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30. November 2011

Unerwarteter Besuch

Da Lisa, Elsa und Simon Anfang der Woche nicht hier waren, war geplant, dass ausschließlich ich am Hof sein werde. Auch Montag Abend war einer der bevorstehenden Nächte, die ich lediglich mit den drei Katzen, die hier durch Garten und Umland streifen, alleine sein sollte. Eine Situation, die ich durchaus mag, von Zeit zu Zeit. Alleine mit meinen Gedanken, nur ein wenig Ablenkung durch die Natur um mich herum, werden die Gedanken nach einer Weile ruhiger und klarer. Ideal um ein wenig über das Leben und über getroffene, oder nicht getroffene, Entscheidungen der letzten Monate nachzusinnen und vor sich selbst zu verantworten.

Aber nicht so am Montag Abend.

Als es begann dunkel zu werden, machte ich, was ich jeden Tag versuche zu tun. Ausreichend Holz für den Abend und den nächsten Morgen in die Stube tragen, einige Liter frisches Wasser vom Brunnen hereinholen und Abwasser- und Komposteimer nach draußen bringen. So lässt sich dann der Abend in einer wohlig, warmen Stube verbringen und der nächste Morgen geht ruhiger los, denn vor dem Frühstück müssen weder Holz noch Eimer geschleppt werden.

Wer steht da vor der Tür?

Als es draussen schon seit zwei oder drei Stunden komplett finster war, klopft es plötzlich. Ein ganz deutliches Klopfen. Kurz denke ich an Gespräche mit vielen Menschen, die mein Interesse am Leben und manchmal allein sein – hier draussen ohne Nachbar*innen weit und breit – nicht nachvollziehen können. Viele sagen mir, sie hätten Angst, in dieser Dunkelheit. Und Angst davor, dass plötzlich ein aggressiver oder böser Mensch käme und ihnen sonst was antun würde. Ich muss schmunzeln, denn ich glaube nicht an „die böse Welt“, die Horrorfilme, Thriller, Krimis und Nachrichten in den Köpfen der Menschen als quasi „eigene Erfahrung“ entstehen lassen.

Ich gehe also zur Haustür und öffne sie. Davor steht ein Mann, vielleicht fünf Jahre älter als ich. Sein vollgepackter Rucksack, mit daran festgeschnürter Isomatte und Schlafsack, genau wie seine Wanderstiefel lassen schon mal anklingen, dass er nicht mit dem Auto hier ist und bei der Dunkelheit und den Minusgraden sicher bleiben möchte. Obwohl ich ihn nicht kenne, mach ich das einzige, dass ich für menschlich und angebracht empfinde: Ich rufe die Polizei. Nein, natürlich nicht. Ich bitte ihn in die Stube, versorge ihn mit warmen Essen und Tee und zeige ihm, in welchem Bett er hier bei uns schlafen kann.

wanderstiefel Unerwarteter Besuch

Von Birnen und Burgen

Im Laufe des Abends lerne ich in seiner angenehmen Gegenwart viel über alte Obstbaumsorten, die Wälder und Berge Tschechiens und darüber, warum jemand, der zuvor schon die drei wundervollsten und teils urspünglichen Wälder Tschechiens besucht hat, in unsere Industrie- und Monokultur-Region kommt. Weil wir die interessanteste Steppenvegetarion an den Hügeln und die schönsten Burgen und Schlösser Tschechiens haben.

Am nächsten Morgen steuerte er verschiedenste Birnen alter Sorten zu einem gemeinsamen Frühstück bei. Und erzählte mir während der Verkostung der Birnen, welche Sorte für was bekannt ist und welche wir hier anbauen könnten. Als er kurz darauf weiterzieht, freue ich mich für ihn und sein Leben, in dem er sich immer wieder eine Auszeit nimmt und umherwandert.

Gastfreundschaft tut gut – beiden Seiten

Der unerwartete Besuch war wunderbar. Wir haben uns über Themen ausgetauscht, die beide interessieren. Ich habe ein wenig über alte Obstsorten gelernt, die hier in der Region mal üblich waren. Und ich habe eine Schale voll Birnen geschenkt bekommen, die noch bis Ende der Woche jedes Frühstück bereichern wird. Er kam raus aus der Kälte, hat zwei gute Mahlzeiten bekommen und konnte in einem warmen Bett schlafen. Ich finde das normal.

Die Gastfreundschaft tut gut. Nicht nur den Gäst*innen. Diese bringen nämlich oft neue Sichtweisen, Ideen und Erfahrungen ein. Und es ist einfach nett gemeinsam zu sitzen und zu reden.

Schade finde ich bei dem Thema, dass Gastfreundschaft in unserer westlichen Gesellschaft immer weniger gelebt wird. Die Leute jetten um die halbe Welt und schwärmen dann von der Gastfreundschaft anderer Menschen in anderen Kulturen. Für exakt diese Menschen würden die meisten aber Zuhause in Österreich, Deutschland oder der Schweiz, die Tür nicht öffnen.

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13 Kommentare zu “Unerwarteter Besuch

  1. Ich habe übrigens bei ähnlichen Wanderungen und Radtouren einfach so ins Blaue hinein die Erfahrung gemacht, dass auch in Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern die Gastfreundschaft viel besser ist, als man meinen würde. Und zwar nicht nur bei Lebenskünstlern und Aussteigern, sondern bei ganz "normalen" Leuten. Ich habe mal mit einem Freund im Teutoburger Wald gezeltet, jede Nach in einem anderen Garten, wir haben einfach irgendwo geklingelt und gefragt, ob die Leute in der Nähe einen Platz wüssten, wo man zelten kann. Abgewiesen worden sind wir nirgends. Und in Schottland, Kanada, Holland und England habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht (ist ja auch alles Teil der "westlichen Gesellschaft"). Auch da waren es oft ganz normale Familien, die mir für eine Nacht einen Platz auf dem Sofa oder im Gästezimmer angeboten haben. Der Eindruck, dass das bei uns anders ist, entsteht eher, weil die meisten Menschen zu scheu sind, um Gastfreundschaft zu bitten oder weil die Gastgeber meinen, sie müssten irgendetwas besonderes bieten.

    Ich kann diese Art zu reisen sehr empfehlen. Wem es zu unsicher ist, ganz ins Blaue hinein zu starten, dem sei Couchsurfing, WWOOF oder HelpXChange ans Herz gelegt. Man erlebt ein Land, eine Region, eine Stadt ganz anders, wenn man bei Menschen zu Gast ist, die wirklich dort wohnen, als wenn man in einem Hotel oder Gasthaus absteigt.

  2. Daas hört sich richtig toll an! Das hast du (habt ihr) toll gemacht! Ja! …das macht sehnsüchtig nach Zeiten, in denen sowas normal war … normal werden könnte! Das wäre schön! … Und ich stimme Eva zu! :-)

  3. Hallo Michael,
    zuerst hast Du bestimmt einen Schreck bekommen :-)) Aber "böse Menschen" klopfen nicht vorher an, die kommen einfach rein. Aber davor braucht Ihr sicher keine Angst zu haben, die kommen nur dorthin, wo es etwas zu holen gibt :-)) Ihr müsst sicher eher mit Besuch von Hase und Fuchs rechnen, die mal gute Nacht sagen wollen!
    Ich habe die Erfahrung gemacht, je wilder die Gesellen aussehen, desto harmloser sind sie. Meine Söhne haben Zivildienst geleistet, daher weiß ich das :-))

    • Liebe Imme,

      ja, wenn ich ehrlich bin, hab ich mich ordentlich erschreckt im ersten Moment. Sowas ist hier ja noch nie vorher passiert, wenn ich alleine war! Aber im nächsten Augenblick war's auch schon wieder gut. :)

  4. Was für eine schöne Geschichte. Ich glaube, das viele Menschen in diesem Lande eher Angst vor dem Unvorhergesehenen haben. Es muss immer alles vorher genau geplant und vor allem die Wohnung präsentabel sein. Die äußere Präsentation hat einen größeren Stellenwert, als das einfache Zusammensitzen und ein paar Birnen essen.

  5. Das erinnert mich sehr an meine Kindheit in den 70ern im Innviertel, da wurde halt schon noch mehr gegenseitig angeklopft, auch überraschend und unerwartet. Jetzt passiert dies meistens nur mehr am Handy…Schon öfter denke ich über Überraschungsbesuche nach, denke darüber nach, wem in meinem Leben ein ungeplanter Besuch Freude bereitet und wer gar nichts damit anfangen kann und oft "gerade jetzt keine Zeit dafür hat" …

  6. Pingback: Michael allein zu Haus

  7. also, habt ihr euch auf tschechisch unterhalten??
    früher war das übrigens noch so richtig üblich, bei fremden einkehren zu können und mit speis und trank versorgt zu werden! immer wenn ich zB von mark twain lese, wird mir das bewusst.

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