Haben oder Sein
Dies könnte man schon als eine unserer ganz grundlegenden Fragen sehen, die uns leitet. Wollen wir immer mehr haben – uns überhaupt an Besitz und Materielles binden – oder wollen wir Sein?
Das gleichnamige Buch von Erich Fromm, einem der wohl wichtigsten Humanist*innen des letzten Jahrhunderts, behandelt auf seinen rund zweihundert Seiten diese Frage. Und ist aus meiner Sicht die wohl beste Einführung in die “Lebensweise des Seins”, wie Fromm es nennt, die wohl als eine der absoluten Grundlagen für ein gelingendes (Selbstversorger*innen-)Leben gelten darf.
Selbstsucht und Altruismus
Erich Fromm selbst schreibt im Vorwort, dass sich das Buch auf die Analyse von Selbstsucht und Altruismus, als zwei grundlegende Charakterorientierung, konzentriert. Diese beiden Eigenschaften sind Beispiele für die Unterschiede von “Haben” und “Sein”. Durch die verschiedenen Kapitel zeigt Fromm dann aus verschiedensten Betrachtungsweisen, worin sich die Unterschiede der beiden Lebensweisen zeigen, welche Folgen sie haben und zeichnet abschließend dann seine Vision einer humanisitschen, am Sein orientierten Gesellschaft.
Aus seiner Sicht ist die Orientierung der meisten Individuen und der Gesamtgesellschaft am “Haben”, also Materielles, Gier, Geiz, Konkurrenz, Profit, Kapitalismus und so weiter, nicht nur schädlich, es mache die Beteiligten krank. Ein Beispiel, wie er in “Haben” und “Sein” unterscheidet, möchte ich mit einer meiner Lieblingsstellen aus dem Buch zeigen:
Kann man Liebe haben? Wenn man das könnte, wäre Liebe ein Ding, eine Substanz, mithin etwas, was man haben und besitzen kann. Die Warheit ist, dass es kein solches Ding wie “Liebe” gibt. “Liebe” ist eine Abstraktion. [...] In Wirklichkeit gibt es nur den Akt des Liebens. Lieben ist ein produktives Tätigsein [so nennt E. Fromm eine der Kerneigenschaften des "Seins"], es impliziert, für jemanden (oder etwas) zu sorgen, ihn zu kennen, auf ihn einzugehen, ihn zu bestätigen, sich an ihm zu erfreuen – sei es ein Mensch, ein Baum, ein Bild, eine Idee. Es bedeutet, ihn (sie, es) zum Leben zu erwecken, seine (ihre) Lebendigkeit zu steigern. Es ist ein Prozess, der einen erneuert und wachsen lässt.
Wird Liebe aber in der Weise des Habens erlebt, so bedeutet dies, das Objekt, das man “liebt”, einzuschränken, gefangenzunehmen oder zu kotrollieren. Eine solche Liebe ist erwürgend, lähmend, erstickend, tötend statt belebend. Was als Liebe bezeichnet wird, ist meist ein Missbrauch des Wortes, um zu verschleiern, dass in Wirklichkeit nicht geliebt wird.
Das wichtigste Buch meines Lebens
Ich selbst habe das Buch in meinem Leben bis jetzt drei Mal gelesen – in meiner Jugend, mit Anfang Zwanzig und mit Ende Zwanzig. Jedes Mal haben mir andere Aspekte in meiner persönlichen Entwicklung geholfen, die Erich Fromm hervorhebt. Das schöne an dem Buch ist, dass er in hohem Alter ein Buch schreiben wollte, dass seine wichtigste Erkenntnis in einer für “Nicht-Gelehrte” zugänglichen Weise vermitteln sollte – und es ist ihm gelungen.
Die wichtige Erkenntnis, die durch dieses Buch in einer tiefen und verständlichen Weise vermittelt wird, kann sicher auch über den Buddhismus, die christliche Mystik oder weitere Quellen erreicht werden. Aber Erich Fromms Weg ist vielleicht für viele Menschen eine Abkürzung.
ISBN: 978-3423342346
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Danke, das hört sich gut an. Ich hab auch gleich jemanden im Kopf dem ich das zu Weihnachten schenken kann :) Vielleicht darf ich es dann auch mal lesen.
Grüße Bea
Sehr schön, das Buch kommt mal auf meine Wunschliste. Leider lesen solche Bücher in erster Linie Leute, die eh schon auf dem richtigen Pfad sind. Vielleicht sollte man es Frau Merkel schenken.
Ja, gute Idee! :D
Es gibt von Fromm auch das Buch: "Vom Haben zum Sein – Wege und Irrwege der Selbsterfahrung" – auch ganz interessant zu lesen.
Hallo Rene, weißt Du, ob er das vor oder nach “Haben oder Sein” geschrieben hat?
Hast Du beide gelesen?
Hallo Michael, ich glaube er hat es nach "Haben oder Sein" geschrieben.
Meines Wissens nach erschien "Haben oder Sein" erstmals 1976 und "Vom Haben zum Sein" viel später. Meine Ausgabe davon ist von 2005 – glaube die erste Ausgabe davon war aber 1991.
Ich habe beide gelesen. Kennt man das erstere, interpretiert man das letztere als Nachfolger. Man kann die beiden Bücher aber auch unabhängig voneinander lesen.
Beide sind auf jeden Fall eine Empfehlung wert.
lg Rene
Ja, interessant – dabei ist der Mann 1980 gestorben….
Aber danke Dir auf jeden Fall für die Info – vielleicht werde ich dann das zweite auch noch lesen, irgendwann.
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