Bittersweet Symphony: Die Schlehe

Lisa Pfleger
Von Lisa Pfleger
23. November 2011

So manch mutiger Mensch hat sie vielleicht schon mal beim Streifzug in der Natur probiert und ordentlich das Gesicht verzogen. Die Schlehe (Prunus spinosa). Das Pflücken ihrer blauen, kleinen Früchte erfordert dank elends langer Dornen auch etwas an Vorsicht und Aufmerksamkeit :)

Auch ich habe im Sommer fleißig die Schlehen probiert und sie mit zusammengepressten Augen hinuntergeschluckt. Zwar hatte ich schon des öfteren gehört, dass sie nach dem Frost etwas von ihrer Säure und adstringierenden Wirkung (also das Gefühl, es „zieht sich alles im Mund zusammen“) verliert aber ich dachte, ich will mich trotzdem an solche Geschmäcker gewöhnen. Angeblich ist ein bisschen Gerbsäure ja ganz gesund?

Gestern sind wir bei einem Spaziergang wieder auf diese lange Reihe von Schlehenhecken getroffen, an der ich schon im Sommer immer bettelte stehenzubleiben. Immer wieder wollte ich die geschmacklich eigenwilligen Früchte probieren, in der Hoffnung, sie seien doch endlich süß. Der Strauch offenbarte sich in seiner ganzen Pracht – ohne Blätter wirkte er plötzlich viel viel reicher bestückt, als im Sommer. Und siehe da, ich hatte es schon gar nicht mehr erwartet – picksüße Früchte! Ich habe mich gefreut wie ein Kind. Wer rechnet schon Mitte November mit frischen, süßen Früchten vom Baum?

Zum Glück hatten wir genau zwei Papiersackerl in unseren Rucksäcken und haben gleich drauf losgeerntet. Für Marmelade dachte ich, doch zu Hause haben wir die Hälfte davon roh genossen und mit dem Rest wollte ich mir was anderes überlegen.

Spuckstrudel!

Ja ich weiß, das klingt nicht gerade appetitlich, aber diese kirschgroßen Früchte entkernen? Wozu :) Mit Rosinen, Kürbiskernen und 2 Esslöffel Zucker wurden sie in den gezogenen Studelteig gerollt und ab damit. Ich liebe Fruchtstrudel! Es ist so einfach, man kommt mit so wenig Teig aus, hat Unmengen an Frucht und braucht gleichzeitig nur wenig Zucker. Hier das Rezept:

200g Mehr + ¼ Tasse Öl + ½ Tasse Wasser + Prise Salz mischen und zu einem Teig kneten. Und zwar so richtig gut durchkneten. Mindestens 10 Minuten hat man uns damals auf der Schule eingeprügelt – bis er so richtig geschmeidig ist. Danach 1-2 Stunden kühl ziehen lassen. (Um ehrlich zu sein, ich hab den Teig manchmal auch direkt verwendet und es funktioniert auch. Ganz im Gegensatz zum letzten Mal, wo der Teig dann so löchrig und mickrig war wie noch nie zuvor :))

Wie auch immer, lecker war es trotzdem und man merkt am fertigen Strudel eh nicht wirklich wie dünn er ausgerollt war :) Das Strudel Ausziehen ist dann es so eine Sache für sich hehe. Da eine schriftliche Anleitung wohl zu kompliziert wäre habe ich das liebe YouTube gefragt. Hier wird es wirklich gut erklärt und beim Ansehen habe ich auch prompt die Antwort bekommen warum mein Strudelteig dieses mal nicht geklappt hat: Niemals nach dem Kühlstellen durchkneten ;)

Der Strudel ist verdammt gut geworden (im Bild noch mit einer Porridge[„Haferschleimmüsli“]-Kruste als Resteverwertung) – nur bei Spuckstrudeln ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Die Zähne werrden es danken ;)

Mehr Verwendungsmöglichkeiten für Schlehen

Mit den Früchten kannst Du fast alles machen, was man mit anderen Früchten auch machen kann: frisch essen, in Süßspeisen verarbeiten, Marmeladen, Sirup, Kompott kochen, Chutneys usw… Fantasie ist gefragt :) Wie gesagt, erst nach dem Frost sind sie süß. Angeblich kann man sie auch davor ernten und dann ein paar Tage (?) wo auflegen und lagern. Dann sollen sie auch süß werden und gleichzeitig das Aroma behalten (welches angeblich durch den Frost verloren geht – ich find‘ sie aber auch so echt gut… Einen Versuch wär es aber nächstes Jahr bestimmt wert :)) Die Kerne enthalten Blausäure – also bitte nicht essen.

Die Blüten kann man auch essen, kandieren, in den Tee geben… Ebenso die Blätter als Gewürz oder für den Tee. Zusätzlich wirkt Schlehenblütentee sanft abführend.

Wertvolle Hecke

Was ich am Schlehdorn auch sehr schätze, ist sein Wert für Tiere: Nicht nur Vögel bauen gerne ihre Nester darin (siehe Foto unten) auch die Früchte dienen ihnen als Nahrung im Winter (daher bitte nicht alles abpflücken sondern einen Großteil für die Wildtiere lassen!) Im Frühjahr kommen die Blüten bereits vor den Blättern (so ab März) und spenden Nektar für bestäubende Insekten. Achja und nicht wundern, wenn ihr an den langen Dornen mal aufgespießte Insekten oder gar Mäuse antrefft. Hier war der Neuntöter am Werk, der Vorrat für „schlechte Zeiten“ angelegt hat… Dieser Vogel ist unter anderem genau deshalb auf solche dornigen Hecken angewiesen.

Vogelnest im Schlehdorn

Jetzt ist genau die richtige Zeit um diese süßen Früchtchen frisch vom Strauch zu naschen. Also auf, auf! Die Natur wartet nicht ewig mit ihren Geschenken. Aber bitte auch den gefiederten Süßschnäbeln was übrig lassen ;)

Neuntöter mit seiner Beute (© Totontli / flickr.com)

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9 Gedanken über “Bittersweet Symphony: Die Schlehe

  1. kathrin

    Ich habe auch eine Rezept-Idee zu Schlehen und zwar „Eifler Oliven“. Die im Herbst gesammelten Schlehen werden zuerst einige Wochen in Salzlake konserviert und anschließend in Öl eingelegt. Sie schmecken köstlich, z.B. zu Nudeln. Geschmacklich erinnern sie an Oliven :D

  2. Pingback: Orangengewürz selber machen

  3. Pingback: Selbstversorgung im Winter

  4. Matthias

    "Spuckstrudel" kannte ich gar nicht. Weil man die Steine mitbäckt und dann beim Kuchenessen ausspucken muss? Bei uns gabs dann also immer Spuckkompott (eingkochte Süßkirschen) wo Oma immer sagte die Steine müssen drin bleiben wegen des Geschmacks.
    liebe Grüße

  5. philipp

    hallo ihr beiden!

    jetzt bin ich motiviert auf schlehensuche zu gehen :)
    bisher waren sie für mich in der kategorie "muss nicht unbedingt sein, es gibt besseres". knackig harte schlehen sind schon recht abschreckend…

    bei meiner apfelbeere ist es ähnlich. jetzt nach längerem frost sind sie echt gut, vorher doch recht herb inkl. überwindung sie zu essen. obwohl ich mal gelesen habe das apfelbeeren im sept/okt reifen bzw. wenn das innere komplett durchgefärbt ist. ich finde sie erst jetzt gut wenn sie schon etwas schrumpelig sind.

    bei der biobaumschule artner gibts die schlehensorte "reichtragende aus dem wienerwald" die schon ende august reifen soll. wäre interessant für einen vergleich. aber ende august gibt es noch so viel anderes obst, da würden mich schlehen wahrscheinlich noch nicht interessieren :)

    liebe grüsse!

  6. Kerstin

    Bin immer wieder mal stille Mitleserin. Schlehen enthalten auch sehr viel Vitamin C. Und man muss nicht auf den Frost warten. Pflückt man sie sobald sie reif sind, kann man sie für ein paar Wochen in der Tiefkühltruhe aufbewahren und dann aufgetauter weiterverarbeiten. So hat man noch die schönen Saftigen Früchte, und auch noch mehr Ertrag. Den für die lieben Vögelein bleiben in diesen Dornengestrüpp sowieso genügen übrig.

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