Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Die Auferstehung der Ackerbohne

Warum die urzeitliche Hülsenfrucht neu entdeckt gehört

Kirsten Loesch
Von Kirsten Loesch
14. April 2016

Ackerbohne? Noch nie gehört! Sie heißt auch „Favabohne“ oder „Saubohne“ und gilt als Schweinefutter. Oder man nennt sie „Puffbohne“, weil sie eine „ausgepuffte“, große Bohne ist. Als ich die Samen in die Erde stecke bin ich alles andere als zuversichtlich. Was erwartet mich nur? Mir kommt Hannibal Lecters zweifelhafte Aussage in dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ in den Sinn: „Ich genoss seine Leber mit ein paar Favabohnen, dazu einen ausgezeichneten Chianti.“ Das schmälert meine Bedenken nicht. Ich vermute sogar, die aus dem Mittelalter stammende Redewendung „Das interessiert mich nicht die Bohne“ geht auf diese arme Hülsenfrucht zurück.

Kann es sein, dass die Ackerbohne nicht nur vergessen, sondern auch verkannt ist und unter Rufmord leidet?

Erstaunt beobachte ich, wie sich die Setzlinge prächtig entwickeln und zu einem ansehnlichen Busch heranwachsen. Die Favabohne (Vicia faba) gehört zur Gattung der Wicken (Vicia), während die übliche Gartenbohne zur Gattung der Bohnen (Phaseolus) gehört. Als sie in meinem Garten ihre feenhaften Blüten zeigt, hat sie mein Herz erobert. Stolz, kräftig und schön sieht diese Hülsenfrucht aus. Sie ist widerstandsfähig und leicht anzubauen. Sie wächst schnell und liefert wichtiges Protein, Ballaststoffe, Mineralien, und Vitamine.

Es wird Zeit, dieses vergessene Gemüse – verdrängt von Busch-, Stangen- und Feuerbohnen aus Lateinamerika – neu zu entdecken.

Vom Schweinefutter zur Delikatesse

Die Ackerbohne ist zusammen mit Linsen und Kichererbsen eines der ältesten Lebensmittel der Menschheit und ich habe nichts davon gewusst. Wenn in der Bibel von Bohnen die Rede ist, dann ist die Ackerbohne gemeint, lerne ich von Allan A. Swenson in seinem Buch „Foods Jesus Ate and How to Grow Them“. Sie stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum und war schon im alten Ägypten bekannt. In Deutschland war sie als „Dicke Bohne“ im Mittelalter weit verbreitet und ernährte auch meine Vorfahren vor dem Einzug der Kartoffel.

Die dicken Hülsen der Favabohne strotzen vor Kraft und ich ernte von meinem kleinen Busch. Die blasgrünen Bohnen liegen im flaumigen Innenmantel ihrer Hülsen und sehen wohl behütet aus. Sie haben eine wachsähnliche Haut, die man durch Abschrecken leicht entfernen kann.

Darunter liegt ein zarter, grellgrüner Kern. Zögernd versuche ich einmal. Ich rechne mit mehligem Bohnengeschmack. Weit gefehlt! Die erste Bohne schmeckt nussig. Die Zweite erinnert mich an Pistazie. Bei der dritten Bohne wird mir klar, dass dieser Geschmack meinem Gaumen einfach nicht bekannt ist. Es ist eine knackig pikante Delikatesse. Ein Erlebnis. Nie im Leben würde ich das den Schweinen geben. Das wäre Fava-Perlen vor die Säue werfen!

Mit etwas Ausdauer fürs Entfernen der Hülsen und der Schale geht es ganz einfach:

  • Bohnenhülsen entfernen
  • Bohnen 3 Min. in heißes Wasserbad geben
  • Abseihen und direkt in Eiswasser schütten
  • Abseihen und die Haut der einzelnen Bohnen durch Fingerdruck abstreifen
  • Die grellgrünen Kerne sind bereit zur weiteren Verarbeitung

Ich kann mich zwischen den Rezepten, die ich im Internet finde, nicht entscheiden: Ein arabisches Ful vielleicht? Oder Favabohnen Bruschetta mit Kräutern und Avocado? Ägyptische Falafel?

Vom Mobbingopfer zum Maskottchen

Je mehr ich mich mit der Acker-Sau-Puff-Favabohne beschäftige, desto mehr skurrile Fakten tauchen über meinen neuen Liebling auf:

  • Im alten Ägypten war die Hülsenfrucht ein Mobbingopfer. Die Oberschicht verschmähte diese Leibspeise der Bauern.
  • Der griechische Philosoph Pythagoras soll den Verzehr der Favabohne verboten haben, da in ihr die Seelen der Toten wohnen. Ihm war diese Bohne heilig.
  • Die alten Römer wählten mit ihr. Ein weißer Samen galt als Ja-Stimme und eine dunkle Favabohne zählte als Nein-Stimme.
  • Bei Menschen mit der Erbkrankheit G6PD-Mangel – Favismus genannt – führt der Verzehr der Favabohne zu einem verstärkten Zerfall der roten Blutkörperchen und schlimmstenfalls zum Tod.
  • Die Ackerbohne ist seit dem Mittelalter in der Stadt Erfurt als „Erfurter Puffbohne“ berühmt und wird heute mit einem Maskottchen aus Plüsch geehrt.

Während ich mir die kleine Portion Favabohnen-Kerne so anschaue, die mein schüchterner Erstanbau ergeben hat, bereue ich: Hätte ich doch ein ganzes Feld bestellt! Und ach, was soll das mit den Rezepten? Der Inhalt meiner Schüssel hat sich im Nu erheblich reduziert. Es schmeckt so gut. Schnell gebe ich etwas Olivenöl und Zitronensaft dazu, fertig ist mein urzeitlicher Hülsenfrucht-Salat. Was die Menschen im Mittelalter wohl für ein Rezept hatten?

Was die Ackerbohne glücklich macht

Die Pflanze braucht einen warmen, sonnigen Platz und einen Boden, der gut Wasser speichert. Man kann sie im Gewächshaus vorziehen oder im frostfreien Frühling direkt ins Beet säen (20 x 20 cm Abstand und wegen der Standfestigkeit 6 – 10 cm tief). Eine Stange als Stütze tut ihr gut. Ein Anhäufeln, also ein kleiner Erdwall um den Pflanzenstiel, stabilisiert zusätzlich. 100 Tage nach der Aussaat ist die Favabohne erntereif.

Ob es soweit ist, zeigt der Bohnentest: Eine Bohne abzwicken und in der Mitte durchbrechen – wenn die Bohne glatt durchbricht und die Bruchstelle saftig grün ist, dann passt es.

Wer Lust hat, kann die abgeerntete Pflanze als Gründüngung untergraben. Wie alle Hülsenfrüchte binden ihre Wurzeln Stickstoff und geben dem Boden wertvolle Nährstoffe zurück. Für mich ist das leider nichts. Ich brauche den Platz in meinem kleinen Garten sofort für die nächste Gemüsegeneration.

Eine alte Weisheit sagt: Sieben Bohnensamen in einer Fava-Hülse zu finden, bringt Glück!

In meinen Bohnenhülsen waren nur fünf oder sechs Samen. Ein paar davon habe ich für die nächste Saison aufgehoben. Dann pflanze ich die Samen in der Gewissheit, einen leckeren Schatz in den Händen zu halten. Die Oberschicht der alten Ägypter kann mir gestohlen bleiben und ich kaufe in Erfurt eine Puffbohne aus rosa Plüsch als Glücksbringer. Dann finde ich bestimmt eine Hülse mit sieben Samen. Glücklich darüber, ein vergessenes Gemüse neu entdeckt zu haben, bin ich heute schon.

Habt ihr Lust, die Favabohne mal zu probieren oder kennt ihr sie schon? Welches vergessene Gemüse liegt euch am Herzen?

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18 Gedanken über “Die Auferstehung der Ackerbohne

  1. Margareta

    So ein toller Artikel! Danke! Ich kenne die Saubohnen aus meiner Kindheit.. in Osttirol wurden die von allen Bauern angebaut. Einmal sind unsere Erbsen nicht aufgegangen und eben nur die Saubohnen und in diesem Jahr gab es dann Saubohnen zum „Sau füttern“.. da habe ich angefangen sie zu hassen. Ich wusste auch nicht dass man die äußere Haut entfernt.. man kann sie aber auch mit essen oder?
    Jedenfalls habe ich die Saubohne ebenfalls wie andere in einem syrischen Gericht wieder gefunden und war positiv überrascht. Heuer möchte ich sie erstmals endlich auch selber anbauen. Nur habe ich noch nicht den richtigen Platz in unserem Garten gefunden.. im Hochbeet wohl unpraktisch wegen der Höhe. Gibt es gute oder schlechte Nachbarn?
    In früheren Zeiten wurden die Bohnen mit Mohn gegessen.. das möchte ich wirklich probieren.
    Nur wo krieg ich die Samen her? Im normalen Handel sind alle überfordert wenn ich nur nach der Saubohne frage.. gänzlich unbekannt.
    Also danke nochmal für den Artikel und liebe Grüße an alle SelbstversorgerInnen!

  2. Anna

    Ich kenne sie aus einem persischen Rezept. Basmatireis kochen; Zwiebel anschwitzen mit Gemüsebrühe würzen, Dill dazu; (vorgekochte, geschälte) Bohnen mit Reis und der Zwiebel/Dill Mischung vorsichtig mischen und vielleicht nochmal würzen (Salz). Dazu Naturjoghurt.

    Guten Appetit
    Anna

  3. Michaela

    Hallo danke für die interessanten Hintergrundinfos. In diesem Jahr habe ich sie auch erstmals angebaut. Es dauert abeR noch etwas, bis ich ernten kann.
    Ich habe gelesen, zusammen mit Kartoffeln hat man dann alle Nährstoffe, die der menschliche Körper braucht, um zu überleben.

  4. Kerstin

    Bei uns hießen die früher immer einfach „dicke Bohnen“ :) Ehrlich gesagt mochte ich die als Kind nicht so gern. Aber ich glaube, man hat früher die Haut nicht abgemacht. Die Bohnen gibt es aber schon immer im Glas im Supermarkt.

    Ich muss sie mal wieder probieren.Vielleicht mag ich sie inzwischen liebe. Oder ich probiere es mal aus und säe auch welche in meinem Garten :)

  5. jana

    Hallo,

    Ich reise zur Zeit durch England und hier gehören Puffbohnen als „broad beans“ sozusagen zum Standard. Wie Möhren oder Kartoffeln. In Holland sind sie als „tuinbonen“ (Gartenbohnen) bekannt und beliebt. Man kriegt sie sogar im normalen Supermarkt..

    Liebe Grüße,
    Jana

  6. kim

    Lecker lecker lecker, die Favabohne. Bei uns (in Italien) gibt es sie gerade auf dem Wochenmarkt und es gibt phantastische Frühlings-Nudel-Rezepte.

    Nach Deinem Artikel kommt jetzt auch eine in den Blumentopf, eigentlich quatsch, die nicht selber anzubauen :) Danke für die Tipps dazu!

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