Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Bist Du Commonist*in?

Oder: Für eine Politik jenseits von Markt und Staat

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
28. August 2016

Nach den ersten vier Interviews mit Friederike Habermann, Van Bo Le-Mentzel, Nathalie Marcinkowski und Hanna Poddig, geht es heute im UTOPIKON Interview mit der Commonsaktivistin und Publizistin Silke Helfrich um Commons und Commoning. Die Frage ist: Bist Du Commonist*in?

TR: Liebe Silke, danke Dir herzlichst für die Zeit, die Du Dir für das Interview genommen hast: Stell Dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Vollzeit-Commoner

Silke Helfrich: Menschen stellen sich ja oft mit ihrem Namen und ihrem Job vor. Den Namen kennt Ihr schon, einen Job hab ich nicht und ich habe auch nicht vor, jemals wieder einen zu haben. Zumindest was meine aktiven Beiträge zur gesellschaftlichen Debatte angeht, bin ich sozusagen Vollzeit-Commoner. Das möchte ich bleiben. Ansonsten bin ich dabei, mich endlich endgültig niederzulassen, was mich von Thüringen nach Baden-Württemberg führt; und ich begleite meine beiden Kinder ins Erwachsenenleben.

Silke Helfrich

Commons fallen ja nicht vom Himmel – sie sind nicht, sie werden.

TR: Du wirst als Commonsaktivistin auf der UTOPIKON eine Keynote geben. Was sind „Commons“?

Silke Helfrich: Sie sind nicht. Sie werden. Commons fallen ja nicht vom Himmel, sondern sind immer Ergebnis eines gemeinsamen Tuns. Wenn eine Gruppe, ein Netzwerk, eine Gesellschaft keine Commons herstellt, pflegt, schützt, weiterentwickelt und anpasst, dann wird es keine geben.

Konkret: Man kann sagen: „Freie Software ist ein Commons.“ Als Commons – zugänglich und für die je eigenen Bedürfnisse nutzbar – gedacht, produziert und durch eine Freie Lizenz geschützt. Es geht bei Freier Software – wie bei jedem Commons – immer um die Freiheit der Nutzerinnen und Nutzer, nicht um die Freiheit der Software. Aber wenn es niemanden gibt, der Freie Software programmiert, dann wären wir alle von Microsoft oder Apple abhängig. Und wenn es niemanden gibt, der sich Gedanken macht, wie man eine Lizenz so schreibt, dass alle die Software nutzen, weiterentwickeln, teilen, sich aber nicht privat aneignen dürfen, dann wird irgendwann irgendjemand kommen und sagen: Jetzt gehört das alles mir.

Das gleiche beim Land, beim Wasser, bei Bildungs- und Gesundheitsthemen: immer da, wo Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen und dafür sorgen, dass die Dinge so in die Welt kommen, dass

  1. niemand über den Tisch gezogen wird (also nicht auf Kosten anderer produziert wird) und
  2. alle Betroffenen an der Entscheidungsfindung über Regeln und Konfliktlösungen beteiligt sind entsteht ein Commons. De facto reden wir also von sozialen Prozessen. Da passt ein Verb besser als ein Substantiv. Wir nennen es neudeutsch commoning. Ich würde gern noch einen dritten Aspekt hinzufügen, nämlich dass
  3. darauf geachtet wird, dass die Ressourcen, die gebraucht und genutzt werden auch morgen noch zur Verfügung stehen. Aber das ist eine normative Geschichte. So ein ökologischer Anspruch, der bei weitem nicht in allen Commons erfüllt ist – vor allem nicht im digitalen Bereich.

Commons braucht Commoning

TR: Genau, Commons braucht vor allem Commoning. Was bedeutet das (für Dich)?

Silke Helfrich: Zunächst mal meine/unsere Sinne zu schärfen für das, was alles möglich wird, wenn wir lernen die Dinge, die wir erreichen wollen oder zum Leben brauchen als Commons denken.

Wenn Du ein Dach über dem Kopf suchst, für Dich, für Deine Familie, dann kannst Du mieten (dann ist das Geld weg), Du kannst kaufen (dann hast Du in der Regel Schulden für ein paar Jahrzehnte, ergo Abhängigkeit) oder Du kannst versuchen, Dich einem Projekt anzuschließen, dass das Dach über dem Kopf als Commons denkt und in die Welt bringt. Es gibt Hunderte Beispiele dafür, die nicht gleich bedeuten: ich muss alles immer mit allen teilen, nicht nur den Raum der Küche, sondern auch die gemeinsame Haushaltskasse. Darum geht es gar nicht. Sondern darum· dass mehrere Menschen mit dem gleichen Ziel zu diesem Dach beitragen, dass es Solidarprinzipien gibt, dass Selbstverwaltung praktiziert wird, und vor allem, dass das gemeinsam geschaffene Dach nicht wieder zurück auf den Immobilienmarkt fällt. Das Mietshäusersyndikat hat sich um diesen Aspekt sehr verdient gemacht – mit Projekten in ganz Deutschland.

TR: Du sprichst von Prinzipien der Commons. Was meinst Du damit?

Silke Helfrich: Eigentlich etwas sehr einfaches. Es gibt ein paar Grundprinzpien – z.B. beitragen statt tauschen – die man in vielen verschiedenen Praktiken beobachten kann. Die sind der Kern des ganzen. Die Erscheinungsformen können sehr unterschiedlich sein. Du kannst einen Commons-Prozess auf der rechtlichen Ebene als Genossenschaft organisieren oder als Verein, oder als Stiftung oder sogar als Aktiengesellschaft. Das ist eigentlich nicht so wichtig, sondern nur die institutionelle Hülle. Wichtig ist, welches Prinzip der gemeinsamen Handelns zu damit ins Leben bringst.

Die Welt der Commons BuchcoverJetzt wirds konkret und praktisch!

TR: In eurem neuen Buch „Die Welt der Commons – Muster gemeinsamen Handelns“ gebt ihr konkrete Beispiele. Magst Du uns ein paar nennen, damit es praktisch wird?

Silke Helfrich: Gern, im „alten“ – Commons – Für eine Politik jenseits von Markt und Staat gibt’s übrigens noch mehr.

Ich nenne Dir Beispiele aus beiden Büchern und aus unterschiedlichen Lebensbereichen, damit anschaulicher wird, dass man sich sozusagen ein Commons-Brille aufsetzen und damit die Welt neu sehen kann. In den Büchern gibt es Beispiele aus aller Welt, ich bleibe aber für die UTOPIKON im eigenen Kulturkreis.

In den Büchern haben wir etwa 100 Beispiele aus aller Welt gesammelt. Zu einigen gibt es ganze Artikel, anderen sind thematisch in Überblicksartikeln zusammengefasst.

Commons Institut

Ich gebe zum Beispiel alles frei, was ich produziere

TR: Versuchst Du schon heute Teile Deiner Gesellschaftsutopie zu leben und wenn ja, wie?

Silke Helfrich: Ich gebe zum Beispiel alles frei, was ich produziere und setze mich auch bei Verlagen dafür ein, dass sie diese „neue“ Praxis akzeptieren. Das ist gar nicht so einfach, weil das mit ihrem gewohnten Geschäftsmodell kollidiert. Grundsätzlich versuche ich, finanzielle Fragen von meinen Entscheidungen zu entkoppeln. Sorge also gewissermaßen für ein Grundeinkommen (wobei die beste Strategie ist, das Leben so zu organisieren, dass man möglichst wenig Geld braucht), damit ich auch die Sachen machen kann, die mir wichtig sind, die aber nicht bezahlt werden. Die Verfügbarkeit von Geld, die Logik des Marktes, darf nicht über meine Entscheidungen verfügen. Das ist mir wichtig, ist aber schwierig – ein ständiger innerer Dialog – aber es ermöglicht mir, „frei vom Arbeitsmarkt“ zu sein.

Und dann bin ich in diversen kleinen Commons-Prozessen beteiligt.

Nächster Schritt: wenn ich endlich sesshaft geworden bin, werde wir die Solawi in unserer Gegend um unsere Mitgliedschaft bereichern.

Silke Helfrich Portrait

TR: Warum bist Du bei der UTOPIKON mit dabei?

Silke Helfrich: Weil ich neugierig bin auf die UTOPIKON und auf die Menschen, denen ich dort begegne.

5 Schritte, um Commonist*in zu werden

TR: Zum Schluss: Welche 5 Schritte magst Du den Leser*innen mitgeben, damit sie hier & jetzt beginnen Commons in ihren Alltag lebendig werden zu lassen und damit Commonist*in zu werden?

Silke Helfrich:

  • Erstmal innehalten.
  • Dann Commons denken lernen (sich die Commonsbrille aufsetzen)
  • Dann werdet ihr schnell feststellen, dass es commoning sowieso schon überall gibt, auch im eigenen Leben.
  • Diese Dinge sichtbar machen, die Prinzipien verstehen, eine Sprache dafür finden und dann auf alle Lebensbereiche übertragen, die Euch wirklich, wirklich wichtig sind.
  • Kleine Schritte. Irgendwo anfangen. Ganz egal wo. Aber nie allein!

Was lebst oder kennst Du schon im Bereich der Commons?

Ab damit in die Kommentare, damit wir uns mit Beispielen gegenseitig inspirieren.

DIESER ARTIKEL IST UNTER FREIER LIZENZ UND DARF GEMÄSS DER CREATIVE COMMONS CC BY-SA 2.0 DE KOPIERT UND VERBREITET WERDEN.

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Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

13 Gedanken über “Bist Du Commonist*in?

  1. Bettina

    Ich tu mich da ein wenig schwer mit dem Begriff COMMONS. Sind das sowas wie kleine Gesellschaftsgruppen (wie sie damals schon in der Hippiezeit) die ganz einfach diskutieren und die Welt verändern wollen? Ich glaube nicht, dass das etwas Schlechtes ist, ganz im Gegenteil, aber ich kann damit nicht recht viel anfangen.
    Bei den 5 Punkten häng ich schon beim 2. Der 1. Punkt ist klar: Innehalten = abschalten (für mich).
    2. Commons denken lernen; das kapier ich nicht ganz wie das gehen soll. Gut, ich bin mehr ein Einzelgänger, vielleicht versteh ich es deshalb nicht so leicht.
    Ist aber allgemein ein sehr interessantes Thema.

  2. Silke Helfrich

    Lieber Michael, hab dank für die ausführliche Antwort. Und lass uns gern mal eine halbe Stunde über freie Lizenzen reden. Es ist wirklich sehr einfach, und man muss überhaupt keine langen Texte lesen. Was den „noindex“ betrifft, so verstehe ich nicht, was das bedeutet und inwiefern das aus Deiner Antwort an Stefan hervorgeht?
    Noch einmal: ich habe den Text freigegeben. Dh. er darf/soll geteilt werden, damit er möglichst viele Menschen erreicht. Kann es sein, dass Du das Gefühl hast, irgendjemand wäre dagegen auffindbar zu sein (z.B. via Google) oder auf Facebook geteilt zu werden? Wenn ja, wo kommt das her?

    Wenn Du sagst; „ich bin einfach kein großer freund von Lizenzen“, dann ist das für mich verwirrend. Wie Du richtig feststellst, gilt ja das Copyright immer (genauer – das Urheberpersönlichkeitsrecht, wir haben ja ein anderes Rechtssystem). Auch das ist im Grunde nichts anderes als eine Lizenz, weil damit auch gleichzeitig Nutzungsrechte für Dritte festgelegt werden. Mit einer freien Lizenz, so wie sie jetzt unter dem Artikel steht, erweitere ich nur die Nutzungsrechte. (danke für’s Ergänzen und bitte entschuldige den versäumten Hinweis, ich hielt das tatsächlich im Zusammenhang mit der Utopikon für selbstverständlich).

    Also, falls „noindex“ bedeutet, dass der Artikel nicht auffindbar ist, dann sehe ich keinen Grund dafür, das kannst Du gern rückgängig machen.

    1. Michael HartlMichael Hartl

      Liebe Silke,

      danke dass auch Du Dir die Zeit nimmst, mir zu antworten. Gerade weil ich vielleicht nicht jeden Punkt verstehe und es mir kompliziert vorkommt – und ich in meiner mir üblichen Art das auch sehr direkt und offen kommuniziere. Das können nicht alle Menschen nehmen.

      Die Lizenz ist schon ein ganz schöner Textbrocken, finde ich. Das ist sie ja jetzt, die für Deinen Text gilt: Creative Commons Legal Text. Wenn mensch den Umgang mit dem Urheberrecht gewohnt ist, ist jede weitere Lizenz ein langer Text, den mensch lesen, verstehen und anwenden muss. Weiß nicht, ob ich das für jeden Text machen würde, nur weil ich ihn interessant fand.

      Ich glaube nicht, dass jemand nicht gefunden werden möchte. Ich glaube, dass manche Menschen gerne auf Google, Facebook, etc. schimpfen, aber die Dienste, die diese Anbieter erbringen, dann doch gerne nutzen, gerade auch, um gefunden zu werden. Mir persönlich ist das sehr wichtig. Gefunden zu werden. Daher ist diese Seite auch sehr optimiert darauf. Aber wenn Suchmaschinen nun feststellen, dass ein und derselbe Inhalt auf mehreren Seiten zu finden ist, KANN das als „Duplicate Content“ wahrgenommen werden, der von Suchmaschinen auch abgestraft werden kann. Im Ranking – und wenn es öfter passiert auch als Versuch gewertet werden, die Suchmaschine zu manipulieren – was bis hin zum Entfernen der Domain aus dem Index führen KANN. Natürlich nur im Extrem. Aber deswegen „noindex“, weil dann dieser Artikel unserer Webseite aus dem „Duplicate Content Spiel“ raus ist.

      Aber ganz klar ist kopieren unserer Artikel ja jederzeit möglich – mit der Bitte, dass eine Person, die es kopieren will, dies mit uns abspricht, um dann zu wissen, wie dies geschehen soll: Nämlich mit der Angabe einer Canonical-Domain auf den ursprünglichen Artikel hier auf dem Blog. Dann kennen sich die Suchmaschinen aus UND die Artikel können auf mehreren Blogs sein.

      Wobei ich immer noch nicht verstehe, warum man nicht einen Artikel teilt, wie das früher unter Blogger*innen üblich war: Mensch schreibt einen kleinen Einstieg ins Thema, erklärt, warum der folgende Artikel eine*n so inspiriert hat, dass mensch ihn verbreiten möchte, zitiert dann ein, zwei tolle Ausschnitte und verlinkt daraufhin den Original-Artikel.

  3. Stefan

    Lieber Michael,

    danke für die offene Antwort, die ich sehr interessant finde, weil sie sehr grundsätzlich danach fragt, wie wir Neues in die Welt setzen und verbreiten. Unterwerfen wir uns dem Diktat der Monopole, die uns über Technik vorschreiben, wie wir zu kommunizieren haben? Oder bauen wir unsere eigenen Netzwerke? Folgen wir der Logik der Mächtigen oder bauen wir eigene Handlungslogiken auf? Ich finde das nicht einfach zu beantworten.

    Ich denke, das Erreichen von möglichst vielen Menschen ist nur ein abstraktes quantitatives Kriterium. Es sagt nichts darüber aus, welche Qualität der Beziehung dabei entsteht. Lernen, so ist unsere Erfahrung, hat immer etwas mit qualitativen Beziehungen zu tun.

    Dann gibt es de aufälligen Widerspruch zu den Inhalten des Interviews. Habt ihr mit Silke gesprochen? Habt ihr auf „eine wertschätzende und respektvolle Weise“ ihre Erlaubnis eingeholt, ihre Inhalte entgegen der von ihr vertretenen Commons-Logik einzusperren?

    Schließlich fällt mir noch der Widerspruch zwischen der Verweigerung des Teilens gegenüber anderen, aber der eigenmächtigen freizügigen Selbstversorgung mit Bildmaterial von der Website des Commons-Instituts auf. Dort auf der Website haben wir es nämlich versäumt, das Bildmaterial unter eine freie Lizenz zu stellen. Damit gilt das Urheberrecht im Sinne der intendierten Exklusionslogik. Das bedeutet: Ihr müsst fragen, und wenn ihr das Material nutzt, auf die Quelle verweisen. Aber keine Angst, wir werden darauf nicht bestehen. Es entspricht nicht unserem Verständnis der Verbreitung von Inhalten, die so ganz gut zu funktionieren scheint.

    Mit schönen Grüßen,
    Stefan

    1. Michael HartlMichael Hartl

      Lieber Stefan,

      das mit den Fotos tut mir leid, da verlasse ich mich auf unsere Gastautor*innen – wenn Du magst, kann ich die Quelle angeben oder sie austauschen. Bisher wurden uns immer die Bilder von den Personen zur Verfügung gestellt, die interviewt wurden. Werde hier nochmal ein besseres Auge drauf haben in Zukunft. Danke für den Hinweis.

      Und gerne noch ein paar ehrliche Überlegungen von mir, wenn Du magst:

      Interessant finde ich, dass Du ständig von „den Mächtigen“, „den Monopolen“, etc, sprichst. Im letzten Kommentar hast Du gar geschrieben, dass wir untersagen würden, unsere Inhalte zu teilen – außer über „die Konzerne“. Ich glaub schon zu wissen, wen Du damit meinst, aber wir sagen ja nicht, dass man unsere Artikel nicht über kleine Websites, über Mailinglisten oder per Handnotiz teilen dürfte.

      Der Hinweis auf einen Online-Artikel mit Zitat daraus und einem Link ist völlig legal möglich, egal ob eine Website einen Copyright-Hinweis hat oder nicht. Das Urheberrecht gilt immer. Erst wenn es mit einer Lizenz geschützt wird, hätte ich Angst, gegen eine Lizenz zu verstoßen, wenn ich es teile – und habe keine große Lust, lange Lizenztexte durchzulesen. Und da ich z.B. einen Link auf Facebook nicht als creative commons markieren kann, darf ich ihn ja nicht teilen, weil ich darf ja nur Teile daraus verwenden, wenn ich mit gleicher Lizenz veröffentliche. Dort sitzt aber die Masse der Menschen, die ich brauche, wenn ich nicht ständig nur mit den schon überzeugten und mit uns bereits eng vernetzten Menschen Austausch betreiben will.

      Da finde ich für mich das bestehende Recht einfacher: Jede Person die möchte, fragt kurz an und kann dann den gesamten Artikel kopieren und ebenfalls veröffentlichen. Damit lässt sich zum Beispiel sicherstellen, dass Artikel von uns nicht auf Nazi-Seiten erscheinen und das die technische Einbindung so läuft, dass es keine Nachteile für die Suchmaschinen hat.

      Zu Deiner Frage, ob wir vorher mit Silke gesprochen haben: Ich denke, dass aus meiner Sichtweise ja nichts negatives passiert hier – daher kam ich nicht auf die Idee, dass jemand das negativ finden könnte. Ist auch in 7 Jahren bloggen das erste Mal. Das es für Menschen, die sich mit Commons beschäftigen, ein Widerspruch sein könnte, ist nun auch klar für mich, war es aber zunächst nicht.

      Und abschließend, da Du mich auf vermeintliche Widersprüche aufmerksam gemacht hast, finde ich es interessant zu sehen, dass die Blogs und Websites der Commons-Bewegung, die ich jetzt kurz angesehen habe, alle ein Indexieren ihrer Websites und Artikel durch Google und andere Suchmaschinen erlauben. Obwohl dies technisch unterbunden werden kann und die Suchmaschinen sich nicht an die Lizenz halten….

      Das nur mal meine Gedanken dazu. Danke Dir für den offenen Austausch.

      1. Stefan Meretz

        Lieber Michael,

        genau: der Defaultmodus ist das Urheberrecht. Der Defaultmodus ist der Ausschluss aller von der Nutzung. Das Urheberrecht ist eine rechtliche Kodifizierung der Exklusionslogik des Kapitalismus.

        Per default sagt ihr implizit, dass niemand – auch nicht kleine Websites oder so – eure Artikel teilen dürfen. Ein Zitat oder Verweis ist kein Teilen. Teilen ist Kopie. Denn im Unterschied zu stofflichen Gütern, wird Information nicht weniger, wenn sie geteilt wird. Aus diesen Gründen müssen wir sehr wohl differenzieren, wenn es um das Teilen immaterieller oder materieller Güter geht. Immaterielle Güter unterliegen der Gefahr der Unternutzung und Verwaisung: Wenn die Website mit dem Inhalt offline geht, ist der Inhalt weg (d.h. nur noch im Google-Cache vorhanden, toll).

        Deine Aussage „Erst wenn es mit einer Lizenz geschützt wird, hätte ich Angst, gegen eine Lizenz zu verstoßen, wenn ich es teile“ ergibt vor diesem Hintergrund keinen Sinn. Mal abgesehen von dem Euphemismus „schützen“ (real: Ausschluss von der Nutzung), muss du immer Angst haben, gegen das Urheberrecht zu verstoßen – gerade, wenn keine Lizenz angegeben wird. Erst eine freie Lizenz dreht die Intention des Gesetzes um. Richtigerweise solltest du also schreiben „erst wenn mich eine freie Lizenz schützt, muss ich keine Angst mehr haben, gegen das Urheberrecht zu verstoßen, wenn ich die Inhalte kopiere“. So herum wird ein Schuh draus :-)

        Und noch ein Letztes: Ich bin nicht gegen die Indizierung von Inhalten durch Suchmaschinen und nicht gegen die Verbreitung von Inhalten durch die Großen Provider. Wir sind darauf angewiesen, da stimmen wir überein. Wir sollten uns nur sehr gut überlegen, wo wir uns fremdgesetzten Regeln unterwerfen und wo wir das bewusst nicht tun (siehe mein früherer Kommentar). Mein Kriterium ist dabei: Wenn es für das Commoning, also unseren sozialen Prozess, schädlich ist, wir also fremde Anforderungen in unsere Selbstorganisation eindiffundieren lassen, dann bin ich dagegen. Das Urheberrecht ist so ein Punkt. Vielleicht habt ihr Lust, eure Lizensierungspraxis noch einmal zu überdenken. In jedem Fall freue ich mich, dass ihr nun nachträglich diesen einen Artikel unter eine CC-Copyleft-Lizenz gestellt habt.

        Happy Commoning!
        Stefan

        1. Michael HartlMichael Hartl

          Hallo Stefan,

          nein, dass sagen wir weder implizit noch direkt. Wir schreiben recht deutlich im Impressum: „Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung durch uns. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.“ Natürlich könnten wir das auch vereinfacht ausdrücken, wie das bei den CC-Lizenzen ja oft gemacht wird:

          1. Du darfst einen Hinweis mit Link auf diesen Artikel immer teilen!
          2. Du darfst mit Quellenangabe jederzeit aus diesem Text zitieren!
          3. Frag kurz nach, dann darfst Du ihn auch als Ganzes kopieren, bearbeiten und veröffentlichen!
          4. Du darfst Dir jederzeit diesen Artikel herunterladen und ihn vervielfältigen, wenn Du damit kein Geld verdienen magst!

          Ich wäre froh, wenn über Themen wie dieses einfach fein diskutiert werden könnte. Unterstellungen und Umformulierungen fremder Aussagen sind dazu nicht notwendig – und auch selten zielführend.

          Alles Liebe,

          Michael

          1. Stefan

            Lieber Michael,

            es geht nicht um Unterstellungen oder Umformulierungen, sondern um das Verstehen von Rahmenbedingungen, die wir zur Zeit nicht beeinflussen können, die Gesetz(t) sind. Per Default schließt ihr aus, sorry, so wirkt das Urheberrecht nun mal. Ihr wollt das nicht, das nehme ich euch ab, aber ihr tut es. Eure Beschreibung bestätigt die „engen Grenzen des Urheberrechts“ sogar: Mehr (=Kopie) nur bei schriftlicher Zustimmung. Zitat ist nichts besonders, das ist default. Freie Kopie ist das besondere, ohne Rückfrage.

            Und nein, deine a-d Beschreibung entspricht inhaltlich nicht den CC-Lizenzen (nur der Form vielleicht). Dort gibt es keine Nachfrage, eben das soll nicht nötig sein, weil die Lizenz die Nutzung klar regelt. Ziel ist die einfache Verbreitung und Nutzung von digitalen Gütern statt ihrer künstlichen Verknappung. Wie geschrieben: eine Frage der Glaubwürdigkeit.

            Macht es euch einfach und verwendet eine CC-Lizenz für eure Inhalte. Es gibt auch eine weniger freie NC-Variante, die kommerzielle Nutzung nicht erlaubt. Auch darüber kann man diskutieren, aber es wäre ein Einstieg in die Welt der Commons-Nutzung.

            Und am Rande: Was spricht dagegen, statt noindex-Angabe zur Vermeidung einer Duplicate-Content-Bestrafung durch Google die eigene Seite im Header als „canonical“ auszuweisen? Das ist eine offene Frage, ich bin kein SEO-Kenner.

            Schöne Grüße,
            Stefan

            1. Michael HartlMichael Hartl

              Hallo Stefan,

              ja, ist eh anders als CC-Lizenz, was wir machen, aber von der Form her hab ich im letzten Kommentar versucht es so vereinfacht auszudrücken, wie es die CC-Lizenzen auch machen (bis man sich den ganzen Lizenztext ansieht – also den Vertrag, den ich mit dem Kopieren mit dem Urheber eingehe).

              Die Ausweisung des Canonical-Links müssten eben die Seiten machen, die einen Artikel von uns kopieren – und genau das besprechen wir mit Menschen, die einen Artikel von uns auf ihre Seite stellen wollen. Daher ist die Rückfrage echt gut. Für beide nämlich.

              Und da mir der Vorteil eines blinden Kopierens nach wie vor nicht ersichtlich ist, brauche ich auch derzeit keine Erfahrungen mit Creative Commons machen. Denn sonst landen meine Texte unter Umständen auch auf Websites, die ich definitiv nicht mit meiner Lebenszeit und Liebe unterstützen möchte, die in jedem meiner Artikel steckt.

              Würde mich weniger über weitere Erklärungen von Formalitäten oder Vorschläge, welche Ansätze ich wählen soll, freuen. Dahingegen würde mich sehr interessieren, ob eine Idee davon lebt, dass ein Text über sie möglichst oft eins zu eins kopiert wird, oder darüber, dass die Idee von immer mehr Menschen selbst durchdacht wird (z.B. beim Schreiben eines eigenen Artikels mit Bezug auf einen bestehenden) und vor allem in der Praxis von Menschen mit Leben gefüllt wird.

  4. Silke Helfrich

    Lieber Michael, wessen Artikel ist das? Und wessen Interessen beabsichtigst Du zu schuetzen_
    Ich bitte sehr darum, dass er freigegeben wird, tatsaechlich waere ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass dem nicht so sein koennte, wenn Tobi ein Interview mit mir macht.
    Ich fuehle mich durch diese Veroeffentlichungspolitik nicht wertgeschaetzt, sondern eher sehr grundlegend missverstanden..
    Beste Gruesse
    Silke

    1. Michael HartlMichael Hartl

      Liebe Silke, ich habe Deinem bei Tobi platzierten Wunsch nach einer Freigabe des Artikels unter der von Dir genannten Lizenz entsprochen. Hätte ich auch mit der Veröffentlichung bereits so gemacht, wenn darauf hingewiesen worden wäre. Ich bin einfach kein großer Freund von Lizenzen, weil mir das alles zu verkopft ist. Es ist einfach meine pragmatische Art, zu bloggen und tolle Ideen zu verbreiten, selbst wenn ich sie vielleicht nicht alle gleichzeitig in vollem Umfang selbst lebe. Entschuldige, wenn ich Dir damit nicht als Interview-Partnerin eines unserer Gastautoren gerecht geworden bin.

      Alles weitere hab ich recht ausführlich bereits Stefan geantwortet.

      Daraus lässt sich auch ableiten, warum der Artikel nun mit der „Öffnung“ auch auf „noindex“ gestellt wurde.

  5. Stefan

    Wie passt der Artikel und die Einladung zum Teilen zum „Copyright © 2009 bis 2016“ eurer Website? Gemäß Impressum darf ich nicht teilen – außer über die Tools der Konzerne, die die Commons okupieren und privatisieren. Wie passt das zusammen?

    1. Michael HartlMichael Hartl

      Lieber Stefan,

      vielen Dank für Deine Frage. Aus meiner persönlichen Sicht sollte Wissen frei sein, Grundbesitz in Allmenden liegen, etc., keine Frage. Und wenn wir uns da als Gesellschaft hinentwickeln, bin ich voll dabei. Und jede*r, die*der schon mal hier bei uns war, erlebt, wie sehr wir das auch vor Ort schon leben.

      Aber die Welt, vor allem die digitale, ist da eben noch lange nicht. Das simple Kopieren von Texten von z.B. dieser Website und das Einstellen dieser auf anderen Websites sorgt aber leider nicht dafür, dass das Wissen und die Ideen besser verbreitet werden, sondern im Gegenteil. Das sollte Dir als Blog-Betreiber klar sein. Wenn z.B. der oben stehende Artikel auf 5 Websites veröffentlicht wird (und wie meistens technisch (also für Suchmaschinen lesbar) nicht darauf hingewiesen wird, woher der Text stammt, heißt das einfach, das keine der Websites mit dem Artikel gut rankt. Und damit ist der Text versenkt in den Schatten des Internets und wird gar nicht gelesen. Dazu sind die Ideen zu wertvoll in solchen Texten. Die Möglichkeit zu zitieren und auf den Gesamttext zu verlinken ist ja vom Urheberschutz und dem Copyright nicht beeinflusst. Und ist eine wertschätzende und respektvolle Weise, die Arbeit einer Autorin / eines Autoren zu achten.

      Die meisten Aufrufe der Websites kommen eben leider nicht über Mundpropaganda oder Open Source Tools, sondern über Google und Facebook. Und ja, daher ist diese Seite auch TECHNISCH auf die beiden Großen ausgerichtet. Damit der INHALT möglichst viele Menschen erreicht. Da bin ich sicher pragmatisch – aber die Ideen insgesamt sind mir wichtiger als die Frage, ob jede einzelne schon zu 100 Prozent von mir gelebt wird. Ist nämlich bei meinen vielen Idealen in dieser Welt, die real nunmal um mich herum existiert, nicht möglich.

      Alles Liebe,

      Michael

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