Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Konsum oder Nicht-Konsum, das ist hier die Frage

oder: geldfreie Alternativen außerhalb der Verwertungslogik

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
27. November 2015

Heute, dem letzten Samstag im November, ist buy nothing day. Zeit für ein paar Gedanken über die Idee des Nicht-Konsums.

Der buy nothing day ist eine Gegenreaktion zum „black friday“, der in den USA seit einigen Jahren zum größten Kauf- und Konsum-Tag des Jahres geworden ist. Er hat einen feiertagsähnlichen Status bekommen, viele Menschen haben an diesem Tag frei. Die Geschäfte haben verlängerte Öffnungszeiten und locken mit großen Rabatten. Und das in Zeiten, in denen viele verantwortungsvolle Menschen über Nachhaltigkeit nachdenken, gerade auch bezogen auf den Konsum.

Aber wie konsumiere ich am nachhaltigsten? Bei der Frage nach dem nachhaltigen Konsum vergessen wir oft die einfachste Möglichkeit: Nicht-Konsum!

Wie sieht das konkret aus?

Immer wieder stehen wir vor der schwierigen Entscheidung ethisch korrekt zu konsumieren. Soll es nun ein fair gehandeltes und ökologisches T-Shirt sein oder doch etwas Gebrauchtes vom Flohmarkt? Für beide Möglichkeiten gibt es Vor- und Nachteile. Klar ist uns mittlerweile, dass es auf jeden Fall kein in Sweatshops dieser Welt produziertes und mit Baumwolle aus konventionellem Anbau gefertigtes Kleidungsstück sein soll. So weit so gut…

Eigentlich könnte es viel einfacher sein. Wir sollten uns fragen: Was brauche ich eigentlich wirklich? Damit stellen wir die Frage nach der sogenannten Suffizienz – der Genügsamkeit.

In unserem Fall ist die Frage zu stellen: Ist mein Kleiderschrank nicht eh übervoll?

Ein paar Zahlen zum Thema Kleidungskonsum

Infografik zum Thema Kleidung und Überfluss anlässlich des Buy Nothing Day!
In einem einzigen T-Shirt stecken bis zu 2.000 Liter Wasser und viel Energie. Das machen wir uns kaum bewusst. Wir kaufen pro Person in Deutschland 40 – 70 neue Kleidungsstücke im Jahr. Das sind umgerechnet 12 – 14 Kilogramm Stoff. Jedes Jahr kommen so in Deutschland rund 750.000 Tonnen Gebrauchttextilien zusammen – das entspricht einer LKW-Kette von Kiel bis München gefüllt mit Kleiderbeuteln. Es wird klar: Unser Kleiderschrank ist eigentlich überfüllt. Ein Blick hinein könnte das vermutlich bestätigen. Es gibt ein wunderbares Experiment sich selbst von diesem Überfluss zu befreien!

Mach den Versuch selbst!

Los geht’s: Hänge all Deine Kleidung auf Kleiderbügel mit der offenen Seite zur Wand hin. Jedes Mal, wenn Du nun ein Kleidungsstück verwendet hast, kannst Du den Kleiderbügel anders herum aufhängen. Nach drei Monaten kannst Du abrechnen: Alle Kleidungsstücke, die sich nicht bewegt haben und somit noch mit dem Kleiderbügel zur Wand hin hängen, brauchst Du nicht mehr, da Du sie sowieso nicht benutzt. Befreie Dich davon: Verschenke sie, nähe daraus Sitzkissen oder eine große Decke. Was fällt Dir noch ein?

Die Kleidung kannst Du beispielsweise in einen Umsonstladen in Deiner Nähe bringen oder eine Kleiderschenkparty veranstalten.

Warst Du sogar schon auf einer Kleiderschenkparty oder im Umsonstladen?

Nach der Idee „Teilen, anstatt weg zu werfen“ werden für den eigenen Bedarf nicht mehr benötigte Kleidungsstücke mitgebracht und allen Menschen, die dabei sind, zur Verfügung gestellt. Das führt zu einer Auflösung des klassischen Gedankens von Besitz. Nun steht es jedem Menschen frei, sich das zu nehmen, was er oder sie benötigt oder gerne haben möchte.

Die Kleiderschenkpartys sind wunderbare Events, die jedoch zeitlich begrenzt sind.

Umsonstläden hingegen sind feste Räumlichkeiten, die meist auch eine Kleider-Schenkecke haben. Zu den jeweiligen Öffnungszeiten lädt dieser Ort ein, zu stöbern, zu verweilen und Nützliches zu finden.

Umsonstläden findest Du fast in jeder größeren Stadt – vielleicht auch bei Dir?

Viele Kleidungsstücke und Menschen auf einer Kleiderschenkparty.

Diese Art des Konsums hat zwei großartige Vorteile:

a) Du schaffst keine Nachfrage für ein Angebot, welches sowieso schon im Übermaß vorhanden ist. Durch diese umsonstökonomischen Strukturen wird kein weiteres Wachstum erzeugt und ist damit die nachhaltigste Art, auf welche Du konsumieren kannst.

Ganz einfach gesprochen: Jeder Euro den Du ausgibst, verursacht eine Kilowattstunde an sogenannter „grauer Energie“.

b) Du hebst die klassischen Rollen von Verkäufer*innen und Konsument*innen auf und begegnest den Menschen auf einer anderen Ebene. Die soziale Interaktion ist frei vom Prinzip der Leistung und Gegenleistung.

Alles in allem verspricht diese Befreiung vom Überfluss wirkliche Freiheit. Denn seien wir ehrlich: Eigentlich erdrückt Dich der Überfluss an Kleidung, weil Du jeden Tag zwischen zu vielen Stücken auswählen musst, was Du nun anziehst, oder?

10.000 Dinge und ein unweigerlicher Konflikt

Wir besitzen im Schnitt 10.000 Dinge pro Person in Deutschland. Das kommt in den Konflikt mit einer wirklich begrenzten Ressource und zwar unserer Zeit. Wir alle haben nur 24 Stunden am Tag. Und diese reichen nicht aus, um den 10.000 Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, vielmehr tritt eine Überforderung ein. Das immer weiter, schneller, höher, besser und allgemeine Mehr an Allem halten wir nicht aus. Denn: Nicht nur die ökologische Grenze ist erreicht, sondern auch die psychische Grenze.

Buy Nothing Day – oder Life: Welche Alternativen gibt es noch und welche genaue Idee steckt dahinter?

Natürlich gibt es noch weitere Lebensbereiche, die geldfreier und damit nachhaltiger sowie außerhalb der Verwertungs- und Tauschlogik gestaltet werden können. Die letzten zweieinhalb Jahre durfte ich konsequent geldfrei leben. Einen Artikel dazu „2,5 Jahre geldfrei.er leben – Rückblick.Einblick.Ausblick.“ habe ich einiges bereits beschrieben. Mit unserem Projekt- und Aktionsnetzwerk living utopia haben wir eine neue Internetkampagne gestartet unter dem Titel „geldfreier leben“. Wir möchten über verschiedene Wege aus unserer Erfahrung über die Philosophie, Praxis und den Perspektivwechsel berichten.

Was Du konkret auf geldfreierleben.de finden kannst:

  • 20 Tage Newsletter
  • das eBook „Lebe Deine Utopie“ zur Motivation und Inspiration
  • monatliche Webinare rund ums Thema
  • weiterhin Keynotes und Vorträge zum Thema

Schau doch mal rein und lass Dich inspirieren. Und am wichtigsten dabei ist: Konsumiere nicht nur die Informationen, sondern werde auch aktiv und lebe Deine Utopie!

PS: Der Buy Nothing Day ist in Deutschland auch als Kauf Nix Tag bekannt.

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Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

7 Gedanken über “Konsum oder Nicht-Konsum, das ist hier die Frage

  1. helene

    was ich immer schade finde, dass die leute einfach alles wegschmeißen. ja es ist ihnen sogar zu mühsam, es ins Internet zu stellen und zu verschenken.
    da führt man es doch lieber mal am Bauhof, geht schneller..
    ich sage immer den leuten in meiner gasse: bitte schmeißt nichts weg, bringt alles zu mir! was wir da schon alles gerettet haben (viele (!)staubsauger, kärcher, perserteppich, etc. – die geräte funktionierten übrigens noch!) und was auch nicht, weil die leute trotzdem, wenn wir nicht zufällig es sehen, es trotzdem wegschmeißen. es gibt immer wen, der es brauchen kann, sich darüber freut. bitte sogar meine beiden nicht geputzten, verrosteten griller hat jemand abgeholt und die frau hat sich gefreut wie ein „nackabatzl“ ;-)
    ja irgendwann landet es trotzdem am müll, aber bis dahin, kann man viele das Produkt doch nutzen?
    ich habe in meinem buch „öko-logisch und (fast) plastikfrei haushalten“ hiezu ein eigenes kapitel namens „nichts wegschmeißen“ gewidmet ;-), weil mir das sehr am herzen liegt und eigentlich komplett unnötig ist.

  2. Maria

    Hallo!

    Ich bin auch ein Fan vom Kostnixladen. Alles, was ich nicht mehr brauche bringe ich hin. Und statt etwas Neues zu kaufen, suche ich zuerst dort. Ich kann auch warten. Es muss nicht gleich erfüllt werden. Dann freue ich mich umso mehr, wenn ich es irgendwann doch entdecke. Das hat eine ganz andere Qualität als sich jeden Wunsch sofort zu erfüllen.

    lg
    Maria

    1. Tobi RosswogTobi Rosswog Beitrags Autor

      Liebe Maria,
      super, dass Du via Kostnixladen / Umsonstladen Deine Konsumgüter teilst.
      Die andere Ebene, die Du ansprichst, ist auch sehr sehr spannend.
      Wir haben immer und zu jederzeit alles überall gefühlt verfügbar.
      Was ist, wenn das mal nicht so ist? Wie fühlt sich das an?
      Spannende Fragen und danke Dir fürs Teilen Deiner Erfahrung!
      Herzlichst,
      tobi

  3. Sara

    Hallo Tobi!

    Danke für deinen Beitrag, du sprichst wieder viele wichtige Dinge an :)!

    Ganz kurz zu den Umsonstläden bzw. Kost-nix-Läden: Vor einer Weile hat in unserer Nähe auch einer aufgemacht. Ziemlich zeitgleich habe ich begonnen, alle meine Sachen auf das zu reduzieren, was ständig in Gebrauch ist (Kleidung, Küchenutensilien usw.). Ich konnte nicht glauben, was alles ungenutzt vorhanden war und habe alles in den Kost-nix-Laden gebracht. Es war einerseits sehr befreiend, die ungebrauchten Dinge „loszuwerden“, andererseits auch sehr schön, dass andere Menschen, sie jetzt brauchen, nützen und wertschätzen! Verschenken ist schön und über eine Plattform wie diese Läden bekommt niemand etwas geschenkt, was er nicht braucht – jeder kann sich selbst die Dinge nehmen, die er möchte. Noch ein Nebeneffekt: Das „lästige“ Verkaufen fällt weg. Viele Menschen in meinem Umfeld haben mir gesagt, dass ich die schönen Sachen doch nicht einfach alle verschenken kann und dass ich mir von dem Verkaufserlös sicher „was leisten“ werde können (Selbst haben sie natürlich gerne auch ein Geschenk angenommen, wenn für sie etwas dabei war :D.). Aber weißt du was? Mir geht rein gar nichts ab (weder die Sachen noch der Verkaufserlös), ganz im Gegenteil! Und was ich noch wichtig finde: Ich möchte mich mit diesem kleinen Bericht über meine Erfahrungen mit dem Kost-nix-Laden nicht als „Gutmensch“ hinstellen, der „achso großzügig“ Sachen verschenkt. Ich bin mir im Klaren, dass auch ich sehr privilegiert bin und im Überfluss aufgewachsen bin!

    Liebe Grüße von Sara!

      1. rike

        liebe grüße aus bremen,
        wir haben nun nachtfröste und ich bin froh, dass ich über den sommer meine winterkleidung behalten habe. so absolut finde ich den verschenkhinweis unvollständig.
        herzensgrüße
        von rike

        1. Tobi RosswogTobi Rosswog Beitrags Autor

          Liebe Rike,
          danke Dir sehr für Deine Ergänzung.
          In den Vorträgen nennen ich diesen Hinweis in einem Nebensatz ;))
          Für den radikalen Impuls, der zum selber denken anregen soll, habe ich das aber rausgelassen.
          herzlichste Grüße – gerade auch aus dem Norden von der NachDenkStatt an der Uni Oldenburg,
          tobi

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