Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Die Do-it-yourself Jurte in der kalten Jahreszeit

Dominik Gross
Von Dominik Gross
16. März 2017

Jede*r, die*der an Selbstversorgung denkt, kommt früher oder später auf den Gedanken, in einer Jurte zu wohnen. In diesem Artikel, möchte ich folgende Fragen klären:

  • Ist eine Jurte für das westeuropäische Klima geeignet?
  • Kann ich mir eine Jurte selber bauen?
  • Wie ist die rechtliche Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz?

Die klassische zentralasiatische Jurte

Raststation aus Jurten in Tadschikistan

Die Jurte wurde ursprünglich für das trockene, innerasiatische Klima konzipiert (heiße Sommer, trockene Winter) und ist in vielen islamischen Staaten Zentralasiens, Kirgisien, Turkmenistan, Tadschikistan bis in die Mongolei nach wie vor weit verbreitet. So zeigt die Flagge Kirgisiens eine stilisierte Jurte und das türkische Wort Yürt bedeutet schlicht Zuhause.

Flagge Kirgisien

Im europäischen Kontext, gewinnt einerseits die Ritualjurte im Sinn eines Neoschamanismus wieder verstärkt an Bedeutung. Sieh dir auch gerne den Artikel über den Bau eines richtigen Iglus an. Ich möchte in diesem Artikel aber auf die bedeutendere Rolle als Wohnjurte und die praktische Umsetzung in Westeuropa eingehen.

Dazu ist es nötig einige Anpassungen vorzunehmen, die in erster Linie auf das feuchtere, kältere Klima hierzulande abzielen.

  • Die Bespannung

Die klassische Jurte wird mit gegerbten Tierhäute und Schurwolle bespannt. Abgesehen davon, dass für einige Leser*innen, der Einsatz von gegerbten Leder aus ethnischen Gründen nicht Frage kommt, bieten sich eine Reihe praktischer Nachteile. So kann sich im feuchteren europäischen Klima, Fäulnis und Schimmel bilden.

Insbesondere empfiehlt sich hier der Einsatz von imprägnierter, wasserabweisender, schwerer Baumwolle (340g/m^2). Die Kosten sollten sich dabei auf 100 € für 35m^2 sowie weitere 30 € für die abschließende Brandschutzbehandlung belaufen. Die genauen Abmessungen sind von Jurte zu Jurte verschieden, sodass der Überzug separat zugeschnitten
werden muss.

Die Sache mit dem Winter

Die Isolierung

Eine Isolierung wird im wesentlichen nur in der Mongolei verwendet, die ebenfalls äußerst harte Winter kennt. Dieser Yurten-Typ wird auch als Ger bezeichnet und prägt weite Teile des Stadtbilds von Ulan-Bator, da das Land trotz des rapidem Wirtschaftswachstums der letzten Jahre noch immer unter immenser Armut leidet. Traditionell wird der Zwischenraum zwischen Überzug und Rahmen dabei mit Fellen aufgefüllt. In unserem Klima eignen sich am besten schwere Vorhänge oder Teppiche, die als Füllmaterial keinen besonderen ästhetischen Ansprüchen genügen müssen und deshalb einfach und günstig zu besorgen sind. In der Ultra-Spar-Version lässt sich vermutlich auch Luftpolsterfolie einsetzen, wird aber nicht zum allerbesten Raumklima führen.

Die Heizung

Das Heizsystem ist vermutlich der heikelste Punkt der Konstruktion und aufgrund der immensen Feuergefahr ist eine rechtssichere Umsetzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht möglich. Die klassische mongolische Lösung wäre ein einfacher Holzofen, der aber zur Qualmbildung neigt und deshalb einen Kamin benötigt. Eine mobile, effizientere Lösung ist ein Holzvergaser, wie er in den Konstruktionsplänen der amerikanischen Krisenbehörde (FEMA) skizziert wird.

Vorteile der Holzvergasung

Das angeführte Gerät ist dazu konzipiert, im Fall einer plötzlichen Erdölknappheit die landwirtschaftliche Produktion am Laufen zu halten und lässt sich mit Materialien aus dem Baummarkt für unter 200 € von technischen Laien zusammenschrauben. Holzgas ist dabei nicht zum Komprimieren und Einlagern geeignet, da der hohe Kohlenmonoxyd Anteil, die Ventile angreift und giftig ist.

Mit dem Naturstoff Holz ist außerdem schon eine erstklassige Lagerform vorhanden. Entsprechend empfiehlt es sich das entstehende Gas gleich abzubrennen oder in einen Generator zur Stromgewinnung einzuleiten.

Holzgas brennt mit leicht, bläulicher Flamme rauchlos ab und kann in der Regel problemlos in handelsübliche Benzingeneratoren eingeleitet werden. In Krisenzeiten oder bei anhaltender Benzinknappheit wurden solche Holzvergaser auf Autos, Bussen oder Traktoren montiert, wie es in manchen Entwicklungsländern auch heute noch üblich ist.

Neben dem Holzgas, das den hauptsächlichen Brennstoff liefert, bleiben Holzkohle und Teer zurück, die du entweder zum Grillen verwenden oder als Mineraldünger dem Kompost beimischen kannst.

Jurtenbau in Westeuropa

Eine Jurte im Rohbauzustand

By Ambroix (Own work) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Zusammengefasst lassen sich die Materialkosten für den Jurtenbau für lokale Verhältnisse in Eigenleistung mit Behelfsheizung auf etwa 1.000 € drücken. Eine typische Baugröße wären 3,7 m Durchmesser, also etwa 11 m² Fläche. Diese Jurte lässt sich dabei auf einem Pferd, mit einem kleinen Auto oder notfalls sogar im Bus oder Zug transportieren.

Dabei werden folgende Materialien benötigt:

  • 95 Holzstäbe in 1,5 m Länge und 25 mm Durchmesser (Rahmen)
  • 75 m starke Nylonschnur (Verbinden der Stäbe)
  • 34 m² starke, wasserabweisende Baumwolle (Hülle)
  • 2 m² laminierte Baumwolle (Tür, kann aus Sicherheitsgründen durch Holztür
    ersetzt werden)
  • 1 m² 25mm dickes Bauholz (Krone)
  • 25 m Seil (befestigen der Krone)
  • 0,5 L Leinsamenöl (imprägnieren der Stäbe)
  • starker Nähfaden (Nähen des Überzugs)
  • 60 Metallösen (Verbindung von Rahmen und Hülle)
  • Füllmaterial (Isolierung) nach Bedarf

Wie anfangs erwähnt ist eine Jurte eine äußerst einfache Konstruktion, bei der lediglich für den Rahmen Holzstäbe miteinander verbunden werden müssen und die einzige Herausforderung im Herstellen und Aufsetzen der Krone liegt. Ist das Material passend vorgefertigt vorhanden, lässt sich die Jurte von 3 Personen innerhalb von 24 Stunden auf- bzw. abbauen. Eine detaillierte Bauanleitung inklusive Materialliste findest du z.B. in dieser Anleitung von Rivendell Village.

Die rechtliche Situation in Deutschland, Österreich in der Schweiz

Du wirst in Deutschland, Österreich oder der Schweiz keine Baugenehmigung für eine Jurte bekommen. Tatsache ist aber auch, dass es sich im wesentlichen um ein besseres Zelt handelt und du vermutlich daher auch keine brauchst. Vielmehr dürfte es sich rechtlich um ein fliegendes Bauwerk (Zelt) handeln. Hier ist es wichtig unter den örtlichen Mindestabmessungen bleibst, um die 25 m^2, damit das Aufstellen selbst nicht anzeigepflichtig wird.

Mit den vorgeschlagenen Abmessungen von 11 m² wirst du in den allermeisten Fällen unter den zulässigen Höchstabmessungen bleiben, sodass keine weitere Auflagen anfallen. Entscheidend ist es auf die zulässige Aufstellungsdauer, in der Regel 3 Monate, zu achten und keinen Kamin im Aufbau vorzusehen.

In allen Fällen empfiehlt sich im Vorfeld das entsprechende Bauamt zu konsultieren und auf gute Beziehungen mit Nachbarn, Anwohnern und Grundstückseigentümer zu setzen. Für eine dauerhaftere Nutzung ist die Klassifizierung als temporäres Betriebsgebäude eines landwirtschaftlichen Betriebs (Erntezelt), die vermutlich rechtlich sauberste Lösung.

Damit verbleibe ich mit der Schlussbemerkung, dass ich kein Anwalt bin und das keine Rechtsberatung war und wünsche dir mir deiner Jurte viel Vergnügen. Hinterlasse uns einen Kommentar, ob du dir vorstellen kannst, in einer Jurte zu leben und sie selber zu bauen?

Zusammenfassung
Die Do-it-yourself Jurte in der kalten Jahreszeit
Name des Artikels
Die Do-it-yourself Jurte in der kalten Jahreszeit
Beschreibung
Jeder, der an Selbstversorgung denkt, kommt früher oder später auf den Gedanken eine Jurte zu bauen. Hier findest du folgende Details: - Kann ich mir eine Jurte selber bauen - Wie ist die rechtliche Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz - Wie geht das ?
Autor*in
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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!

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