alphabet – Angst oder Liebe

Ein Film über die Schattenseiten und Zukunftschancen unseres Bildungssystems

Michael Hartl
Von Michael Hartl
9. Oktober 2013

Update: Der Film ist mittlerweile natürlich bereits auf DVD und als Buch erschienen!

Übermorgen startet ein Film in Österreich, von dem einige von Euch vielleicht schon gehört haben: alphabet. Es ist der neue Film von Erwin Wagenhofer, von dem ihr wahrscheinlich We feed the world und Let’s make money kennen dürftet. In seinem Film alphabet, der am Freitag in die österreichischen Kinos kommt, beschäftigt er sich damit, wie wir uns geistig ernähren – und welche Denkweisen und Haltungen dahinter stehen.

Der Film

Alphabet zeigt verschiedene Perspektiven auf unsere Bildungskultur. Zum Einen natürlich die Schattenseiten, da diese mit dem Film ja kritisiert werden sollen. Da ist ein ständig steigender Leistungsdruck auf die Schüler*innen. Eine immer mehr auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte fixierten Bildungsvorstellung. Stichwort PISA. Da gibt es börsennotierte Unternehmen, deren Geschäftsfeld Nachhilfe und Prüfungsabwicklung für Schulkinder ist. Es wird ein Wettbewerb gezeigt, bei dem sich „CEOs of the Future“ untereinander messen, wer der beste Klon eines heute existierenden Top-Managers ist. Und diese charakterlosen BWL-Maschinen, die dort gezeigt werden, äußern sich auch, dass Leistung für die Firma um jeden Preis eines der wichtigsten Kriterien für Mitarbeiter*innen in der Führungsebene ist.

Bild einer Filmszene aus "alphabet", in der Schüler in Schuluniformen in einer chinesischen Schule sitzen.

Wie wünschen wir uns Bildung für unsere Kinder? So…

Der Film alphabet zeigt aber auch die andere Seite: Da ist zum Beispiel André Stern, der selbst aufgewachsen ist ohne je eine Schule besucht zu haben. Seine Eltern haben seine Interessen, seine Neugier und seine Begabungen gefördert. Und aus ihm ist ein umsichtiger, tatsächlich gebildeter Mensch geworden. Oder der Hirnforscher Gerald Hüther, der nach vielen Jahren der Forschung im Bereich Neurobiologie begann, intensiv dafür zu werben, die Erkenntnisse über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in unsere Art der Bildung zu integrieren. Der zeigt, dass Menschen sich nur selbst bilden können. Wir sie also einladen und inspirieren sollten, anstatt sie zu drillen und zu langweilen. Oder Pablo Pineda Ferrer, der Dank beharrlicher Förderung seiner Eltern und seiner Schule der erste Europäer mit Down-Syndrom ist, der einen Hochschulabschluss hat. Er unterrichtet seit März 2009 als Lehrer an einer Schule in Córdoba.

Unsere Meinung zum Thema Bildung

Wir glauben, dass im Bildungsbereich Veränderungen nötig sind. Darum hat uns der Film sehr interessiert und wir sind dankbar, dass wir ihn schon kurz vor dem offiziellen Kinostart sehen durften. Wie echte Journalist*innen! :) Wir glauben auch, dass die gesamten davon betroffenen Systeme sich aber nur langsam selbst ändern können, selbst wenn sie wollten. Darum wird es in der ersten Zeit Menschen geben müssen, die das selbst in die Hand nehmen. Selbstversorgung mit Bildung sozusagen. Seien es Bildungsangebote die aus Einladungen und Motivation bestehen und an der natürlichen Neugier von Kindern und auch von Erwachsenen ansetzen oder alternativer Heimunterricht oder sonstigen Ideen.

Und während hier Menschen Neues und Anderes ausprobieren, werden ganz nebenbei neue Wege der Bildung getestet. Werden sich erfolgreiche Wege herausstellen. Und durch eine gute Vernetzung der Akteure die zukünftige Art und Weise unserer Bildung erarbeitet werden. Ein erster wichtiger Schritt ist der Film alphabet, in dem die Problematik klar benannt wird und vor allem auch Chancen und Wege aufgezeigt werden. Aus meiner Sicht eine absolute Empfehlung!

Bild einer Filmszene aus "alphabet": Kinder des Waldkindergartens Waldfexxx in Krems sitzen im Wald und spielen.

…oder so?

„Ist es das, was Leben ausmacht?“

Eines meiner absoluten Lieblingszitate aus dem Film möchte ich Euch noch mitgeben, da ich diese Ansicht sehr teile: Jede einzelne Person kann beginnen, etwas anders zu machen. Sicher kann niemand einzeln alles einfach verändern, aber in fast allen Bereichen haben wir enorme Handlungsspielräume, die es auszuprobieren und auszudehnen gilt. Nur so wird Freiheit erlebbar und immer mehr ausgeweitet. Und nur so werden wir eine andere Haltung zum Thema Bildung bekommen.

Ich bin da auch manchmal ein Stück betroffen, denn Menschen haben ja auch eine Chance auszubrechen. Und zu sagen: „Ich lasse mich nicht in diese Ketten legen“. Wie wenige junge Menschen tatsächlich aus diesen Ketten ausbrechen. Und wie viele, wie Lemminge, in diesen Schulen, die ausschließlich den Kapitalismus predigen, und ausschließlich die Profitmaximierung für die eigene Karriere predigen, wie viele junge Menschen sich nicht ent-blöden, sich in dieses Gefängnis zu begeben. Wenn ich 25, 26 bin, hab ich ja durchaus auch ein eigenes Urteilsvermögen und kann sagen, „Ist es das wirklich, was ich will? Ist es das, was Leben ausmacht?“.

Auf der anderen Seite kann man dann natürlich auch fragen, was haben ihnen Lehrer, Eltern mitgegeben, darüber, was Leben ist?

Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit.

Thomas Sattelberger, langjähriger Personalvorstand
u.a. Daimler, Lufthansa, Continental und Telekom

Zum Abschluss dieser Filmempfehlung unsererseits noch der Trailer:

kurz und knapp
Datum
bewertet
Film: alphabet - Angst oder Liebe
Wertung
51star1star1star1star1star
Bitte teile diesen Artikel, wenn er Dir gefallen hat!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

24 Gedanken über “alphabet – Angst oder Liebe

  1. Sindy

    Aktuelle braucht unser Bildungssystem dringend Hilfe, bevor die Politiker das Pflänzchen Hoffnung wieder im Keim ersticken: Droht in den Landtagswahlen ein Machtwechsel in Baden-Württemberg, ist das das Aus für die 271 staatlichen Gemeinschaftschulen im „Ländle“. Die Gemeinschaftschulen sind neben einigen teuren Privatschulen die einzige Schulform, die aktuell ein Lernen ohne Angst ermöglicht , gemeinschaftlich, integrativ und „sozial verträglich“, eigentlich so, wie man sich das wünscht und im Ansatz auch so, wie im Film vorgestellt. Es ist noch nicht alles perfekt, aber der Weg stimmt. Hier kann man aktiv was tun und helfen: Unterzeichnen! Auch Nicht-Baden-Württemberger können ein Zeichen zu setzen und die Pedition für den Erhalt der Gemeinschaftschulen unterschreiben. Wir brauchen 32.000 Unterschriften um politisches Gehör zu erhalten und uns für 30.000 Gemeinschaftsschüler und ihre Schulen einzusetzen und um auch zukünftigen Generationen diese alternative Tür offen zu halten. Bitte macht mit und helft mit:
    https://www.openpetition.de/petition/online/vielfalt-macht-zukunft-gemeinschaftsschueler-im-suedwesten-brauchen-eine-gesicherte-perspektive

  2. Lisa

    ich hab jetzt nicht alle Kommentare gelesen… war doch etwas viel – eh logisch, zu diesem Thema gibt es auch viel zu sagen!

    Ich hab mir den Film natürlich auch angeschaut und hätte am liebsten mitgeheult weil mir die Kinder so leid getan haben. Allerdings hab ich es schade gefunden, dass keine Alternativen (Schulen) gezeigt wurden.
    Wir haben nunmal die Schulpflicht – ob man das für sein Kind will oder nicht – da kommen wir nicht raus. ABER ich hab sehr wohl die Möglichkeit, mich zu entscheiden was und vor allem wie ich meinem Kind etwas auf den Weg mitgebe.

    Meine Tochter besucht die 3. Klasse einer elternorganisierten Schule in Wien und obwohl es echt viel Arbeit ist – ich möchte es nicht anders haben! Die Kinder können mitreden, werden gehört und vor allem werden sie ERNST genommen! Alles ist auf die Kinder abgestimmt und alle ziehen an einem gemeinsamen Strang. Natürlich kommt auch auch (unter uns Eltern) zu Reibereien, aber das gehört zum menschsein einfach dazu.
    Ich genieße es, dass ich so viele Dinge bei meinem Kind miterleben darf, weil es für die Kinder ganz normal ist, dass immer irgendwo ein Elternteil in der Schule herumwuselt, dass sich immer irgendwer Gedanken macht, was man mit den Kindern unternehmen könnte und das dann auch von dem jenigen Elternteil umgesetzt wird, oder auch, dass die Kinder selbst sagen können, was sie gerne machen würden und wir versuchen das irgendwie zu organisieren.
    Es ist ein Geschenk, dass mein Kind das erleben darf!
    Und ich finds traurig, dass Alternativschulen (es gibt ja so viele tolle Sachen) noch in der Minderheit sind und dass wir, die sich für einen anderen Weg entschieden haben, uns oft noch rechtfertigen müssen. Ganz ehrlich – ich könnte ein Regelschulsystem für mein Kind vor mir selbst nicht rechtfertigen.

  3. AHB-Blog(g)er

    Ich schaue zwar keine Fernsehen, empfehle aber trotzdem zum „Vorschauen“ die Sendung von Precht, wo Hüther zu Gast war.
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1720560/#/beitrag/video/1720560/Macht-Lernen-dumm%3F

    Meine persönliche Meinung: Das „Ändern“ des Bildungssystem sollte bereits wesentlich früher anfangen, denn (Eigenzitat – Quelle :D http://www.blog.adelhaid.de/2012/11/bemerkungen-zu-irgendwie-noch-u12.html): „Meiner bescheidenden Ansicht nach beginnt die heutige ‚Volksverdummung‘ oder vielmehr ‚Volkseinschränkung‘ bereits kurz nach der Geburt eines Menschen.“

    Grundsätzlich ist es schon ein wenig befremdlich für mich, dass wir unsere Kinder – so oder so – (eben) von „Fremden (aus)bilden“ lassen.

  4. Markus

    hi ich würde mir gern den Film angucken, aber er läuft bei mir in der Nähe in keinem der Kinos. Also ich hab im Bereich Braunschweig und Oldenburg geguckt. Fals jemand doch ein Kino in der Nähe kennt, wo die Doku läuft wâre es schön die Info dazu zubekommen.

    Vielen Dank im vorraus

    1. Heidi

      Lieber Markus!
      Hier findest du die Termine der Deutschlandpremieren von „Alphabet“:
      http://web.archive.org/web/20131205021825/http://www.alphabet-film.com:80/kinotour.html
      Der Regisseur Erwin Wagenhofer wird selbst dabei sein und steht für Fragen zur Verfügung, in Berlin wird auch Gerald Hüther kommen.
      Ab 31. Oktober läuft der Film vermutlich in vielen Kinos, das hoffe ich jedenfalls. :-)
      Liebe Grüße, Heidi
      http://www.freilerner.at

    1. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

      Hallo Käthe,

      Es gibt die Möglichkeit für Homeschooling in Österreich, so weit ich weiß. Dazu werden wir demnächst vielleicht eine Familie interviewen, die das hier machen, weil das für viele interessant zu sein scheint. Was würdest Du die fragen, wenn Du das Interview machen würdest?

      1. Heidi

        Hallo Michael,
        ich melde mich hier mal zu Wort, denn wir sind „so eine Familie“. :-) Unser Sohn ist 7 Jahre alt und geht nicht in die Schule. „Häuslicher Unterricht“ nennt sich das in Österreich, und es ist ein relativ formloser Akt. Vor Beginn des Schuljahres wird der Bezirksschulrat darüber informiert. Da uns schon seit der Geburt unseres Sohnes wichtig ist, dass er alle Erfahrungen in seinem Tempo macht, werden wir ihn nun auch nicht unterrichten. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch so lernen kann wie André Stern. Jeder Mensch hat dieses Potential in sich. Natürlich ist jeder mit anderen Gaben und Fähigkeiten ausgestattet, aber diese Vielfalt ist ja grade die Chance! Wichtig ist, dass wir aufhören, uns und andere Menschen ständig zu bewerten und zu vergleichen! Es geht nicht um Konkurrenz und darum, wer irgendetwas besser macht – das macht uns alle krank und kaputt – sondern um Kooperation!
        Im „Familiennetzwerk der Freilerner“ – der Plattform für schulfreies Lernen in Österreich – starten wir gerade eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass Kinder im „häuslichen Unterricht“ am Ende eines Schuljahres nicht mehr zur Prüfung über den staatlichen Lehrplan gezwungen werden. Das führt Freilernen nämlich ad absurdum. Wir freuen uns dabei über jede Unterstützung auf diesem Wege!
        Liebe Grüße,
        Heidi

      2. Andreas

        Für mich auch ein ganz spannendes Thema. Mein erster Nachwuchs ist da. In grauer Vorzeit wurde ich, wie viele Anderen auch, mit einer mäßigen Bildung geplagt. Später hab ich durch lesen einiges Wett machen können, aber es klaffen noch massive Lücken. Was unsere Familiensituation so interessant macht ist die Tatsache, dass wir 3 keine gemeinsame Muttersprache haben und uns in einer gemeinsamen fremden Sprache unterhalten (englisch) :-)
        Ok, die Kleine kann noch nix außer schreien, essen und sch**, aber da wächst sie noch hinein. Neben dem Schulkram werden wir als Elternteil sie in allen Bereichen unterrichten, in denen wir Kenntnisse haben. Sprachen, Kampfkunst, Berufe, Kunst (Musik, Zeichnen,..), Handwerk (traditionelles, modernes), einfach alles. Wir beide sind der Meinung, dass man garnicht genug wissen kann. Die arme Vero muss das nun ausbaden ;-) Wir werden sie spielerisch an alles heranführen. Was hängen bleibt ist gut, woran sie sich nicht direkt erinnern wird, hat sie zumindest mal gesehen. Wenn ich es richtig verstanden habe (und daran habe ich meine Zweifel) geht es hier eher darum den Kindern nich wirklich was zu zeigen, und sie einfach mal machen zu lassen? Echt heftig. Ich will nichts schlecht reden, ich habe einfach eine andere Ansicht, aber vieles ist einfach wissenswert und lohnend. Z.B. Mathematik, Physik, Chemie, Geschichte, Biologie,.. Als angehender Selbstversorger wäre ich ohne Kenntnisse darüber, und seien sie noch so gering, absolut aufgeschmissen. Haus sanieren ohne Winkel messen und Flächen berechnen zu können? Die komplexen Zusammenhänge des Nahrungskreislaufs der Pflanzen im Prinzip verstehen, Dinge transportieren ohne Physik (Flaschenzug?) Herstellen einfachster Werkzeuge, durch die Kenntnis wie es vor ein paar hundert Jahren gemacht wurde,.. Ich wünschte mir, ich hätte einfach mehr gelernt, was mir heute mein Leben bedeutend einfacher machen würde. Ich vertrete die Ansicht, dass ein grundlegender Wissensschatz unterrichtet werden sollte. Ob zuhaus oder in der Schule. Wie gesagt, es ist meine persönliche Meinung und soll Andere nicht verteufeln :-)

  5. Geggi

    http://www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren

    Ein letztes Mal noch ein „Aber“, und dann lass ich es.
    Ich finde euren blog übrigens wirklich gut, auch wenn ich mich wieder aufs leise mitlesen zurückziehe.;)

    Nur kurz, ich bin seit Jahrzehnten Anhängerin der Reformpädagogik, habe Montessoriausbildung, zwei selbstorganisierte Kindergärten mitbegründet, arbeite mit Kindern, Lehrern und Eltern… habe Hüther und Juul mehrfach aus Interesse persönlich erlebt, aber was sie verbreiten ist Glaube/Ideologie nicht Wissenschaft.

    Lg Angelika

    1. Michael HartlMichael Hartl Beitrags Autor

      Liebe Angelika,

      ich find es super, wenn Du Dich äußerst, musst Dich sicher nicht aufs leise mitlesen zurückziehen. Mich würde sogar noch mehr interessieren: Was genau würdest Du den Herrn Hüther fragen, wenn Du könntest. Ich werde nämlich versuchen ihn zu interviewn. Und da wird der von Dir verlinkte ZEIT-Artikel sicher auch eine Rolle spielen.

      Hüther ist ja nur eine der Personen, die im Film gezeigt werden – und vielleicht der radikalste, ja. Insgesamt habe ich bei dem Film aber nicht den Eindruck bekommen, dass es darum geht, die Schule abzuschaffen oder die Arbeit der Lehrer*innen schlecht zu reden. Im Gegenteil sogar. Um was es geht, ist eine Diskussion über Bildung auszulösen – und wenn man sich die verhärteten Glaubenssätze in der bestehenden Haltung zur Bildung ansieht, könnte es schon sein, dass sich einzelne „Reformer“ dann eben genauso radikal äußern – eben in der Gegenrichtung. Das dabei vereinfacht und verkürzt wird, ist natürlich Folge eines öffentlichen Diskurses, der Nicht-Fachleute nicht ausschließen will. (Und auch nicht darf.)

      Das Hüther selbst nicht zum Thema geforscht hat und nicht aus dem Bereich Pädagogik oder ähnlichem kommt, mag ihm Fachexpertise nehmen und vielleicht überraschen – aber deswegen muss er nicht zwangsläufig Unrecht haben. Danke Dir aber auf jeden Fall fürs kritische Hinterfragen und darauf Hinweisen: Man sollte stets bemüht sein, alles im richtigen Licht zu sehen.

      Und natürlich gibt es keine Musterrezepte, die für alle Kinder gelten können – weder von Hüther, noch im bisherigen Bildungssystem. Darum bin ich für mehr Freiheit. Warum nicht verschiedene Schulsysteme parallel? Inklusive Homeschooling? Begleitet von Fachleuten, die gemeinsam mit den Eltern darauf achten, dass für das jeweilige Kind die passenden Bildungswege gefunden werden? Einfach mal so dahingedacht….

      :)

    2. Lisa PflegerLisa Pfleger

      Liebe Angelika!

      Danke , dass du uns auch andere Meinungen präsentierst. Da wird ja ganz schön eingehauen auf den Herrn Hüther. Zurecht? In gewissen Punkten wahrscheinlich schon, aber ich weiß es nicht. Ich finde der Artikel ist zum Teil auch ganz schön aufgbauscht. Immerhin kritisiert der Autor ziemlich überdramatisch, über die mitreissende Rhetorik Hüthers. Bzw. kritisiert generell Punkte, die man aber auch anders sehen kann. z.B: Kann man sagen Hüther versucht mit seiner Art des Performens Leute zu manipulieren oder man kann sagen „er schafft es Leute mitzureissen“. Man kann auch sagen „er will mit seinen vielen Büchern nur Geld machen“ oder man kann sagen „Ihm ist das Thema einfach verdammt wichtig“. Was ich schon auch kritisch sehe ist, wenn er tatsächlich so sehr betont, dass er „Hirnforscher“ usw ist und somit vielleicht gewisse Erwartungen bzgl seiner Kompetenzen erzeugt, die eventl. nicht gegeben sind. Aber andererseits denke ich mir, wer heutzutage in Begriffe wie „Forscher“ und „Wissenschaftler“ die absolute Überkompetenz reininterpretiert… tja, da sind wie wieder beim Thema Bildung, Mündigkeit usw… :)

      Von daher Danke nochmal für den Hinweis. Ich bin auch stark dafür alles zu hinterfragen – aber eben auch wiederum diesen Artikel.

      Nun noch Punkte, die in diesem Artikel kritisiert werden, aber mit dem Film alphabet nicht viel zu tun haben.

      „alphabet“ kein Film über Herrn Professor Hüther. Er kommt darin vor, aber es dreht sich nicht alles um ihn :)

      Im Zeit Artikel ist immer wieder die Rede davon, dass sich Lehrer so beleidigt fühlen müssen. Allerdings – soweit ich mich erinnere – werden im Film in keinem einzigen Wort LehrerInnen beschuldigt.

      Ich für mich selbst habe nach dem Film das Bild, dass es ja nicht darum gehen soll die Schule abzuschaffen – ich glaube auch selbst nicht, dass alle Kinder so selbstständig lernen können wie der im Film gezeigte André Stern. Und ich denke er wurde ja auch von Eltern, Umfeld oder sonstiges inspiriert. Weiß ich aber nicht. Kinder im momentanen System den Eltern zu überlassen würde wahrscheinlich auch ordentlich nach hinten losgehen (Marcel hat dazu auch etwas in seinem Kommentar geschrieben)

      Maßgeblich wird im Film die fast alleinige Ausrichtung auf die Wirtschaft getrimmt. Ich glaub es sagt ja auch niemand, dass man Bildung –gar nicht- mehr auf die Wirtschaft ausrichten soll. Nur die Gewichtung liegt halt im Moment sehr arg dort. Und das kann es halt nicht sein.

      Was für mich halt auch die spannende Sache ist, wie motiviert man SchülerInnen? Oder scheitere ich da vielleicht schon an der Fragestellung? Ich habe ja selbst erlebt, dass LehrerInnen total bemüht sind und trotzdem, obwohl ich das als SchülerIn gecheckt habe, war ich oft gelangweilt.

      Erst wollte ich schon als Argument bringen „Ja, aber aus der Schule vergisst man ja so gut wie alles wieder! Wenn ich aus Eigeninteresse Kräuterbücher durchblättere, merke ich mir auch total viel ohne es auswendig lernen zu müssen“ – allerdings fiel mir dann selbst ein, dass ich es ja aus Interesse wieder und wieder lese und wieder nachlese – also somit auch viel Wiederhole… und wiederum lese ich oft aus eigener Motiviation und Interesse einen Artikel oder sonst was und vergesse trotzdem danach wieder fast alles, weil ich es nur einmal gelesen und mich sonst nicht damit beschäftigt habe. Und dann ist noch die Frage ob man sich überhaupt alles merken muss *g* Das ist vielleicht auch eine etwas hochgegriffene Erwartung, dass man sich alles merken muss, damit es was bringt haha. Aber gut, das ist ja nicht die einzige Kritik am Bildungssystem.

      Jedenfalls ein spannendes und komplexes Thema :) Ich hoffe, dass es (noch mehr) Aufmerksamkeit findet und wir als Gesellschaft vernünftig damit umgehen. (und eben nicht Anti-Schul-Gurus anhängen und blind Ja und Amen sagen und nach neuen Glaubenssätzen handeln)

      Ach ja! Solltest du konkrete Fragen an Gerald Hüther haben, immer her damit! Wir werden ihn demnächst interviewen und da müssen wir auch an kritischen Fragen nicht sparen ;)

    3. bine

      Danke für den Link zum Artikel über Hüther & Co. Da ich bisher sehr viel von Gerald Hüther hielt, hab ich ihn aufmerksam gelesen und war ziemlich überrascht, um nicht zu sagen schockiert. Mit seinem konkreten Hintergrund hatte ich mich noch nicht beschäftigt.

      Aber der Zeit-Artikel scheint mir ziemlich einseitig, deshalb möchte ich dazu etwas anmerken:

      „Die Liste seiner Zeitschriftenbeiträge ist ebenfalls bemerkenswert lang. Mit neurobiologischer Forschung im strengen Sinn aber haben Aufsätze wie Zitronenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen (veröffentlicht in der Zeitschrift Gralswelt) nur wenig zu tun. Das Gleiche gilt für seine DVDs (Die Grenzen der Selbstvermarktung, 9,95 Euro).

      Letzteres stimmt tatsächlich. Stattdessen hat Hüther viele Jahre lang in der neurobiologischen Grundlagenforschung gearbeitet, Untergebiet Neurochemie. […] Bald danach versiegte Hüthers Publikationstätigkeit in seriösen Fachzeitschriften.“

      Das finde ich schon ziemlich unfair. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, Hüther hätte nie über längere Zeit ersthaft seriöse Forschung betrieben und sei mehr oder weniger ein Schwindler. Da hab ich mich schon gefragt, wie er denn zum Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. wurde und wieso er eine außerplanmässige Professur erhalten hat, wenn man ihn bloss „gewähren“ lässt..

      Schaut man sich seine Publikationsliste an, finden sich seriöse wissenschaftliche Fachartikel von den Jahren 1981 bis 2005. Neurobiologische Fachartikel. Neurobiologie gehört zu den Neurowissenschaften, deshalb muss man ihn nicht als „Hirnforscher“ bezeichnen, sondern kann getrost Hirnforscher (ohne „“) sagen. Die Titel seiner Artikel lassen vermuten, dass er überwiegend Tierversuche gemacht hat, ja. Das ist wohl typisch für Neurobiologen. Es finden sich aber auch Artikel aus der Humanforschung (z.B. zu chron. Schmerzpatienten und im Bereich Schlafforschung).

      Offenbar hat er aber tatsächlich die Arbeit an wissenschaftlichen Fachartikeln im Jahr 2006 (im Alter von 55) eingestellt und scheint sich nun auf einer „Mission“ zu befinden und dabei in fremde Fachgebiete reinzureden. Immerhin trägt er damit zu einer gesellschaftlichen Debatte bei, anstatt sich im Elfenbeinturm zu verschanzen. Er will offenbar etwas bewegen und etwas verbessern und es scheint ihm sehr am Herzen zu liegen. Anstatt ihn einseitig zu diskreditieren gäbe es sicher konstruktivere Möglichkeiten sich mit ihm auseinander zu setzen. Zumindest sollte man fair sein und anerkennen, dass er viele Jahre ernsthaft auf einem Teilgebiet der Neurowissenschaften geforscht und in anerkannten Fachzeitschriften publiziert hat.

  6. Marcel

    Hallo Michael, und alle Anderen,

    ich studiere Musik und Germanistik für Grundschule, und kann aus Studentensicht daher ein klein wenig dazu sagen.

    Die wichtigen Prämissen: „Das höchste Ziel der Erziehung ist die Mündigkeit des Kindes“ , „Lernen ist ein aktiver, selbsttätiger Prozess jedes Einzelnen“ , „Schüler- und alltagsorientierter Unterricht“ wird uns in sämtlichen Pädagogik-Seminaren als essentiell mitgegeben.

    Leider gibt es Studien, die zeigen, dass studierte LehrerInnen nach 8 Semestern Studium dann DOCH dieselben Muster anwenden, wie sie selbst noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen – Frontalunterricht.

    Aber die MÖGLICHKEITEN sind da: Hochbegabtendiagnostik- und förderung, mannigfaltige Sozialformen (Gruppenarbeit, Expertengruppen, Lernen durch Lehren usw.) etc. stellen wichtige Inhalte eines modernen Pädagogikstudiums dar.

    Wie es nach der weiteren Streichung von Lehrerstellen, 28 Schülern pro Klasse, sehr hohem Migrantenanteil mit schlechten Deutschkenntnissen, schlechter und diskriminierender Bezahlung, dreistufigem Schulsystem usw. aussieht – also: in der Praxis – ist noch einmal etwas Anderes, als die ideale Welt, wie sie im Lehrbuch für Pädagogik steht.

    Aber, was auch sehr offen von jedem Dozenten zugegeben wird: Der Lehrplan richtet sich schamlos an ökonomischen Interessen aus. Der eigene Spielraum als Lehrer wird durch Bürokratie, Zurechtweisung von „oben“, allen Seilen, die an einem zerren (Eltern, Schüler, Gesellschaft, Politik, Ökonomie) stark beschränkt.

    Ob ich nach jetzt 5 Semestern noch illusioniert, und vom romantischen Beruf „Lehrer“ träume? Nein. Bildung ist die Möglichkeit für Befreiung – vom Konsum, zwieträchtiger Politik, Werbung, schlechter und falscher Ernährung. Kritische, analytische Lesekompetenzen maßgebend für das selbstständige Überleben in einem Land. Hierfür kann Schule ein essentieller Lehrraum sein.

    Wer unter Bild-Zeitung, Pro7, McDonalds und der neusten „musst-du-unbedingt-haben“-Mode ohne Reflexion aufwächst, ist dazu verdammt, ein Lemming im System zu sein. Im Nachhinein kann jedoch immer gesagt werden: Das Elternhaus gewinnt. Was immer in der Schule „gelehrt“ wird, fällt im subjektiven Ermessen des Schülers in aller Regel weniger gewichtig aus, als das, wovon Papa und Mama überzeugt sind. Bildungsferne im Elternhaus .- ein Verbrechen an den eigenen Kindern? Wohl so…

    Damit hieraus kein Roman wird, verbleibe ich mit: Euer Blog ist sehr inspirierend und zeigt, wozu zwei Menschen, die Leidenschaft, Wissen und Motivation vereinen, fähig sind. Weiter so! Und Danke!

    1. Jenneke Mulder

      Ich glaube man soll sich aus alles das beste daraus machen, wieso versuchen Lehrer*innen dann nicht, soviel wie möglich Spaß an ihren Job zu haben? Das geht nur, wenn die Kinder auch Spaß ans lernen haben!

    2. Lisa PflegerLisa Pfleger

      Danke für deinen Beitrag Marcel (und die Komplimente :o))

      Ich kann deine Eindrücke als ziemlich übereinstimmend mit meinen bestätigen. Als angehende (Umwelt)pädagogin ist mir während dem Studium auf jedenfall auch die Lust vergangen im klassischen Schulsystem zu arbeiten. Zum Glück ist das für meinen Zweig der Bildung ja eh nicht so vorgesehen, weil es „Umwelterziehung“ nicht als eigenes Unterrichtsfach gibt. Dennoch haben wir viele Einblicke in die normale Schulpraxis bekommen und da kann einem nur schlecht werden. Alleine von den Arbeitsbedingungen der Lehrer*innen her… und als Dank wird auch noch von allen Seiten auf sie eingehauen? Na dankesehr, da kann ich drauf verzichten :( „Lehrer*in“ im klassischen Schulsystem scheint mir einer undankbarsten Tätigkeiten überhaupt zu sein. Sehr fatal das Ganze…

      Ich sehe mich da eher ausserschulisch mit all den Themen, die eben nichts mit Trimmmen-auf-Wirtschaft zu tun haben. Langsam aber sicher werden wir das angehen hier, ganz im Kleinen. Auch wenn ich mir davon kein Einkommen erwarte ganz nebenbei gesagt ;)

      Dazu möchte ich übrigens nur ermutigen. Es gibt nicht nur den Weg, mit einer Leher*innenausbildung klassisch danach in einer Schule zu unterrichten. Alles andere scheint zwar unmöglich (so wie ich auch sage, dass ich mir kein Einkommen davon erwarte) aber doch gibt es Möglichkeiten. Verein, Spenden, EU-Förderungen, usw.. alles mühsamer als den klassischen Weg zu gehen, aber probieren kann man es ja :) Viel Glück!

  7. Bettina

    Wenn die Kinder WIRKLICH Wichtiges in INTERESSANTER Form lernen sollen, dann bleibt auch was hängen. Aber nur Sachen lernen, die in einigen Jahren KEIN MENSCH mehr braucht und noch dazu so TROCKEN und wirklichkeitsfremd eingetrichtert bekommen ist ein Grund zum „einschlafen“.

Schreib uns Deine Meinung!

Wir freuen uns darüber, dass du zum Thema beitragen willst.

Mit dem Absenden dieses Kommentars akzeptierst du die Kommentar-Richtlinien.