nie das Recht, mich von der Nutzung auszuschließen. Spannend ist, wie man mit diesem Problem umgeht.

    1. Tobi RosswogTobi Rosswog Beitrags Autor

      Hey Torsten,
      genau in Familien- und Freund*innenkreisen klappt das ja auch ;)
      Ich kann Dir nur weitere Lektüre empfehlen, wie beispielsweise das Buch „Commons“, welches von Silke Helfrich herausgegeben wurde.
      Bald wird es hier hoffentlich auch ein Interview mit ihr zu dem Thema geben ;)

      Zu Deiner Definition von Besitz und Eigentum kann mensch durchaus zustimmen, wenngleich ich es anders ausdrücken würde.
      Zu Deinem Dilemma vllt. nur kurz einen Impuls:
      Sicherlich braucht es auch einen gewissen Bewusstseinswandel innerhalb der Menschenheit ;))
      Und gleichzeitig finde ich sehr wichtig zu betonen, dass das aktuelle System im gewissen Maße auch zwei Formen von Diebstahl kennt.
      Der illegale Diebstahl, welcher laut Gesetz verboten ist und unter Strafe steht.
      Und gleichzeitig ist Eigentum schon per se legaler Diebstahl an der Menschheit, um frei nach Proudhon zu sprechen.
      Ein konkretes Beispiel:
      Alleine in Deutschland haben wir 1,8 Millionen Wohnungen leerstehen. Trotzdem haben nicht alle Menschen einen (menschwürdigen) Raum zur Verfügung.
      Eine systematische Ungerechtigkeit.

      Das könnten wir nun alles noch viel länger betrachten, aber soweit vielleicht fürs Erste ;)

      Danke Dir auf jeden Fall sehr für Deine Fragen und Anregungen.

    2. torben

      @torsten:
      du hast schon recht wenn du schreibst dass Commons ausgenutzt werden können. aber ist das heute – ohne weite Verbreitung der Commons – anders?
      das Menschen bestehende Regeln ausnutzen können und einige dies tun, ist denke ich erstmal nicht das vordergründige Problem.
      dies sehe ioch eher in der dahinter stehenden Logik. kleines Beispiel:
      warum möchte mir jemensch mein Telefon klauen? weil er selber keins hat und sich keins leisten kann; weil er es verkaufen möchte um an Geld zu kommen; weil er mir persönlich schaden möchte?
      gibt sicher noch andere Fälle, aber ich denke dies sind die häufigsten. in einer Ecommony oder Commons-Gesellschaft, fallen die ersten beiden Gründe weg, und damit die individuelle Motivation zur „Diebstahl-Handlung“.
      persönliche Konflikte und damit verbundene „Rache“-Handlungen oder ähnliches lassen sich aber damit nicht ausschließen. es geht ja aber auch nicht ums Paradies sondern eine so eingerichtete Gesellschaft (also ihre Strukturen, Institutionen, Handlungslogiken), dass für alle ™ dabei ein gutes Leben herausspringt.

  3. Henriette Gabriele

    Mein Mann und ich betreiben mit vielen anderen Menschen einen „Ort des Schenkens“. Unter anderem. Wir leben diese Art der Gesellschaft schon seit 4 Jahren, nämlich auch insofern, als wir für unsere eigenen Dienste keine direkte Gegenleistung erwarten. Meine Anregung: „Umsonstladen“ und „Kostnixladen“ sind Wort-Energien, die die Schwingung stark herabsetzen. Zur Wertschätzung dessen, was so ein Haus in Wahrheit bietet, haben wir uns schon bei der Wortwahl Gedanken gemacht: „Ort des Schenkens“ haben wir als würdig genug empfunden. Wir denken auch daran, das Haus umzubenennen in „Ort des Teilens“. Würde halten wir für wichtig.

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