Die Brombeerwüste lebt

Michael Hartl
Von Michael Hartl
15. Juli 2015

Noch vor einem Jahr hab ich selbst immer den Kopf geschüttelt, wenn ich wieder von Menschen aus meinem Bekanntenkreis gehört oder gelesen habe, die „auf in den Süden“ wollten. Ein Grundstück suchen in Italien, Spanien, Portugal oder Frankreich. Diese Länder höre ich am häufigsten und hab mir dabei immer nur gedacht: Heißer und trockener als bei uns und dazu noch deutlich mehr Insekten. Warum sollte ich das jemals tun.

Heute, nur ein paar Monate später, sitze ich also hier am neuen Wirkungsort in Italien. Und gerade dieser Tage bestätigt sich, was mich immer von der Idee in den Süden zu gehen ferngehalten hat. Wie arg es ist, wenn es Tag für Tag 35 bis 40 Grad hat und nahezu kein Windstoß mal erfrischt. Wie wenig erholsam es ist, wenn man selbst nachts nur auf einer Decke im Freien liegend immer noch schwitzt.

Wilder Platz, feine Menschen

Und trotzdem liebe ich diesen Platz. Nicht weil er in Italien ist, da wiegen sich Vor- und Nachteile aus meiner Sicht sehr gut auf, sondern weil ich mich ganz einfach in ihn verliebt habe. In seine Wildheit, in seine Natur, in seine Abgeschiedenheit. Weil ich ihn, wie die bisherigen traumhaften Plätze, an denen ich dankenswerterweise leben durfte, eben nicht gezielt gesucht habe. Sondern weil wir ohne Druck, ohne Absicht zusammengekommen sind. Und weil jetzt aus dem nächsten netten Platz eben ein weiteres Paradies erschaffen wird. Durch gemeinsames Anpacken und streckenweise hartes Arbeiten.

Die Menschen, die hier in der Gegend leben und teils auch ähnliche Projekte im Aufbau haben, sind ein weiter großer Grund, warum ich hier hergekommen bin. Ähnlich tickende Menschen, die selbst auch ganz real anpacken und durch konkretes Handeln zeigen, wie sie sich eine enkeltaugliche Zukunft vorstellen. Die ebenso wie ich an einer Welt arbeiten, die Dank lustvoller Genügsamkeit und liebevoller Kooperation genug für alle hat und dabei den Spielraum für tiefe Zufriedenheit schafft.

Brombeeren über Brombeeren

Foto der Castagnola von schräg oben, auf dem man die teils überwucherten Terrassen der Castagnola sieht

Als ich letzten Winter zum ersten Mal die Flächen gesehen habe, auf denen ich gerade mit meinem guten Freund Silvio zusammen eben jenes neue Projekt starte, waren diese Flächen überwuchert von Brombeeren. Eine Brombeerwüste quasi. Und in diese Brombeerwüste haben wir gemeinsam mit einem Schwung von Menschen, die unserem Aufruf nach Mitarbeit gefolgt sind, erste Schneisen geschlagen. Danke Euch allen dafür!

Eine der Hauptaufgaben hier ist derzeit also, Flächen wieder urbar zu machen, die bis vor einigen Jahrzehnten hunderte Jahre lang als Kulturflächen genutzt wurden. Darum sind hier auch mitten in den toskanischen Bergen Terrassen an den Hängen angelegt und es existieren teilweise noch die ehemaligen Nutz- und Wohngebäude der Menschen, die hier gelebt, gearbeitet und sich weitestgehend selbstversorgt haben. Also werden die Brombeeren zurückgeschnitten, deren Wurzelstöcke mit Spitzhacken aus dem Boden geholt, mit Harken und Rechen der Boden nach weiteren dicken Wurzeln und großen Steinen durchsucht und davon befreit und am Ende durchgefräst.

Das Timing

Und all das eben nicht in der 40-Grad-Mittagssonne! Früh aufstehen heißt die Devise. Was nicht schwer ist und ganz ohne diesen völlig unnatürlichen Wecker gut funktioniert. Denn draußen im Freien schlafend, was wir hier liebend gerne machen, ist man jeden Morgen bei Dämmerungsbeginn schon beschenkter Gast in einem Vogelkonzert. Einfach aufstehen, sich an der Quelle das Gesicht kalt abwaschen und loslegen. Mit Dämmerungsbeginn ist bereits genug Licht für die meisten Tätigkeiten vorhanden und bis die Sonne über die umliegenden Bergkämme kommt, dauert es dann drei bis vier Stunden. Und in dieser Zeit ist es erst richtig angenehm kühl und später immer noch so, dass es sich gut arbeiten lässt.

Wenn es dann gegen 11 Uhr langsam unerträglich wird für körperliche Arbeit in der Sonne, sind bereits 6 Stunden Arbeit erledigt. Dann ist Zeit für Gemeinschaftspflege, für ein ausgiebiges Essen, einen Mittagsschlaf, diesen Artikel zu schreiben und ähnliches, bis es dann am späten Nachmittag wieder gut möglich ist, nochmal für ein paar Stunden im Freien zu arbeiten. So entstehen langsam die ersten Gartenflächen und obwohl wir ein bisserl spät dran sind, freuen wir uns über alles, das zu wachsen beginnt. Die hier etwas längere Saison wird diesen Rückstand schon ausgleichen.

Gemeinsam haben alle mehr

Und dieser Rhythmus, früh aus dem Bett, mittags sehr gemütlich angehen, hat sich auch bei den Teilnehmer*innen der beiden Pionier-Wochen eingestellt. Diese waren Ende Mai und Anfang Juni. Die oben gezeigten Bilder stammen von dort. Euch, ihr lieben und fleißigen Menschen, danke ich hiermit nochmal ganz herzlich für das, was ihr hier eingebracht habt. Es war schön, mit Euch wieder zu erleben, wie sehr sich Gruppen gegenseitig beschenken und es war fein in Eurem Feedback immer wieder zu hören, wie sehr ihr Euch bereichert gefühlt habt.

DANKE!   :)

Wer zu einem anderen Zeitpunkt mal mitmachen möchte, hier oder an einem der anderen Höfe hinter dem Experiment Selbstversorgung, kann sich für den Höfe-Newsletter anmelden, über den anstehende Mitmach-Wochen und ähnliches ausgeschickt werden.

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6 Gedanken über “Die Brombeerwüste lebt

  1. Christa Reitermayr

    ja, die menschen im mittelmeerraum haben es ja immer schon gewusst, wie ein guter tag abläuft: morgens wirklich früh aufstehen, (garten)arbeit machen, mittagessen, nachmittagsruhe, bis die ärgste hitze vorbei ist, dann kanns ja nochmal in den garten ( oder sonst wohin) gehen, abends dann in tafelrunden stundenlang beisammensitzen, schwatzen, essen, trinken und den tag ausklingen lassen.
    trotz der idylle: die hitze auf umbrischen feldern kann gnadenlos werden und wie wertvoll wasser ist, hab ich auch vor etlichen jahren in umbrien gelernt…
    alles gute für euer projekt!

    liebe grüße
    christa

    ps: umbrien wird oft als „die ärmere schwester“ der toscana bezeichnet

  2. Giuseppe De Lorenzo

    Find ich toll wie Ihr das macht!
    Hab selbst südlich von Florenz ein Grundstück mit kleinem Steinhaus.
    Seit fast 20 Jahren bin ich dort und kämpfe gegen Brombeerstauden.
    Es braucht langen Atem und Freude an der Natur, dann kann man viele
    kleine Erfolge erleben.
    Würd gern mal bei Euch vorbeischaun, man lernt ja nie aus!

  3. Ursula

    Hallo,
    klingt trotz der Hitze super ich sah nämlich gerade auf 3sat einen wunderschönen Bericht über die Toscana und Andalusien herrlich ist doch trotzdem ein herrlicher Tagesablauf und inzwischen ist es hier in Nürnberg genauso so heiß bis 40 Grad fast also…..
    Ja leider fehlt mir der Mut obwohl ich arbeitslos bin mal alles hinzuschmeißen vor allem da es da noch meine 83 jährige Mom gibt und sonst niemand für Sie da ist.
    Naja wer weiß ich wünsche Euch jedenfalls viel Glück und Kraft und tolle Ergebnisse bei all dem und grüße Euch unbekannterweise aus dem Frankenland
    Uschi

  4. Marie

    Das hört sich wunder-wunderschön an. Danke für den Bericht! Ich würde zu gerne auch mit anpacken, nur glaube ich kaum, dass sich das mit meinem einjährigen Anhängsel vereinbaren lässt.
    Also wünsche ich Euch aus der Ferne frohes Schaffen!

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