Ein Gastartikel auf Lisa und Michaels Blog:

Alles muss sich ändern!

Eine Welt frei von Herrschaft, Eigentum, Kontrolle, Grenzen, Konkurrenz, Repräsentation, Anführer_innen, ...

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
18. August 2016

Nach dem Interview mit Friederike Habermann unter dem Titel „Ecommony – UmCare zum Miteinander“ und Van Bo Le-Mentzel „Der Karma-Ökonom“ sowie Nathalie Marcinkowski zu den „6 Wurzeln des Glücks“ gibt es nun das vierte Interview im Vorfeld der Utopie-Ökonomie-Konferenz UTOPIKON mit der Referentin Hanna Poddig, die zum Thema „Arbeit“ einen Workshop geben wird.

Hanna Poddig ist seit etwa 15 Jahren in der ein oder anderen Form politische Aktivistin, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Kampf gegen Atomkraft und ist darüber hinaus in einem Übersetzungskollektiv mit dem sie anarchistische Texte aus dem amerikanischen ins deutsche übersetzen. Ein spannendes Interivew mit vielen Impulsen über Arbeit, Herrschaft, Geld und Veränderung, denn alles muss sich ändern!

Foto von Hanna Poddig bei einer Blockade und Polizist*innen bei ihrer Arbeit.

Was genau ist Arbeit?

TR: Was bedeutet Arbeit im Allgemeinen?

Hanna Poddig: Ich habe viele Lesungen aus dem Buch „work“ von crimethinc (was wir übersetzt haben) gemacht und neben dem darin vertretenen Bild von Arbeit auch viele Diskussionen darüber geführt. Wenn ich eins sagen kann, dann, dass der Begriff „Arbeit“ mir jedenfalls ohne eine Klärung, wer damit eigentlich was meint, immer untauglicher erscheint, je länger ich damit zu tun habe.

Aus work: „Was genau ist Arbeit? Wir könnten sie als eine Tätigkeit definieren, die dem Zweck dient Geld zu verdienen. Aber sind Sklaverei und unbezahlte Praktika nicht auch Arbeit? Wir könnten daher sagen, es ist eine Tätigkeit, die für irgendwen einen Profit anhäuft, ob es nun der arbeitenden Person nutzt oder nicht. Aber bedeutet das, dass eine Tätigkeit sofort zu Arbeit wird, sobald du dadurch an Geld kommst, selbst wenn es vorher nur Spiel und Spaß war? Vielleicht könnten wir Arbeit als eine Betätigung definieren, die uns mehr nimmt als sie uns gibt, oder die uns von Anderen aufgezwungen wird.“

The Work Buchcover

Das Buchcover des Buches „Work“

Eine der beängstigendsten Fähigkeiten des Kapitalismus ist es, …

TR: Warum müssen wir, trotz all des technischem Fortschritts, mehr arbeiten als je zuvor?

Hanna Poddig: Eine der beängstigendsten Fähigkeiten des Kapitalismus ist es, sich immer weiter voranzufressen und auszubreiten. Neben der recht offensichtlichen territorialen Ausweitung (also der Ausbeutung von Ressourcen überall, dem Erschließen immer neuer Märkte und damit zwingend auch den militärischen Konflikten um die „Offenhaltung des Zugangs zu Märkten und Rohstoffen“) handelt es sich dabei auch um eine soziale Ausdehnung: Kapitalismus dringt in immer mehr Bereiche unseres sozialen Miteinanders ein. Immer mehr Dinge, die mal eindeutig privat waren, sind heute kapitalistisch verwertbare Wirtschaftszweige. Allerdings sehr unberechenbare und unstete. Viele Menschen sind daher heute permanent gezwungen, an sich zu arbeiten, sich darzustellen, sich zu vermarkten, sich andauernd umzugucken nach neuen Arbeitsmöglichkeiten, dem Idealbild vom eigenen Lebenslauf hinterherzurennen.

Sie verarschen dich doppelt: mit dem, was sie dir geben, und mit dem, was sie dir nehmen.

TR: Wie kommt es, dass je härter wir arbeiten, wir letztendlich im Vergleich zu unseren Chef*innen umso ärmer werden?

Hanna Poddig: Solange wir die Grundlagen der Lohnarbeit nicht infragestellen, wird Arbeit immer zwingend zu einer Umverteilung von Reichtum von unten nach oben führen, weil Lohnarbeit nur an Orten entsteht aus denen sich Profit machen lässt und in den allermeisten Fällen auch nur entsteht, um Profit zu machen. Das fiese daran: es geht den meisten so und wenige profitieren.

Wieder dazu Work: „Du brauchst einen Job, um deine Miete oder einen Kredit zu bezahlen, und um dir andere Dinge leisten zu können – aber wurde das Haus, in dem du lebst, nicht von Leuten wie dir gebaut? Von Leuten, die auch arbeiten mussten, um ihre Miete zu bezahlen? Dasselbe gilt für all die anderen Dinge, für die du Geld verdienen musst, um sie dir leisten zu können. Andere wie du haben sie hergestellt, aber du musst sie von Unternehmen kaufen, die so sind wie das, bei dem du angestellt bist. Unternehmen, die dir weder so viel Geld zahlen, wie deine Arbeit ihnen einbringt, noch ihre Produkte zu dem Preis verkaufen, den es kostet, sie herzustellen. Sie verarschen dich doppelt: mit dem, was sie dir geben, und mit dem, was sie dir nehmen.“

Pyramide der Hierarchie

Plakat aus dem Buch „Work“

Menschen Mut zu machen und Kampfgeist zu wecken

TR: Warum konzentrieren sich die Leute einzig darauf, ihre Jobs zu retten, wenn die Wirtschaft zusammenbricht – obwohl eigentlich von vornherein keine*r die Arbeit mag?

Hanna Poddig: Wir alle stecken in absurd vielen Zwängen, haben oft Angst, daraus auszubrechen, sehen keine Perspektiven oder nicht ausreichend Mitstreiter_innen. Wer die enorme Kraft von Widerständigkeit nicht selbst erlebt hat, kann sich die selbstermächtigende Wirkung kaum vorstellen, die es haben kann, aktiv für die eigenen Interessen einzutreten. Eine erste Herausforderung für eine Bewegung, die eine Welt frei von Lohnarbeit und dauernder Entfremdung erstreiten möchte, ist also, Menschen Mut zu machen und Kampfgeist zu wecken. Aber verklären will ich den Widerstand damit auch nicht, denn auch der ist… tja, harte Arbeit? Damit wären wir eben wieder beim Arbeitsbegriff…

TR: Kennst Du Ideen oder konkrete Konzepte wie viel „Arbeit“ notwendig ist, um die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen?

Hanna Poddig: Neben dem „Arbeit“ ließe sich ja auch das „Grundbedürfnisse“ in Anführungszeichen setzen, denn wer sollte oder könnte schon anhand wovon eigentlich festlegen, was das sein sollte. Wäre es nicht anmaßend von mir zu behaupten, dass in der Welt in der wir leben Teilhabe an Kultur und globaler Kommunikation ein verzichtbares und eben kein Grundbedürfnis ist? Tatsächlich gibt es verschiedenste Studien wie viele Stunden Menschen investieren müssten, um nicht zu hungern und ein Dach über dem Kopf zu haben sowie eine gewisse medizinische Versorgung. Mir erscheinen solche Überlegungen jedoch garnicht so spannend, wie der konkrete Blick in mein Umfeld. Was tun die Menschen den ganzen Tag und was davon erfüllt irgendwelche Bedürfnisse, die mir für eine lebenswerte Welt sinnvoll erscheinen? Es mag etwas pathetisch klingen, aber im Grunde halte ich es da mit dem kleinen Prinzen, der mit der durch die Anti-Durst-Pille gewonnenen Zeit ehrlich nichts besseres anzufangen weiß als Wasser holen zu gehen, eben weil er darin keine Arbeit im negativen Sinne sieht. Es geht also nicht oder eben nur zum Teil um die tatsächlich zu erledigenden Tätigkeiten, sondern auch ganz maßgeblich um unsere Wahrnehmung dieser Tätigkeiten und den Grad ihrer Entfremdung.

Alles sollte sich ändern!

TR: Was sollte sich ändern?

Hanna Poddig: Alles! Also, im Ernst: Ich glaube, dass wir es mit einer ganzen Menge miteinander verwobener Probleme zu tun haben: Herrschaft, Eigentum, Regierungen, Kontrolle, Grenzen, Konkurrenz, Repräsentation, Anführer_innen. All das sind verinnerlichte und über lange, lange Zeit immer wieder reproduzierte und dadurch festgeschriebene Dinge, die auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt gehören.

Überwindung der herrschenden Zustände

TR: Wie ist konkreter Widerstand möglich?

Hanna Poddig: Ich glaube, dass es zur Überwindung der herrschenden Zustände sowohl entschlossenen und kompromisslosen Widerstand auf der Straße braucht, wir aber nicht den Fehler machen sollten, die Mechanismen und Probleme in unserem eigenen Verhalten wegzudefinieren oder zu verharmlosen. Auch wir tragen diesen ganzen Mist in uns und können zumindest versuchen, ihn uns bewusst zu machen und anderes Verhalten auszuprobieren.

Das zu begreifen sollte uns aber keinesfalls dazu bringen, uns „erstmal“ nur noch mit uns selbst zu beschäftigen, denn damit würden wir den Kampf an den Atomanlagen, Regierungssitzen, Gentechnikfeldern und am Arbeitsplatz auf den St.-Nimmerleinstag verschieben.

Wie der Widerstand dann konkret aussieht muss im Einzelfall entschieden und jeweils der Situation angepasst werden, da gibt es in meinen Augen kein Patentrezept. Ich glaube aber, dass Unberechenbarkeit und eine Mischung verschiedenster Taktiken von Betriebsbesetzungen über Tortenwürfe, von Demos über gefälschte Flugblätter, von fundierten Recherchen bis hin zu militanten Aktionen hilfreich sind, um erfolgreich zu kämpfen.

Ich versuche Privateigentum zu überwinden

TR: Versuchst Du schon heute Teile Deiner Gesellschaftsutopie zu leben und wenn ja, wie?

Hanna Poddig: Die Frage macht ein sehr großes Fass auf und wir könnten uns darüber vermutlich auch eine ganze Weile lang austauschen. Ich belasse es daher an dieser Stelle erstmal bei ein paar exemplarischen Einblicken: Ich versuche Privateigentum zu überwinden und mir sowohl Gegenstände wie auch Geld mit anderen Menschen zu teilen, ohne dabei durchzurechnen oder festzuhalten, wie viel von wem in die Gemeinschaft gegeben wurde. Ich hab außerdem an mich den Anspruch, meine zwischenmenschlichen Beziehungen nicht in Kategorien (wie z.B. Freundschaft/ Liebesbeziehung/ Kolleg_innen) einzuteilen, sondern mit Menschen jeweils individuell auszuhandeln, wie wir zueinander stehen und was uns verbindet. Darüberhinaus bin ich an verschiedenen Strukturen beteiligt, die die Gründung oder die weitere Existenz von widerständig-alternativen Wohn- und Politprojekten sicherstellen bzw ermöglichen sollen, wovon ich selber natürlich auch profitiere (beispielsweise durch die Möglichkeit Konzerte zu besuchen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, Unterstützung beim Fahrradschrauben in offenen Werkstätten zu erhalten oder T-Shirts mit Siebdruck selber zu verschönern).

TR: Was bedeutet ‚Arbeit‘ für Dich im Alltag?

Hanna Poddig: Meine Semi-Bekanntheit versetzt mich in eine privilegierte Lage, weil ich immer wieder als Referentin eingeladen werde und über Veranstaltungshonorare und Büchertische so ein wenig Geld einnehme (auch wenn ich Geld eigentlich eine wirklich blöde Erfindung finde; das aber nur der Vollständigkeit halber nebenbei). Ich hoffe, dass es auf meine Veranstaltungen keinen Einfluss hat, ob ich dafür Geld bekomme oder nicht. Aber ob ich mich davon gänzlich freisprechen kann? Ich weiß es nicht. Jedenfalls bin ich in der Situation, nicht gezwungen zu sein, irgendeine blöde andere Lohnarbeit anzunehmen, was aber sicherlich auch daran liegt, dass ich z.B. keine Mietkosten habe und viel nomadisch lebe. Um auf die eigentliche Frage zurück zu kommen: Ob die vielen Sachen, die ich so mache und die auf meinen langen to-do-Listen stehen nun „Arbeit“ sind oder nicht ist mir relativ egal, solange es mir gelingt, ab und an auch mal Feierabend zu machen und mich nicht selbst damit stresse, immer noch effizienter sein zu wollen.

Hanna Poddig Buchcover Radikal Mutig

Nun seid ihr dran! Was sollte sich eurer Meinung nach ändern?

Ab in die Kommentare damit. Lasst uns in den Austausch kommen.

Bitte teile diesen Artikel, wenn er Dir gefallen hat!
Dieser Artikel ist ein Gastartikel. Vielen Dank an die Gastautorin bzw. den Gastautor. Dieser Blog "Experiment Selbstversorgung" wird von Lisa Pfleger und Michael Hartl betrieben. Solltest Du auch eine Idee für einen Gastartikel haben, lies Dir gerne unsere Informationen dazu durch!
Dieser Artikel ist mehr als ein Jahr alt. Es muss daher nicht sein, dass wir jedes einzelne Wort immer noch so schreiben würden wie damals. Wenn Fragen sind, kommentiere einfach zum Artikel, dann antworten wir Dir gerne.

5 Gedanken über “Alles muss sich ändern!

  1. Chris

    Guter Artikel es ist ein großer Wunsch von mir in einer solchen Welt zu leben, endlich mal Freiheit und Unbhängigkeit zu fühlen.Leider muss ich immer wieder feststellen,dass der Mensch dazu neigt sehr ignorante und egoistische Entscheidungen zu treffen und ich hoffe dass wir eines Tages alle an einem Strang ziehen (wenn nicht unseres wegen dann wenigstens unserer Kinder oder Kindeskinder zuliebe).
    Greetz chris

  2. heide

    es gibt nur eine möglichkeit
    veränderungen herbei zu führen
    und das wären grosse kollektive
    die nachhaltig wirtschaften..

    zunächst muss es eine bodenreform
    geben mit PERMaKULTUR
    dann muss niemand mehr arbeiten gehen
    und wir werden frei von fremdversorgung ..

    gleichzeitig cyceln wir alle überschüsse UP
    und erproben und verbreiten die vegane ernährung..

    unweit des lernortes wuppertal
    und der wuppertaler freilichtbühne
    steht nun ein hof zur miete
    wo sich eine WG ansiedeln kann
    um einen anfang zu machen ..

    leider ist hier aus en eigenen reihen
    noch niemand dazu bereit
    weil das unbequem ist und
    bedeutet verantwortung zu übernehmen ..
    die meisten leut sind dafür zu bequem..

    daher seid ihr nun gefragt
    euch einzubringen ..

    lg heide

    1. adama

      Hallo Heide,
      ich bin bereit. noch lebe ich fast allein auf einem Selbstversorgerhof.
      Doch der darf neue Hüter erfreuen, da mir Gemeinschaft zum Entwickeln von neuen menschengerechten Strukturen sehr wichtig ist.
      alles Liebe
      Adama

  3. Robert

    Alle Aussagen in dem Artikel sind leider vollkommen richtig, auch die Bereitschaft gegebenenfalls zu kämpfen. Natürlich ist zu hoffen dass es ohne körperliche Gewalt möglich ist und noch gibt es Hoffnung: immerhin ist auf friedliche Weise sogar das kommunistische Unrechtsregime weggefegt worden, das gegenüber den jetzigen Herrschaftsstrukturen noch deutlich unmenschlicher war. Aber auch die jetzigen Herren in Wirtschaft und Politik sind radikal in ihren Mitteln uns zu knechten und nehmen uns fast alle Freiheit – weit über den notwendigen Schutz jedes Einzelnen vor Übergriffen hinaus, also völlig ungerechtfertigt. Und die Tendenz ist leider zu völliger Unfreiheit, mit den Mitteln der Konsumideologie und der totalen finanziellen Abhängigkeit. Noch schlimmer: das Wirtschaftssystem tötet derzeit schon zig Millionen Menschen jährlich (z.B. Tabak: 6 Millionen, Luftverschmutzung: 6 Millionen, Verkehr: 1,25 Millionen) und zerstört die Welt unserer Nachkommen, das sogar zusehends beschleunigt. Dagegen ist allerdings jede Art von Widerstand nicht nur gerechtfertigt, sondern eine moralische Pflicht.

Schreib uns Deine Meinung!

Wir freuen uns darüber, dass du zum Thema beitragen willst.

Mit dem Absenden dieses Kommentars akzeptierst du die Kommentar-Richtlinien.